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Sexuelle Gewalt, Leugnung und Videobeweise: Der Umgang mit den Kriegsverbrechen der Hamas

Protest gegen die Rechtfertigung sexueller Gewalt gegen Israelis durch die propalästinensische Szene
Protest gegen die Rechtfertigung sexueller Gewalt gegen Israelis durch die propalästinensische Szene (© Imago Images / Avalon.red)

Sexuelle Gewalt gegen israelische Opfer ist dokumentiert – und doch werden sie im Nahostdiskurs relativiert. Wie die Leugnung der Hamas-Verbrechen Teil einer größeren Erzählung geworden ist.

Gerade einen Monat nach der Rückkehr der letzten lebenden israelischen Geiseln aus dem Gazastreifen ist der Angriffskrieg gegen Israel noch lange nicht zu Ende. Er wird fortgesetzt, verzweifelt und verbissen, wenn auch mit vertrauten Mitteln. Seine Schlachtfelder sind die Straßen, die Redaktionsräume und die Hörsäle des Westens.

Das zeigte sich zum Beispiel am 27. Oktober in Halle, wo eine Lesung an der Martin-Luther-Universität (MLU) zum Schauplatz einer zynischen Spielart dieses Diskurses wurde. Unter dem Titel »Völkermord in Gaza?« versammelten sich Akademiker und Aktivisten, um Israels Vorgehen zu dekonstruieren – und verfehlten dabei den moralischen Ernst, den das Thema verlangt. Während der Terrorangriff der Hamas kaum Erwähnung fand, wurde Israel pauschal zum Aggressor erklärt.

»Gerade in Halle, einer Stadt, die 2019 Ziel eines antisemitischen Terroranschlags wurde, trägt die Universität eine besondere Verantwortung«, mahnte Niklas David Gießler, Vorstand des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Halle. Die akademische Freiheit sei ein hohes Gut, ergänzte Gießler, dürfe aber nicht dem Zweck dienen, einseitige Schuldzuweisungen und dämonisierende Rhetorik zu propagieren.

Eine der Teilnehmer an der kontroversen Lesung war die Politikwissenschaftlerin Helga Baumgarten. Als jahrzehntelange Professorin an der Bir Zait Universität in Ramallah gilt Baumgarten als eine auffällige Stimme des Nahostdiskurs.

Baumgartens Einlassungen zur Lage im Gazastreifen folgten dann auch dem einschlägigen Muster: Israel trage die Hauptverantwortung, die Hamas sei im Kern eine Reaktion auf Besatzung und Elend, ihr Massaker vom 7. Oktober 2023 sein ein »Ausbruch aus dem Gefängnis« und eine »vom internationalen Recht abgedeckte Widerstandsaktion«. Was jedoch an jenem Abend besonders starke Irritation auslöste, war weniger diese politische Setzung als die Verneinung dokumentierter Verbrechen, vor allem der sexualisierten Gewalt, die Hamas-Kämpfer verübt hatten. So warfen Anwesende Baumgarten vor, behauptet zu haben, es gebe diesbezüglich »bis dato keinen einzigen bestätigten Fall einer Vergewaltigung«.

Geraubte Lebensfreude

Die 22-jährige Deutsch-Israelin Shani Louk wurde am 7. Oktober 2023 von der Hamas ermordet. Ihre geschändete, halbnackte Leiche wurde auf der Ladefläche eines Pick-up durch den Gazastreifen gefahren und einem jubelnden Publikum wie eine Trophäe präsentiert. Dass wissen wir längst, weil Shani Louks Entführer sich selbst bei diesem barbarischen Akt filmten und die Aufnahmen online verbreiteten.

Das Videomaterial wurde auf Plattformen wie Telegram und X veröffentlicht, oft über Konten, die der Hamas nahestehen oder deren Narrative weitertragen. Ausschnitte tauchten ebenfalls auf Instagram und TikTok auf, teils im Kontext von Solidaritätsbekundungen, teils im Rahmen propalästinensischer Propaganda-Postings.

