Der Regimewechsel, um den es den iranischen Frauen geht

Als die Islamische Republik 1979 nach dem Sturz des Schahs an die Macht kam, war ich ein zweijähriges Mädchen in dem nordiranischen Dorf Ghomikola. Wie alle Mädchen musste ich ab sieben das Kopftuch tragen. Iranische Frauen können nicht als Richterinnen fungieren oder dem Rat angehören, der die Gesetze überprüft, sie können ohne die Zustimmung ihres Mannes nichts ins Ausland reisen oder die Scheidung beantragen, sie dürfen Sportereignissen nicht beiwohnen. Als ich mich scheiden ließ, verlor ich das Sorgerecht für meinen Sohn, weil das Gesetz die Männer begünstigt. Nur in Saudi-Arabien ist es ebenso schlimm, und dort werden jetzt einige Regeln gelockert. (…)

Ich musste 2009 aus meinem Heimatland fliehen, um während der politischen Unruhen nicht verhaftet zu werden. Fünf Jahre später begann ich zunächst von London und dann von New York aus die Onlinekampagne ‚My Stealthy Freedom‘. Ich forderte Frauen auf, auf meiner Facebook-Seite Bilder von sich ohne Hijab zu posten. Die Zeitungen der Hardliner prophezeiten der Bewegung ein schnelles Ende, doch haben mir inzwischen tausende Frauen Bilder ihres stillen Aufstands geschickt. Im letzten Jahr starteten wir die Initiative ‚Weißer Mittwoch‘ als wöchentlichen Straßenprotest, bei dem Frauen ihre Kopftücher entweder in der Öffentlichkeit abnehmen oder aus Solidarität die Farbe weiß tragen.

Diese Form des Aktivismus bereitet dem Regime offensichtlich Sorgen. Im Jahr 2014, als wir mit unserer Bewegung begannen, gab die iranische Polizei bekannt, dass sie 3,6 Millionen Mal wegen eines schlecht sitzenden Hijabs eingegriffen habe – mehr als wegen jeder anderen Straftat. Danach gaben sie keine Zahlen mehr bekannt. Die Regierung gab 2015 der Analyse eines Teheraner Universitätsprofessors zufolge hunderte Millionen Dollar für die Förderung des Verschleierungszwangs aus und nutzte dazu die staatlichen Medien sowie Plakatwände und Flugblätter. Das Regime erklärte 2016, es setze 7000 verdecke Sittlichkeitspolizisten in Teheran ein, um die Schleierpflicht durchzusetzen. Die Propaganda und das Durchgreifen haben den Widerstand aber nicht eindämmen können. (…)

Am 8. März, dem Internationalen Frauentag, beschimpfte das religiöse Staatsoberhaupt des Iran die Frauen, die sich gegen die Verschleierungspflicht wehren, wüst und machte den Westen für ihren Widerstand verantwortlich. Die Feinde des Iran, sagte er, hätten sich darin betätigt, den Protest zu fördern, damit ‚ein paar Mädchen dazu verleitet werden, ihre Kopftücher abzunehmen‘. Früher fürchteten lediglich die Frauen die Islamische Republik. Nun fürchtet auch die Islamische Republik die Frauen. Wir wollen, dass Frauen im Iran die gleichen Rechte haben wie die Männer. Vielleicht gelingt es uns, noch vor den Vereinigten Staaten eine Präsidentin ins Amt zu wählen. Das ist der Regimewechsel, um den es uns geht.“ (Masih Alinejad: „The Mullahs’ Biggest Fear: Iranian Women“)

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