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Der Terroranschlag in Be’er Sheva wirft viele Fragen auf

Handyvideo von der Überwältigung des Terroristen von Be'er Sheva
Handyvideo von der Überwältigung des Terroristen von Be'er Sheva (Quelle: JNS)

Innerhalb von drei Wochen erlebte Israel acht Terroranschläge, mehrheitlich verübt in Jerusalem. Der Anschlag in der Großstadt Be’er Sheva war der blutigste in dieser Reihe.

Für fast zehn lange Minuten spielten sich nervenzerrüttende Szenen bei einem Anschlag in einem Freilufteinkaufszentrum in der südisraelischen Stadt Be’er Sheva ab. Kurz nach Anlaufen der TV-Sondersendungen tauchten auch von Umstehenden gefilmte Video-Clips auf.

In einem der Clips sieht man einen Mann auf einer Straße herumlaufen. Man hört Rufe auf Hebräisch als auch auf Arabisch: »Lass das Messer fallen!«

Ein weiterer Mann kommt ins Bild. Seine Uniform weist ihn als Busfahrer aus. Mit gezogener Schusswaffe nähert er sich dem Mann, der ohne Unterlass mit dem Messer herumfuchtelt, und redet auf ihn ein.

Der Angesprochene weicht zurück, nur um wieder auf den Busfahrer zuzuspringen, der schließlich seine Waffe abfeuert. Ein weiterer Zivilist, der ins Bild rückt, feuert ebenfalls. Später stellen Sanitäter noch an Ort und Stelle den Tod des Attentäters fest.

Seit rund fünf Jahren sah Israel keinen so blutigen Anschlag, der vier Menschen das Leben kostete: zwei dreifachen Müttern, einem Rabbiner, der vier Halbwaisen hinterlässt, sowie einem älteren Mann. Zwei Schwerverletzte konnten im Laufe des Abends als außer Lebensgefahr eingestuft werden.

Schwierige Erkenntnisse

Schnell war klar: Vor Ort waren keine bewaffneten Beamten zugegen. Für die Sicherheitsdienste kam der Anschlag überraschend. Es hatte keine akute Warnung für den Süden des Landes vorgelegen.

Während im Gazastreifen freudig Süßigkeiten verteilt wurden und die dort agierenden Terrororganisationen den »heroischen Akt« bejubelten, erfuhr man, dass der Attentäter ein 34-jähriger muslimisch-beduinischer Staatsbürger aus dem nahe Be’er Sheva gelegenen Hura ist.

Die Informationen gingen im Minutentakt ein, darunter jene, dass der Attentäter zum Stamm Abu al-Qian gehört und 2015 zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde. Als Lehrer hatte er versucht, unter Schülern für die Ideologie des Islamischen Staates zu werben, hatte konspirative Treffen organisiert und beabsichtigt, selbst als IS-Kämpfer in Syrien mitzumischen.

Obwohl ihn die Sicherheitsbehörden als »tickende Zeitbombe« bezeichnet hatten, wurde er frühzeitig aus der Haft entlassen. In den ersten Stunden nach dem Attentat gab es keine Antwort auf die Frage, was er seit der Freilassung im Jahr 2019 gemacht hatte.

Schock nicht nur in Be’er Sheva

Für die bevorstehende sensible Zeit der hohen jüdischen Pessach-Feiertage, die dieses Jahr mit dem muslimischen Ramadan-Fastenmonat zusammenfallen, wurde zwar schon im Vorfeld Alarmbereitschaft angekündigt, doch niemand rechnete bereits zum jetzigen Zeitpunkt mit einer blutigen Tat; erst recht nicht in Israels Peripherie.

Die Einwohner Be’er Shevas und des nördlichen Negev waren sich hingegen einig: Die Zeichen stehen schon lange auf Sturm. Seit Jahren hat das organisierte Verbrechen, das fast ausschließlich in beduinische Hände übergegangen ist, beinahe den ganzen Negev fest in der Hand, und auch beduinische Stammesfehden schwappen immer häufiger auf die gesamte Gesellschaft über, wie im Herbst 2021 vor dem Soroka-Krankenhaus in Be’er Sheva.