Ende Oktober 2023 stieß die israelische Bergungseinheit ZAKA auf ein Schädelfragment von Shani Louk. Aber erst Mitte Mai 2024 wurden ihre sterblichen Überreste durch den israelischen Inlandsgeheimdienst Shin Bet in einem Tunnel unter einem Gebäude des UNRWA entdeckt, und zwar gemeinsam mit den Leichnamen zweier weiterer Opfer des Nova-Festivals.

In den sozialen Medien wurde die junge Frau nach ihrem Tod zur Zielscheibe zynischer Hetze. Nutzer bezeichneten sie fälschlich als Reservistin der israelischen Armee und erklärten sie deshalb zum »legitimen Ziel« eines angeblich de-kolonialistischen Widerstands. Tatsächlich war sie Pazifistin und hatte den in Israel verpflichtenden Militärdienst aus Überzeugung verweigert. Dank ihrer deutschen Staatsbürgerschaft wurde sie vom Militärdienst befreit. Gerade diese Fakten machen die nachträgliche Diffamierung so aufschlussreich: Sie zeigt, wie bereitwillig ideologische Gegner Israels selbst überprüfbare Tatsachen verdrehen, um Gewalt moralisch umzudeuten.

Dank jener Universitätsveranstaltungen wie jene jüngst an der MLU in Halle, wo Wissenschaftler antiisraelische Relativierungen kultivieren, wird der Leidensweg von Shani Louk weiter relativiert und verleugnet. Radikale Angehörige der propalästinensischen Bewegung behaupten bis heute, Louk sei kein Opfer sexueller Gewalt gewesen, mit der Begründung, es gebe dafür keine zum Beispiel rechtsmedizinisch belastbaren Beweise einer Vergewaltigung, sondern nur Indizien.

Diese Argumentation greift zu kurz. Denn das öffentliche Zurschaustellen ihres geschändeten Körpers, die Erniedrigung, das Bespucken, die Verschleppung durch schwerbewaffnete Männer – all dies erfüllt die Kriterien geschlechtsspezifischer und sexualisierter Gewalt, wie sie in der internationalen Menschenrechtsdefinition verstanden wird. Es handelt sich um einen deutlich erkennbaren Akt der Demütigung und Entmenschlichung einer Frau, und dieser Akt wurde als Mittel der Kriegspropaganda eingesetzt.

Systematische Verbrechen

Es gibt aus mehreren israelischen Orten eine Vielzahl an Belegen, die ein erschütternd konsistentes Bild über die massiven Hamas-Kriegsverbrechen demonstrieren. Neben den bekannten Handyaufnahmen der Angreifer existieren Aufzeichnungen von Bodycams, die Hamas-Kämpfer trugen und später von israelischen Ermittlern ausgewertet wurden. Ebenso existieren Videos aus Dashcams von Zivilfahrzeugen, aus Überwachungskameras auf den Zufahrtsstraßen zu Kibbuzim sowie aus fest installierten Sicherheits- und Militärkameras an den Grenzposten. Hinzu kommen Funkmittschnitte.

Ergänzt werden diese durch Drohnenaufnahmen und Bildmaterial, das israelische und internationale Medien forensisch überprüft haben. Analysen, die von der NGO Human Rights Watch in ihrem Methodikbericht bestätigen, dass zahlreiche dieser Aufnahmen authentisch sind, teils direkt von Geräten gefallener Hamas-Terroristen stammen und anhand von Metadaten, Geolokalisierung und Zeitstempeln überprüft wurden.

Hinzu kommen die Geständnisse lebend gefasster Hamas-Kämpfer, die in israelischen Ermittlungsakten dokumentiert sind und in Teilen von internationalen Medien eingesehen wurden. Nicht zuletzt kommen befreite Geiseln selbst zu Wort. Zu den erschütterndsten Zeugnissen zählt der Bericht des 21-jährigen Deutsch-Israelis Rom Braslavski. In einem Interview schilderte er, wie er entkleidet, gefesselt und sexuell missbraucht wurde – gezielt, um ihn zu erniedrigen und zu brechen. »Ich bin dem Teufel begegnet«, erklärte Braslavski.

