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Der Samstag, der die Seiten der Geschichtsbücher im Iran umblätterte

Iranische Demonstranten in Rom stoßen auf den Tod von Ali Khamenei an
Iranische Demonstranten in Rom stoßen auf den Tod von Ali Khamenei an (© Imago Images / ABACAPRESS)

Für viele Außenstehende mag schwierig zu verstehen sein, wie sich die iranische Bevölkerung über einen Angriff auf ihr Land freuen kann.

Negar Jokar

Währen der Samstag im weltweiten Kalender der Beginn der Wochenendruhe ist, war er im Iran stets ein Symbol für die Erledigung bürokratischer Wege. Doch dieser Samstag unterschied sich von allen Samstagen der jüngeren Geschichte des Irans. So schreckten die Menschen nicht durch den Wecker, sondern durch das gewaltige Dröhnen von Explosionen aus dem Schlaf. Die Nachrichten waren kurz und schrecklich: Mit Beginn der israelisch-amerikanischen Angriffe ist der Iran ist offiziell in den Krieg eingetreten.

Für politische Analysten war diese Konfrontation seit Langem vorhersehbar, doch der Krieg hat Dimensionen, die für normale Bürger stets unvorstellbar und überraschend bleiben. Die Geschwindigkeit der Entwicklungen im Iran ist schwindelerregend; es ist, als ob die Zeit komprimiert wurde und die Nation in einem Strudel aus Protest, Unterdrückung und nun Krieg gefangen ist.

Schnell deuteten erste Berichte darauf hin, dass die Residenz des Revolutionsführers ins Visier genommen wurde. Zeitgleich mit dem Beginn der Kämpfe wurden die Kommunikationsströme des Landes unterbrochen. Die Organisation NetBlocks bestätigte, dass der Iran in ein vollständiges Internet-Blackout gestürzt ist, wobei die nationale Konnektivität auf den Wert von vier Prozent sank. In einem Land, das stets am Rande der Krise lebt, bringt diese digitale Isolation eine zusätzliche Ebene von Angst mit sich.

Während die offiziellen Nachrichtenkanäle der Islamischen Republik Meldungen über Angriffe und zivile Opfer der Luftschläge sendete und dabei tote Kinder, getroffene Mädchenschulen und Krankenhäuser in den Mittelpunkt der Berichterstattung rückten, wurde nach einigen Stunden des Dementierens dann jene Nachricht verbreitet, auf die viele Iraner jahrzehntelang gewartet hatten: »Ali Khamenei wurde getötet.«

Unmittelbar nach dieser Meldung herrschte ungläubige Stille: Es war, als ob das Herz der Nation für einen Augenblick stillstand, doch dann ergoss sich eine Flut der Freude über das Land. Menschen, die jahrelang unter dem Schatten der Tyrannei zu leiden und unverstellbare Verluste zu erleiden hatten, strömten auf die Straßen, tanzten im Rauch und jubelten inmitten der Trümmer.

Obwohl viele sich wünschten, Ali Khamenei in Sträflingskleidung vor einem Gericht zu sehen, wo er für all seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen würde, löste sein Tod eine Welle der Erleichterung bei jenen Menschen aus, die jahrelang von ihm und seinem Unterdrückungsapparat drangsaliert worden waren.

Paradoxon

Für viele Nicht-Iraner mag es schwierig zu verstehen sein, wie sich ein Volk über einen Angriff auf sein eigenes Territorium freuen kann. Die Antwort liegt in den tiefen Wunden, die dieser Gesellschaft vom herrschenden Regime zugefügt wurden.

Die nun jubelnden Menschen sind die Überlebenden der Proteste, die kürzlich auf brutalste Weise niedergeschlagen wurden. Wehrlose Menschen, die für ihre Bürgerrechte auf die Straße gingen, wurden gnadenlos vom Regime dafür getötet. Auch weiterhin werden immer neue Informationen über das Ausmaß der Unterdrückung, der Inhaftierungen und der Morde veröffentlicht, die zeigen, wie weitreichend und grauenhaft die Dimensionen der Repression waren. Bei den Beisetzungen vieler Getöteter riefen die Menschen Parolen gegen die Regierung der Islamischen Republik und Ali Khamenei. Viele tanzten an den Gräbern der Verstorbenen, jedoch nicht in einem Ausdruck von Freude, sondern als Zeichen des Protests und im Sinne von Trauer und Schmerz.

Für die Unterdrückungskräfte spielte es keine Rolle, auf wen sie schossen – ob Kind, Jugendlicher oder Greis; das Einzige, was für sie zählte, war, auf protestierende Bürger in höchstmöglicher Zahl zu schießen und sie zu töten. So wurden seit Beginn der Proteste mehr als zweihundert Kinder durch Regierungstruppen getötet.

Nun stehen die Iraner inmitten eines gewaltigen Paradoxons: Sie sind außer sich vor Freude über den Sturz des Symbols der Tyrannei und das Ende der dunklen Ära eines Diktators, doch gleichzeitig weinen sie um die Menschen, die unter den Trümmern des Kriegs ihr Leben lassen. In diesen Tagen beschäftigt ein quälendes Thema die Gemüter: Dass Ali Khamenei bereit war, für nur einen weiteren Monat an der Macht tausende unschuldige Bürger und Demonstranten auf grausamste Weise ermorden zu lassen.

Aktuell befindet sich das Land zwischen zwei Feuern: Jenem, das durch Fremde vom Himmel herabfällt, und dem, das seit Jahrzehnten von innen heraus dieses Land verbrennt. Heute verbindet sich die Besorgnis wegen des Kriegs mit dem Jubel über den Zusammenbruch.

Die Geschichte hat gezeigt, dass kein Diktator ewig währt, doch der Preis für die Freiheit im Nahen Osten wurde stets auf die teuerste Weise gezahlt. Der Iran befindet sich nun in einem beängstigenden, aber zugleich hoffnungsvollen Zustand. Die Menschen, die den Krieg erleben, wissen, dass dieses blutige Ende vielleicht ein Neubeginn ist, in der kein Kind mehr zur Zielscheibe und kein junger Mensch mehr für die bloße Forderung nach seinen Rechten begraben wird.

Der vergangene Samstag war der Tag des Endes eines langen Albtraums, selbst, wenn das Erwachen inmitten eines Kriegs stattfand. Ob der Iran aus diesem Zustand wieder aufersteht oder nicht, hängt davon ab, wie aus diesem Widerspruch von Schmerz und Freude ein Weg in ein Morgen gefunden wird, in dem es weder Nachrichten von einem Diktator noch das Dröhnen von Raketen gibt.

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