Während privilegierte Aktivisten die Kufiya als modisches Accessoire ihrer Judenfeindlichkeit tragen, erkennen sie in den Palästinensern nur Opfer oder Märtyrer.
Die Schlachtparole »Free Palestine«, die seit dem 7. Oktober 2023 mehr denn je zur globalen Kampfansage radikalisierter Milieus gereift ist, markiert den Gipfel eines geschichtlichen Identitätsdiebstahls. Tatsächlich handelt es sich um einen Fall kultureller Aneignung. Die Dreistigkeit dieses semantischen Raubzugs zu benennen, markiert keinen Nebenschauplatz, sondern ist ein notwendiger, kritischer Hinweis auf die Unverfrorenheit eines doppelten Rassismus, der die heutige Intifada und ihre Propagandisten prägt.
Hinter der Verwendung von »Free Palestine« verbirgt sich eine bizarre Ironie der Geschichte: In den 1940er-Jahren nutzten ausgerechnet jüdische Untergrundbewegungen wie Irgun (Etzel) und Lechi den Ruf »Free Palestine«. Für diese Gruppen war es ein leidenschaftlicher Appell zur Befreiung des jüdischen Heimatlandes von der britischen Mandatsmacht, die Holocaust-Überlebenden die Einreise verweigerte und die Gründung eines jüdischen Staates blockierte. Organisationen wie die American League for a Free Palestine füllten unter diesem Slogan ganze Stadien in den USA. Mit dem Broadway-Stück A Flag Is Born brachten sie den Freiheitswillen eines Volkes auf die Bühne, das gerade der Vernichtung entronnen war.
Damals forderte der Slogan »Free Palestine« jüdische Souveränität in einem Land, das unter kolonialer Verwaltung stand. Erst mit der Gründung der PLO im Jahr 1964 und der späteren Charta der Hamas wurde die Parole radikal umgedeutet und für das Ziel der Vernichtung Israels instrumentalisiert.
Von Pathos und Paternalismus
Die heutige propalästinensische Bewegung, reichlich bevölkert von privilegierten, sich progressiv dünkenden »White Saviors«, hat diesen Begriff endgültig gekapert und ihn in eine Waffe des Ressentiments verwandelt. Im Westen wird mit ihm die Kufiya, das »Palästinensertuch«, nicht als Ausdruck echter Verbundenheit, sondern mittlerweile nur noch als modisches Accessoire einer tiefsitzenden Feindlichkeit gegen den jüdischen Staat getragen. »Free Palestine« fungiert als Werkzeug einer Ideologie, die schließlich für zwei Bevölkerungsgruppen eine existenzielle Bedrohung darstellt: In derselben Geste, mit der sie die Israelis entmenschlicht, werden die Palästinenser entmündigt. Letzteres geschieht perfiderweise im Namen einer Solidarität, die in Wahrheit nur dem eigenen moralischen Hochmut dient.
Man darf die Rolle des weißen Erretters nicht unterschätzen, so strapaziert diese Etikettierung in aktuellen Debatten auch wirken mag. Die Bedeutung dieser Figur ist jedoch fundamental, da sie den intellektuellen Humus für eine globale Umdeutung des Konflikts liefert.
Auf den militärischen Schlachtfeldern im Nahen Osten mag der »White Saviour« bedeutungslos sein, doch seine eigentliche Front verläuft durch die Etappe Europas und quer durch die Institutionen der westlichen Welt. Hier agiert der weiße Verbündete der Intifada-Aktivisten als unverzichtbarer strategischer Türöffner, der den Weg für eine globale Ächtung Israels ebnet. Er ist es, der die rohe Vernichtungsrhetorik der Hamas in die akademische Sprache der »Dekolonisierung« übersetzt und so das Unaussprechliche in den Hörsälen und Redaktionen salonfähig macht.
Dieser Akteur fungiert als eine Art moralische Tarnkappe: Er verleiht dem Terror ein bürgerliches Antlitz und bietet einen diplomatischen Schutzschild, indem er die mörderische Intention hinter einem Schleier aus Menschenrechtsvokabular verbirgt. Durch seine Dauerpräsenz in den digitalen Echokammern und auf den Boulevards der Metropolen baut er einen öffentlichen Resonanzraum auf, der den Schrei nach der Auslöschung Israels solange filtert, bis er für ein ahnungsloses Publikum wie ein Schrei nach Gerechtigkeit klingt. Aber diese Solidarität hat ihren Preis.
Was vordergründig wie Mitgefühl aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein rassistisch motiviertes Zerrbild. Die vermeintliche Solidarität ist in Wahrheit ein Akt der Bevormundung. Wer Palästinenser konsequent von jeder Eigenverantwortung freispricht, betrachtet sie nicht als gleichwertige Menschen, sondern als triebgesteuerte Kollektive, denen man die Fähigkeit zur zivilisatorischen Entscheidung abspricht. Es ist der Inbegriff eines modernen Paternalismus.
Es handelt sich hierbei um einen Rassismus der geringen Erwartungen, der den Palästinensern die politische Mündigkeit abspricht. Wer jede Gewalttat als zwangsläufige Reaktion auf äußere Umstände definiert, erklärt die Akteure für unzurechnungsfähig. Indem man jede Gewalttat als geradezu unvermeidliche Reaktion entschuldigt, erklärt man die Akteure faktisch für unzurechnungsfähig. Man reduziert eine ganze Gesellschaft auf ein binäres Raster: Die Palästinenser, ob im Gazastreifen oder im Westjordanland, dienen entweder als Opfer zur moralischen Positionierung des Westens oder als Märtyrer, heroisierte Projektionsflächen für radikale Sehnsüchte.
Man billigt ihnen im Namen des »Widerstands« Verhaltensweisen zu, die man in der eigenen Gesellschaft als barbarisch ächten würde. So werden in diesem Milieu die Gräueltaten der Hamas nicht als bewusste politische und moralische Entscheidungen einer Organisation gewertet, sondern als naturgegebene Eruptionen eines »gerechtfertigten Zorns« wegmoderiert. Damit schließt sich der Kreis der Entmenschlichung: Wer nicht für seine Taten verantwortlich gemacht wird, ist kein Subjekt mehr, sondern ein Objekt der Umstände.
Fatale Folgen
Diese Haltung verhindert einen Dialog auf Augenhöhe über demokratische Standards und Rechtsstaatlichkeit. Stattdessen werden durch linke, israelkritische Medien bevorzugt Hardliner als »authentische« Vertreter der Palästinenser legitimiert, während moderate oder säkulare Stimmen systematisch marginalisiert werden.
Die fatalste Konsequenz dieses doppelten Rassismus zeigt sich in der zeitlichen Dimension des Konflikts. Indem weite Teile der westlichen Linken die Radikalisierung als alternativlose Reaktion adeln, befeuern sie einen zukunftsverweigernden Zermürbungskrieg, der eine Generation palästinensischer Kinder nach der anderen verheizt. Dieser Mechanismus ist deshalb rassistisch, weil er ihnen, wie ihren Eltern, die menschliche Lernfähigkeit und die moralische Wahlfreiheit abspricht und sie als wegwerfbar betrachtet: Sie werden zu bloßen Statisten und Statistiken degradiert, die nur eingesetzt werden, um dem jüdischen Staat eins auszuwischen.






