Latest News

Der Rassismus der Intifada (Teil 3): Schwarze Vorwürfe, weiße Flecken 

Rassismus und mangelnde Solidarität: Pro-Palästina-Bewegung eignet sich Black-Lives-Matter-Slogan an
Rassismus und mangelnde Solidarität: Pro-Palästina-Bewegung eignet sich Black-Lives-Matter-Slogan an (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Nicht nur in den USA wirbt die propalästinensische Bewegung mit Dekolonisierungs-Rhetorik bei Schwarzen um Unterstützung, verschweigt aber den Rassismus in den eigenen Reihen.

Lange Zeit galt in linken Kreisen die Solidarität der Schwarzen mit der palästinensischen Sache als fester Bestandteil des politischen Konsenses. Auch heute beruft sich die Free-Palestine-Community darauf, obwohl die Töne immer verzweifelter werden. Hier spielt das Erbe des afroamerikanischen Aktivisten Malcolm X, der wurde, 1965 ermordet eine bedeutende Rolle.

Im Jahr 1964 reiste er in den Gazastreifen, der damals unter ägyptischer Verwaltung stand, besuchte das Flüchtlingslager Khan Yunis und traf sich mit religiösen Führern. Besonders prägend war seine Begegnung mit dem Schriftsteller Harun Hashem Rashid, einem hochrangigen Kader der PLO. Rashid leitete damals das Büro des Radiosenders Sawt al-Arab (Stimme der Araber), der für seine eliminatorische Rhetorik gegenüber Israel berüchtigt war. Es war Malcolm X, der versuchte, diese gefährliche Mischung aus antikolonialem Pathos und antisemitischer Volksverhetzung in die Sprache des afroamerikanischen Befreiungskampfes zu übersetzen. Nach seinem Übertritt zur sunnitischen Orthodoxie firmierte er fortan als el-Hadsch Malik el-Shabazz.

Selektive Solidarität

Über Jahrzehnte hinweg verfestigte sich zwischen palästinensischen Akteuren und militanten schwarzen Gruppen ein ideologisches Geflecht. Auch wenn jene radikalisierten Afroamerikaner in der überwiegenden Mehrheit weder Muslime noch Islamisten waren, übernahmen sie – mal feurig, mal floskelhaft – die Intifada-Rhetorik als Schablone für ihr Aufbegehren.

Dieses Aktionsbündnis wurde 2014 im amerikanischen Ferguson reaktiviert, als die Vorstadt von St. Louis nach der Tötung des achtzehnjährigen, schwarzen Michael Brown durch einen weißen Polizisten in Flammen aufging. Während über Ferguson die Hubschrauber kreisten, meldeten sich Aktivisten aus dem Gazastreifen via Twitter zu Wort und gaben den Demonstranten in Missouri taktische Anweisungen und praktische Tipps für den Straßenkampf. So rieten sie beispielsweise, die vom eingesetzten Tränengas brennenden Augen nicht mit Wasser, sondern mit Milch oder Coca-Cola zu behandeln.

Die in Ferguson zementierte aktivistische Schicksalsgemeinschaft wurde am 7. Oktober 2023 einer brutalen Belastungsprobe unterzogen: Anstatt Mitgefühl für die jüdischen Opfer des Hamas-Massakers zu zeigen, feierte die Black-Lives-Matter-Bewegung unverhohlen die Taten der Terroristen. Dies sorgte für Entsetzen innerhalb der afroamerikanischen Community, auch wenn diese Reaktion nicht jene Öffentlichkeit erhielt, die sie verdient hätte. Dass die Empörung Schwarzer über die Hamas kaum an die mediale Oberfläche drang, liegt an einem journalistischen Zerrbild, da sich viele Medien krampfhaft an das Narrativ einer »Einheitsfront« unter Nichtweißen klammern.

Auch der Begriff des Blacklisting wäre in diesem Zusammenhang zu erwähnen: Schwarze, die an der Seite Israels standen und den islamistischen Terror beim Namen nannten, werden gnadenlos angeprangert und gesellschaftlich verbannt. Das erlebte ich selbst, als ich im November 2023 und im Februar 2024 in Kommentaren zur Empathie mit Juden aufrief. Man wird gecancelt, und zwar mit allen finanziellen und emotionalen Folgen. Das ist zwar keine Entschuldigung für Feigheit, aber die Folge einer züchtigenden Peitsche. Bei Schwarzen werden abweichende Meinungen als Fluchtversuche von der progressiven Plantage geahndet: Solidarität scheint nur zu bestehen, solange sie den progressiven Mainstream bedient.

Aufwachen aus dem Wokimus

Doch die Risse in dieser Fassade werden unübersehbar. Ausgerechnet an den Universitäten, den Herzkammern des israelfeindlichen Aktivismus, setzte bereits 2024 ein Umdenken ein. Die Black Student Union(BSU) an der University of Michigan sagte sich von der propalästinensischen TAHRIR Coalition los, da sie sich innerhalb der Koalition einem gravierenden Rassismus ausgesetzt sah. In einer Pressemitteilung erklärte die BSU, es sei »zunehmend offensichtlich geworden, dass schwarze Identitäten, Stimmen und Körper in dieser Koalition nicht geschätzt werden, weshalb wir uns zurückziehen müssen«.