Es ist offiziell

Bei der Aufarbeitung der Hamas-Verbrechen spielt die aus Mauritius stammende Juristin Pramila Patten, UN-Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt in Konflikten, eine zentrale Rolle. Ihr nach einem Besuch in Israel erstellter und im Februar 2024 veröffentlichter Bericht dokumentiert »klare und überzeugende Beweise« für systematische sexualisierte Gewalt während der Hamas-Angriffe. Patten kam zu dem Schluss, dass diese Gewalt nicht zufällig, sondern methodisch als Kriegswaffe eingesetzt wurde.

Eine eindringliche Bestätigung fand diese Einschätzung im maßstabsetzenden Dinah Report, offiziell A Quest for Justice: October 7 and Beyond, der am 25. Juni 2024 von einer israelischen NGO aus Juristinnen und Genderexpertinnen veröffentlicht wurde. Die Organisation benannte sich nach Dinah, der in der Genesis vergewaltigten Tochter Jakobs – ein bewusst gewähltes Symbol für den Anspruch auf Gerechtigkeit und Erinnerung.

Der Bericht gilt als bislang umfassendste juristische Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt vom 7. Oktober. Er versteht die Taten nicht als isolierte Übergriffe, sondern als vorsätzliche, strategisch geplante Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Seine Methodik ist entsprechend forensisch: Eidesstattliche Zeugenaussagen, Interviews mit Ersthelfern und medizinischem Personal, Auswertung von Video- und Bildmaterial sowie detaillierte Gutachten. Ziel ist die Schaffung einer rechtlichen Grundlage für künftige Verfahren und die Widerlegung jener Leugnungen, die das Leid der Opfer politisch relativieren wollen.

Schließlich spricht es für sich, dass selbst die Vereinten Nationen – gewiss keine Institution, die man voreilig einer israelfreundlichen Parteinahme bezichtigen könnte –, sich im vergangenen August dafür entschied, die Hamas offiziell in ihre Schwarze Liste der Konfliktparteien aufzunehmen, die sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe einsetzen. Der entsprechende Bericht des Generalsekretärs führt die Terrororganisation unter jenen »Parteien, die glaubhaft verdächtigt werden, in bewaffneten Konflikten Vergewaltigungen oder andere Formen sexueller Gewalt begangen zu haben oder dafür verantwortlich zu sein«.

Damit erkennt die UNO endlich und ausdrücklich an, dass die am 7. Oktober 2023 verübten Gräueltaten keine Zufallstaten waren, sondern Teil einer systematischen Strategie. Es ist eine späte, aber bedeutsame Korrektur – ein Eingeständnis, das die Faktenlage bestätigt und all jenen die Grundlage entzieht, die das Leid der Opfer bislang politisch oder ideologisch zu relativieren suchten.

Es ist nicht anders als heuchlerisch zu bezeichnen, dass ausgerechnet jene »Feministinnen«, die das von westlichen weißen Männern begangene Catcalling als Kapitalverbrechen betrachten, gleichzeitig die vielschichtige sexualisierte Gewalt der Hamas relativieren. Der Einwand, es gebe »keinen Beweis einer Vergewaltigung«, verkennt den völkerrechtlichen Rahmen: Sexualisierte Gewalt umfasst weit mehr als Penetration. Nach UN-Definition sowie dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs gilt jede Handlung als sexualisierte Gewalt, die den Körper in geschlechtsspezifischer Weise erniedrigt, entmenschlicht oder zur öffentlichen Zurschaustellung missbraucht.

Doch die Vorgänge in Halle zeigen, dass die Einsicht in die Realität dieser Verbrechen keineswegs selbstverständlich ist. Allzu oft kleidet sich alter Antisemitismus noch immer in das Gewand vermeintlicher Israelkritik – und findet damit, selbst in akademischen Räumen, eine beunruhigend vertraute Resonanz.

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