Zwar wurden im Nachhinein die Präsenz von Polizei, Grenzpolizei und Armee aufgestockt, verbesserte Überwachungsmaßnahmen angekündigt und große Mengen illegaler Schusswaffen konfisziert. Da die Maßnahmen aber bloß der berühmte Tropfen auf den heißen Stein waren, lebten die Einwohner weiterhin mit einem zutiefst erschütterten Sicherheitsgefühl.

Das gilt nicht nur die jüdische Gesellschaft, die, wie nicht zuletzt der gestrige Anschlag zeigt, neben der Kriminalität zusätzlich auch noch mit ideologisch motiviertem Terror zu ringen hat, was erneut Forderungen nach Verstärkung bewaffneter Bürgerwehren laut werden ließ.

Einige sehen in solch einer Maßnahme die Lösung aller Probleme, andere wiederum warnen, dass der Negev dann endgültig zum gesetzlosen »Muddle East« werden würde.

In dieser Atmosphäre ging beinahe unter, dass der Anschlag durchwegs scharf verurteilt wurde, auch von den arabischen Parteien der Knesset, was keineswegs alltäglich ist.

Angespannte Lage

Auch die Aussage des Busfahrers, dass er nur geschossen habe, weil ihm keine andere Wahl blieb und man dem am Boden Liegenden hätte helfen müssen – »Er ist doch auch ein Mensch« –, ging im Eklat um die gesetzlich vorgeschriebene Untersuchung der Waffe des zweiten Schützen unter.

Weil dieser seine Waffe der Polizei nicht aushändigen wollte, kam es zu veritablen Streitigkeiten. Aufgebrachte Aktivisten, die vermuteten, es könnte zu einem zweiten Fall Elor Azaria kommen, der als Soldat im Jahr 2018 in Hebron Schüsse auf einen bereits außer Gefecht gesetzten Attentäter abgab, ließen die Polizei schnell einlenken.

Das beruhigte die Lage in der Nacht, beschwichtigte die Gemüter jedoch nicht und ließ überdies so manche Fragen und vor allem Zweifel nicht verstummen.

Quälende Fragen

Nicht nur die Einwohner des Südens fragen sich, wie es nun weitergehen soll. Allen ist klar, dass eine ähnlich erschütterte Sicherheitslage im Norden des Landes besteht, wo genau wie im Negev ein nennenswerter Anteil arabischer Bürger lebt.

Diesbezügliche Fragen gehen in Richtung Polizei und Sicherheitsdienste, aber auch an die Justiz:

  • Wo waren bewaffnete Beamte, wenn die Sicherheitsmaßnahmen doch angeblich verbessert wurden?
  • Warum traf die Polizei erst so spät ein?
  • Wie konnte ein Mann, den der Inlandsgeheimdienst Shabak als »tickende Zeitbombe« bezeichnet hatte, frühzeitig auf freien Fuß kommen?
  • Und wo waren nachfolgend die Sicherheitsdienste? Hatten sie ihn nach seiner Haftentlassung überhaupt weiterhin im Auge?

Andere hört man laut darüber nachdenken, wie es soweit kommen kann, dass im Dienst des Erziehungsministeriums stehende israelische Bürger für die Ideologie des IS anfällig werden.

Das alles sind anklagende Fragen, die zu Recht aufgeworfen werden, für viele aber hinter quälenden Zweifeln zurückstehen: Wieso investiert die Regierung große Geldsummen in die beduinische Gesellschaft, wenn die arabischen Bürger dem Staat Israel gegenüber sowieso keine Loyalität zu verspüren scheinen?

Die jüdische Gesellschaft Israels, die diese ebenso berechtigten wie brennenden Fragen stellt, hat sich aber auch mit unbequemen Fragen bezüglich der eigenen Rolle zu befassen. Auf der anderen Seite darf die arabische Gesellschaft Israels berechtigterweise auf »Affirmative Action« bestehen, muss aber genauso mit sich selbst ins Gericht gehen, wenn es um die eigene Haltung bezüglich ihrer staatsbürgerlichen Pflichten geht.

Darüber hinaus kann man nur hoffen, dass alle Bürger des Staates Israel im Hinterkopf behalten, dass nicht ganz Be’er Sheva am Abend des Anschlags »Tod den Arabern« skandierte und nicht alle Einwohner von Hura Anhänger des IS sind.

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