Das Statement der BSU beinhaltete natürlich keinen Antrag auf Mitgliedschaft in der Likud-Partei. So vertritt die BSU nach wie vor teils BDS-nahe Ansichten. Der Bruch offenbart jedoch eine tiefe Verachtung, die oft erst hörbar wird, wenn die Kameras ausgeschaltet sind. In den Mensen diffamieren arabischsprachige Aktivisten ihre afroamerikanischen Mitstreiter ungeniert als »abeed« (Versklavte). Man witzelt, Schwarze liefen ohnehin nur wegen der Wassermelone mit. So schlägt das Symbol der Bewegung direkt in ein rassistisches Relikt der Jim-Crow-Ära um: Das ikonische Klischee des 19. Jahrhunderts vom faulen, simplen »Wassermelonenfresser« lässt grüßen.

An der George Washington University wurde im Jahr 2024 die amtierende UN-Botschafterin der USA, Linda Thomas-Greenfield, eine Afroamerikanerin, von Gaza-Aktivisten als »Zionist Imperial Blackface« diffamiert. Derselbe rassistische Hochmut entlud sich im Präsidentschaftswahlkampf 2024 gegen Kamala Harris. Da Harris, wenn auch mitunter taktisch unterkühlt, am Existenzrecht Israels festhielt und mit einem Juden verheiratet ist, wurde sie im Namen Palästinas zur Zielscheibe hasserfüllter Memes.

Das Vorgehen erinnert an die Stimmungsmache gegen die ehemalige US-Außenministerin Condoleezza Rice: Im Jahr 2006 veröffentlichte die palästinensische Tageszeitung Al-Quds eine Karikatur, die Rice als Schwangere darstellte, die ein Affenbaby zur Welt bringt.

Neben dem Blackfacing geht es auch um die weißen Flecken in der Geschichte: Man beißt auf Granit, wenn man in der propalästinensischen Community die 1.400-jährige Spur des transsaharischen Sklavenhandels freilegen will. Achtzehn Millionen tote Afrikaner gehen auf das Konto des islamischen Imperialismus. Im Gazastreifen blieb die Sklaverei unter den Osmanen bis in den Ersten Weltkrieg hinein Alltag. Dieses Unrecht überdauerte den transatlantischen Handel um ein volles Millennium. Dennoch schweigt die angeblich dekolonialistische Intifada dazu, wie auch über das teils vor laufender Kamera stattgefundene Lynchen zweier tansanischer Studenten, Joshua Mollel und Felix Mtenga, durch die Hamas am 7. Oktober 2023. Auch hier scheint die Solidarität mit Schwarzen über deren Instrumentalisierung nicht hinauszugehen.

Solidarischer Martin Luther King

Am 28. August 1963 formierte sich vor dem Lincoln Memorial in Washington eine multiethnische Allianz gegen den Rassismus. Die schiere Masse von rund 250.000 Menschen löste ein friedliches Beben aus, das die USA wachrüttelte. Malcolm X, der seine Teilnahme an dem Marsch verweigert hatte, verspottete das »Picknick« und beharrte auf Polemik.

Diese Versammlung war die Sternstunde von Martin Luther King jr., der hier den Grundstein für ein weitreichendes Bündnis legte. King verstand Solidarität nicht als Einbahnstraße. Gemeinsam mit engen Weggefährten wie den Rabbinern Joachim Prinz und Abraham Joshua Heschel, die der Gestapo knapp entkommen waren, betonte er die historische Verbindung zwischen der Befreiung der Schwarzen und dem Existenzrecht Israels. Für King war der Kampf gegen Antisemitismus und der Schutz des jüdischen Staates eine moralische Notwendigkeit. Er sah in Israel ein »Bollwerk der Demokratie« und weigerte sich konsequent, jüdisches Leid gegen den eigenen Schmerz aufzuwiegen.

Es gab viele Schwarze, die auf die Rattenfänger-Rhetorik eines Malcolm X nicht hereinfielen. Doch die jungen Generationen müssen heute – ausgerechnet im Informationszeitalter – erst mühsam lernen, dass radikale Posen keine echte Befreiung bieten. Empfehlenswert in diesem Zusammenhang ist die Geschichte der afroamerikanischen Studentin Taryn Thomas. Sie wandelte sich an der Stanford University von einer Gaza-Aktivistin zu einer Verbündeten Israels, als sie die gezielte Ausblendung der Gräueltaten des 7. Oktobers 2023 in ihrem Umfeld erkannte. Mittlerweile besucht sie Israel und entlarvt den Antisemitismus sowie die ideologische Indoktrination innerhalb der akademischen Protestbewegung für den Gazastreifen. So oder so zerbricht die dekoloniale Rhetorik der Intifada an ihrem eigenen Rassismus.

Der Rassismus der Intifada

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!