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Der Zauber von Nouruz

Tisch mit den traditionellen sieben Nouroz-Speisen
Tisch mit den traditionellen sieben Nouroz-Speisen (© Imago Images / Pacific Press Agency)

Das persische und kurdische Frühlingsfest hat auch eine politische Dimension: Vor allem im Iran warten die Menschen auf den Sturz des Tyrannen, der der Tradition gemäß mit Nouruz verbunden ist.

Jan Vahlenkamp

Nouruz beziehungsweise Newroz, was »Neuer Tag« bedeutet, ist das persische und kurdische Neujahrsfest. Es gehört zu den ältesten noch lebendigen Festen der Menschheit und wird in vielen Ländern West- und Zentralasiens gefeiert. Sein Ursprung reicht wohl mehr als dreitausend Jahre zurück in die vorislamische Zeit des alten Irans. Zelebriert wird es am Frühlingsanfang, wenn Tag und Nacht gleich lang sind. Dies gilt als ein kosmischer Moment des Gleichgewichts. Im Iran dauern die Feierlichkeiten über zwei Wochen. Nouruz ist kein religiös gebundenes Fest, sondern ein natur- und jahreszeitlich verankertes Ritual, das den Sieg des Lichts über die Dunkelheit und des Lebens über den Winter symbolisiert, ähnlich wie auch das Yalda-Fest zur Wintersonnenwende.

Eine der bekanntesten mythischen Erklärungen für Nouruz ist die Legende um den sagenhaften König Jamshid. Ihm wird nachgesagt, dass er die Welt ordnete, Krankheiten besiegte und sogar die Daevas, die Dämonen, unterwarf. In einer berühmten Episode aus dem Schāhnāme, dem Buch der Könige des Dichters Abu’l-Qasem Ferdausi, ließ Jamshid sich auf einem Thron von Dämonen in den Himmel tragen. Als die Sonne auf ihn fiel, erstrahlte er in göttlichem Licht. Da riefen die Menschen: »Nouruz!«, denn ein neuer Tag war angebrochen. Diese Szene verbindet kosmische Ordnung, königliche Macht und die Überwindung des Chaos in einem einzigen Bild.

Bis heute ist Nouruz reich an symbolischen Bräuchen. Zentral ist der Haft-Sin-Tisch, auf dem sieben Dinge mit dem persischen Anfangsbuchstaben »S« arrangiert werden. Dazu gehören Grünes (Sabze), Malz (Samanak), Knoblauch (Sir), Mehlbeeren (Sendsched), Essig (Serkeh), Sumach (Somagh) und Äpfel (Sib), die jeweils für Gesundheit, Geduld oder Wohlstand stehen. Auch gefärbte Hühnereier, die Fruchtbarkeit symbolisieren und stark an Ostereier erinnern, finden sich oft auf einem Haft-Sin, ebenso Goldfische im Glas, das Buch Diwan des Dichters Hafis oder auch das bereits erwähnte Buch der Könige von Ferdausi.

Politische Dimension

Am Dienstagabend vor dem eigentlichen Neujahr wird beim Tschahar Schanbe Suri über ein Feuer gesprungen. Hier handelt es sich um ein Reinigungsritual, bei dem man symbolisch Krankheit und Unglück verbrennt. Am dreizehnten Tag schließlich, dem Sizdah Bedar, verlassen die Menschen ihre Häuser und verbringen den Tag in der Natur, um das Unglück der Zahl 13 zu bannen und das neue Jahr im Grünen zu begrüßen.

Eine zweite große Erzählung aus dem Buch der Könige, die eng mit Nouruz verbunden ist, handelt vom Schmied Kaveh. Er führte der Legende nach einen Aufstand gegen den tyrannischen König Zahhak, der von dämonischen Kräften beherrscht wurde und Menschenopfer verlangte. Kaveh erhob seinen Schmiedeschurz als Banner des Widerstands und wurde zum Symbol für Freiheit und Gerechtigkeit. Der Sieg über Zahhak wird in vielen Traditionen mit Nouruz verknüpft, wodurch das Fest eine politische Dimension erhält: Es steht nicht nur für den Frühling, sondern auch für die Befreiung von Unterdrückung.

