Der neue Einfluss der Ultranationalisten in der Türkei

„Sie nennen sich Idealisten. Die türkischen Ultranationalisten, die sich selbst lieber gut türkisch Ülkücü nennen, sind auf vielfältige Weise beschrieben worden: Als hypermoderne Politiker und als rückständig, als wahre Patrioten und kriminelle Straßenkämpfer, als Fürsprecher der Türkei und krasse Rassisten. Wie immer man sie bezeichnen will, die türkischen Ultranationalisten erfreuen sich erneuter Beliebtheit und gesellschaftlicher Prominenz und sie spielen in der zunehmends hermetischen politischen Landschaft wieder eine größere Rolle. Bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Juni schnitten die rechtsgerichteten nationalistischen Parteien so gut ab, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Nationalistische Bewegungspartei (MHP) und die IYI-Partei, die sich im Oktober 2017 von der MHP abspaltete, gewannen gemeinsam 21 Prozent der Stimmen und 92 Parlamentssitze. Insbesondere das gute Abschneiden der MHP überraschte Beobachter. (…)

Die ultranationalistischen Banden im Umfeld der MHP haben allen Grund zu feiern. Olcay Kilavuz, der Anführer von Ulku Ocaklari (Idealistische Feuerstellen), der allgemein als ‚Graue Wölfe‘ bekannten Bande, die einst den berüchtigten paramilitärischen Arm der MHP bildete, hat erstmals einen Sitz als MHP-Abgeordneter ergattert. (…) Entscheidend ist dabei, dass die AKP nun auf die MHP angewiesen ist, um einer Parlamentsmehrheit zu erzielen. (…) Während des Wahlkampfs bedienten die AKP-treuen Medien sich beständig einer nationalistischen Rhetorik. In Yeni Safak, der Zeitung, die Erdogan wohl am allernächsten steht, schrieb der Chefredakteur Ibrahim Karagul in seiner Kolumne von ausländischen Verschwörungen gegen die Türkei, die von der türkischen Regierung vereitelt würden. ‚Die Türkei ist nicht mehr aufzuhalten … Sie ist weder im engeren Sinne ein Nationalstaat, noch ist sie eine Region, die klein genug wäre, um sich mit Anatolien begnügen zu können … Unser Volk wird dieses großartige Projekt nun in alle Winkel der Erde tragen‘, schrieb Karagul.

Die Unterstützer der großen türkischen Parteien, einschließlich der AKP, seien offenbar für die nationalistische Rhetorik empfänglicher geworden, so Abdullah Aydogan, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter am Baker Institute for Public Policy der Rice University in Houston. ‚Die nationalistische Gesinnung hat enorm zugenommen und dabei geht es um mehr als die Wahlergebnisse für die Ultranationalisten‘, so Aydogan im Gespräch mit MEE. (…) In der Türkei ist die nationalistische Politik nicht nur eine Frage der Ethnizität, sondern oft auch eine Frage der Religion. ‚Unsere Körper sind türkisch, unseren Seelen islamisch. Ein Körper ohne eine Seele ist eine Leiche‘, lautet ein beliebtes nationalistisches Motto, das die MHP oft zitiert.“ (Tom Stevenson: „‚Our bodies are Turkish, our souls Islamic!‘ The rise of Turkey’s ultra-nationalists“)

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