Wie der längst widerlegte Vorwurf, Israel habe äthiopische Frauen der Zwangssterilisation unterzogen, seinen Gegnern erneut dazu dient, den jüdischen Staat zu diffamieren.
Seit dem Ende der großen Kampfhandlungen im Gazastreifen hat sich die mediale Frontlinie verschoben. Wer Israel auf der Weltbühne diskreditieren will, muss neue Keulen finden – oder alte Streitäxte ausgraben. In dieser verzweifelten Suche nach Belastungsmaterial werden auch bereits aufgearbeitete und als (Ver-)Fälschungen erwiesene Anschuldigungen wiederbelebt. Einer der prominentesten Fälle ist die Geschichte um die Verabreichung von Kontrazeptiva an äthiopische Jüdinnen in Israel.
In sozialen Medien verbreitet sich wieder die Unterstellung, Israel habe äthiopische Frauen »zwangssterilisiert«. Hier wird ein gravierender, aber längst schon korrigierter Fall von ethischem Fehlverhalten und unzureichender Aufklärung erneut als politisch wirksame Zwangssterilisationslüge instrumentalisiert. Die Komplexität des Falls wird für die schnelle Verbreitung vereinfacht und entstellt. Eine deutliche und sachbezogene Darstellung ist daher zwingend geboten.
Die Anschuldigung, die in anti-israelischen Kampagnen die Runde macht, ist grob und hasserfüllt: Der jüdische Staat habe Zwangssterilisationen an seinen eigenen, schwarzen Bürgerinnen vorgenommen, um diese Gemeinschaft zu dezimieren. Wer dieses Narrativ verbreitet, ignoriert jedoch zwei entscheidende Fakten: Erstens die medizinische Realität des verwendeten Mittels, zweitens die rigorose und öffentliche Aufarbeitung, die der israelische Staat, im Gegensatz zu vielen seiner Nachbarn, bereits vor über einem Jahrzehnt leisten musste.
Genesis der Vorwürfe
Im Jahr 2012 löste die TV-Dokumentation Vacuum des Israeli Educational Television eine nationale Kontroverse aus. Sie enthüllte schockierende Berichte von schätzungsweise 10.000 aus Äthiopien ausgereisten Frauen, die das Verhütungsmittel Depo-Provera in Transitlagern und später in Israel erhalten hatten.
Die Enthüllungen zeichneten ein düsteres Bild: Mehr als 35 Frauen berichteten in Interviews, getäuscht worden zu sein, wobei einige geglaubt hatten, das Mittel, verabreicht in Form einer Injektion, sei lediglich eine Grippeimpfung. Der ausgeübte Druck ging über die Täuschung hinaus. Krankenschwestern gaben zu, dass Frauen, welche die Spritzen abgelehnt hatten, mit Konsequenzen gedroht wurde, die bis zum Verlust von Sozialleistungen oder der Einwanderungsgenehmigung reichten. Die drastische Folge dieser Praxis sei ein Rückgang der Geburtenrate äthiopischer Einwanderinnen um etwa fünfzig Prozent eines Jahrzehnts gewesen.
Die Kritiker erheben wegen dieser schwerwiegenden Verstöße gegen die reproduktive Autonomie den Vorwurf der Zwangssterilisation. Diese ist international als Menschenrechtsverletzung anerkannt und wird unter anderem in der UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) behandelt, wo das Recht auf freie und eigenverantwortliche Entscheidung über die Zahl und den zeitlichen Abstand der Kinder festgeschrieben ist. Sie wurde historisch oft in eugenischen Programmen gegen Minderheiten eingesetzt.
Die Tatsache, dass diese Praxis gezielt äthiopische Frauen betraf – eine marginalisierte Gruppe, die mit Armut und Diskriminierung konfrontiert ist –, nährte die nachvollziehbare Befürchtung, dass es sich um einen bewussten Versuch handelte, die Population schwarzer Juden in Israel zu kontrollieren. Dies machte die Anschuldigungen besonders heikel, da sie die Praxis in die Nähe der Eugenik rückten. Die Menschenrechtsorganisation Association for Civil Rights in Israel (ACRI) sprach in diesem Zusammenhang allerdings ohne Beweise von einer »bevormundenden, hochmütigen und rassistischen Praxis«.
Medizinische Realität
Die wohl wichtigste Faktendifferenzierung, die in der Debatte oft untergeht, betrifft das verwendete Verhütungsmittel Depo-Provera (DMPA). Depo-Provera ist ein reines Depot-Kontrazeptivum, das durch die Injektion des Gestagens Medroxyprogesteronacetat (MPA) wirkt und Frauen über einen Zeitraum von etwa drei Monaten zuverlässig vor einer Schwangerschaft schützt. Medizinisch gesehen, handelt es sich hierbei nicht um eine Sterilisation, da diese per definitionem eine irreversible Unterbindung der Fortpflanzungsfähigkeit, zum Beispiel durch Durchtrennung der Eileiter, bedeuten würde.