Gerade für Kurden ist Newroz mehr als nur ein Frühlingsfest, es ist ein zutiefst politisch aufgeladenes Symbol. In der Türkei wurde das Fest über lange Zeit unterdrückt oder nur in staatlich kontrollierter Form zugelassen. Dennoch – oder gerade deshalb – entwickelte es sich zu einem zentralen Anlass für kurdische Identitätsbekundungen und Proteste. Massendemonstrationen, oft begleitet von Fahnen, Musik und Reden, sind bis heute Teil der Newroz-Feiern.

In diesem Zusammenhang dürften auch die meisten Deutschen zum ersten Mal von Newroz gehört haben. Anfang der 1990er-Jahre kam es in zahlreichen deutschen Städten erstmals zu großen Demonstrationen anlässlich des Newroz-Festes, um gegen die anti-kurdische Repression in der Türkei oder auch gegen das 1993 vom deutschen Innenminister Manfred Kanther erlassene Verbot der PKK zu demonstrieren. Die Newroz-Demonstrationen blieben dabei nicht immer friedlich.

Die Geschichte von Nouruz ist auch eine Geschichte der Verbote. In der Sowjetunion galt es als religiös rückständig, wurde offiziell verboten und durch politisch-ideologische Feiertage ersetzt. In der Türkei war das Fest zeitweise als separatistisch gebrandmarkt. Heutzutage wird Newroz hier mittlerweile unter dem Namen Nevruz, womit das Fest in eine Tradition der Turkvölker gerückt wird, auch mit staatlichem Segen gefeiert. Auch in Assads Syrien war Newroz verboten, bis in Rojava eine kurdische De-facto-Unabhängigkeit und Selbstverwaltung erkämpft wurde und damit Newroz öffentlich gefeiert werden konnte. Drastisch ist die Situation derzeit in Afghanistan unter den Taliban, die Nouruz als unislamisch ablehnen. Hier wird das Fest im Privaten begangen.

Im Schatten des Konflikts

Nach der Islamischen Revolution im Iran versuchten die Mullahs zunächst, Nouruz als nicht-islamisches Fest zurückzudrängen. Doch diese Bemühungen waren erfolglos, denn das Fest war zu populär. So wurde auch hier versucht, Nouruz im Sinne der herrschenden Ideologie umzudeuten. Der zu Beginn des aktuellen Kriegs getötete Oberste Führer Ali Khamenei verlas jedes Jahr zu Nouruz eine programmatische Rede. Unter seinem Nachfolger Mojtaba Khamenei, dessen Schicksal nach wie vor ungewiss ist, wird dies in diesem Jahr mit Sicherheit nicht geschehen.

Insgesamt wird Nouruz heute von über dreihundert Millionen Menschen gefeiert: Im Iran, in den kurdischen Gebieten, in Afghanistan, in Zentralasien, im Kaukasus, teilweise selbst auf dem Balkan, wo es in Albanien sogar offizieller Feiertag ist, und in der Diaspora weltweit. Die UNESCO hat es als immaterielles Kulturerbe anerkannt, und in vielen Ländern ist es offizieller Feiertag. Für die Weltreligion der Bahai ist Nouruz auch ein religiöser Feiertag.

In diesem Jahr steht Nouruz erneut im Schatten politischer Konflikte, denn die Islamische Republik Iran führt mittlerweile Krieg nach innen und nach außen. Viele große Nouruz-Feiern im Iran oder in der angrenzenden Autonomen Region Irakisch-Kurdistan, die zum Ziel iranischer Raketen geworden ist, sind abgesagt worden. »In diesem Jahr schauen wir nur in den Himmel und warten auf den Fall dieses Regimes«, zitierte der Sender Iran International eine Stimme aus dem Land.

Der Zauber von Nouruz liegt nicht nur im Frühling, sondern in seiner Fähigkeit, selbst unter den härtesten Bedingungen stets ein neues Licht zu entzünden und auf den Schmied Kaveh der heutigen Zeit zu warten, der den Tyrannen stürzt.

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