Demgegenüber ist die Wirkung von Depo-Provera vollständig reversibel. Nach Absetzen der Spritze kehrt die Fruchtbarkeit der Frauen zurück, wenn auch mit einer gewissen Verzögerung, was je nach individueller Reaktion einige Monate bis zu einem Jahr dauern kann. Und genau diese Verzögerung löste den Ärger und die Furcht unter den äthiopischen Frauen aus, da viele kurz nach ihrer Ankunft in Israel in der Tat eine Familie gründen wollten.
Die Irritation ist durchaus verständlich und war zweifelsohne vermeidbar. Doch die massive mediale Übernahme des Begriffs Zwangssterilisation stellte eine teils bewusste und auf alle Fälle sachlich falsche Bezeichnung dar: Man nahm ein nachweislich reversibles Kontrazeptivum und verpackte den Fall in das historisch belastete und emotional aufgeladende Narrativ der Eugenik. Dies verstärkte die Delegitimierung Israels massiv, obwohl das Mittel selbst nur temporär wirkt.
In Bezug auf den behaupteten fünfzigprozentigen Rückgang der Geburtenrate zeigte sich zwar ein statistischer Rückgang, doch verfügbare Studien belegen keinen klaren Zusammenhang mit zwangsweiser Familienplanung. Eine Analyse des Knesset Research and Information Center weist zwar eine unterdurchschnittliche Geburtenrate aus, liefert jedoch keinen belastbaren Hinweis auf nicht-einvernehmliche Depo-Verabreichungen. Schließlich können auch Faktoren wie soziale und wirtschaftliche Integration, veränderte Lebensentwürfe, höhere Bildungsniveaus oder neue Familienmodelle den Rückgang erklären. Unter dem Strich ist der Rückgang real, aber kein Beweis für eine gezielte, ethnisch motivierte Bevölkerungspolitik.
Rechenschaft und Rechtsstaatlichkeit
Im Januar 2013 reagierte der Generaldirektor des israelischen Gesundheitsministeriums Ron Gamzu auf den öffentlichen Proteststurm und befahl Gynäkologen unverzüglich, Depo-Provera fortan nur noch mit ausdrücklicher Zustimmung zu verabreichen. Ebenjene Anweisung wurde weithin als implizites Eingeständnis interpretiert, dass die diskriminierende Praxis ohne ausreichende Einwilligung der betroffenen Frauen stattgefunden hätte. Gleichwohl dementierte die israelische Regierung eine systematische Steuerung der Politik.
Zudem konstatierte eine Untersuchung des Staatsrevisors Yosef Shapira im Jahr 2016, es gebe »keine Beweise dafür, dass äthiopische Einwanderinnen [kontroverse] Verhütungsmittel unter Druck oder Drohungen erhalten hätten«; ferner sei festgestellt worden, »dass die Krankenkassen und das Gesundheitsministerium in Israel keine Anweisung hatten, diesen Frauen Depo-Provera-Injektionen zu verabreichen«. Der Untersuchungsbericht weist auf Daten der Maccabi Health Fund hin, die beteuern, dass zwischen 2003 und 2013 von 2.828 Frauen, die diese Injektionen erhielten, nur elf Prozent aus Äthiopien stammten. Nicht aber wurde festgestellt, dass sie massenhaft Rezepte für Depo-Provera erhalten hatten.
Diese Fallstudie ist ein Paradebeispiel für die Delegitimierung durch Verdrehung der Faktenlage. Die Gegner Israels nehmen einen bedauerlichen, aber behobenen Vorfall und überhöhen diesen zu einem erfundenen rassistischen Genozid-Versuch, um größtmöglichen politischen Schaden anzurichten.
Der wesentliche Punkt liegt schließlich in der Tatsache, dass Israel diese Unzulänglichkeit durch Pressefreiheit, zivilgesellschaftlichen Druck und Rechtsstaatlichkeit aufgedeckt, anerkannt und eine offizielle Anweisung zur Beendigung der Praxis erlassen hat. Genau diese Fähigkeit zur Selbstkorrektur angesichts schwerer Missstände ist der ultimative Beweis der demokratischen Stärke Israels, die seine Gegner so gerne leugnen möchten.
Vielmehr wird der Vorwurf des Genozid-Versuchs zusätzlich durch die demografische Entwicklung entkräftet: Die Fertilitätsrate äthiopisch-stämmiger Frauen, die in den 2000er-Jahren einen signifikanten Rückgang verzeichnete, folgt heute dem allgemeinen Trend der jüdisch-israelischen Bevölkerung im Gesamten, die zuletzt 2,68 Kinder pro Frau im Jahr 2022 betrug. Solch eine Angleichung der Geburtenraten ist ein typisches Muster für gut integrierte Einwanderergruppen.






