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Der lange Atem des Islamischen Staates

IS-Kämpfer posieren mit der Flagge der Terrororganisation
IS-Kämpfer posieren mit der Flagge der Terrororganisation (© Imago Images / ZUMA Wire)

Im November 2022 erfuhr die Welt vom Tod des dritten IS-Kalifen, doch von einer endgültigen Niederlage ist die Terrororganisation weit entfernt.

Am 30. November verkündete der Islamische Staat (IS), dass sein dritter Kalif im Kampf getötet worden sei. Angaben zu Zeit und Umständen des Todes gab es keine. Wie sich aber herausstellte, kam der Mann namens Abu al-Hassan al-Hashimi al-Qurayshi bereits im Oktober in der syrischen Provinz Dara’a ums Leben. 

Die Provinz wird von syrischen Regierungstruppen und Rebellen kontrolliert, die eine Einigung mit Damaskus erzielt haben. Im Oktober gab die syrische Regierung bekannt, gemeinsam mit diesen Milizen einen Einsatz gegen den ISzu führen. Diese koordinierte Operation führte offenbar zum Tod des Kalifen in der Stadt Jassem. Zu einer möglichen Beteiligung der USA äußerte sich das Weiße Haus nicht.

Zur Erinnerung: Der erste Kalif des IS, Abu Bakr al-Baghdadi, wurde im Herbst 2019 von einem US-Spezialkommando in der syrischen Provinz Idlib nahe der türkischen Grenze gestellt. Nach einem kurzen Gefecht sprengte er sich selbst in die Luft. Ein weiteres US-Kommando tötete im Februar 2022 seinen Nachfolger. Auch er hielt sich in Nordsyrien versteckt. Alle drei Kalifen waren Iraker.

Vom Kalifat zur Guerilla

Am Höhepunkt seiner Ausdehnung umfasste das IS-Kalifat ein Drittel Syriens und vierzig Prozent des Irak. Es erstreckte sich von Aleppo in Nordsyrien bis Diyala im Osten Iraks. Schätzungen zufolge verfügte der IS im Jahr 2014 über tägliche Deviseneinnahmen aus dem Ölverkauf in Höhe von zwei Millionen US-Dollar. Doch mit der Rückeroberung Mossuls durch irakische Streitkräfte im Sommer 2017 und dem Fall der letzten IS-Bastion im syrischen Baghuz 2019 endete das Kalifat. 

Der IS verlor damit nicht nur seine wichtigsten Einnahmequellen – Erdöl und Steuern –, mit dem Verlust des Territoriums endete auch der ständige Zustrom an Kämpfern und Sympathisanten aus der ganzen Welt. Der IS schrumpfte zu dem, was er vor seinem Aufstieg gewesen war: Eine Guerilla, die aus dem Untergrund agiert.

Dass binnen eines Jahres zwei Nachfolge-Kalifen getötet wurden, zeigt zwar, dass die Geheimdienste der USA und anderer Player in der Region die Terrororganisation im Visier haben, sollte aber nicht zum Trugschluss verleiten, der IS habe dadurch maßgeblich an Schlagkraft verloren. Die IS-Zellen in Syrien und dem Irak operieren unabhängig von ihren Führungskadern und greifen dabei auf über Jahre aufgebaute Netzwerke zurück.

Poröse Grenzen

Auch wenn der IS kein Territorium mehr besitzt, ist die Terrororganisation in Syrien und im Irak nach wie vor aktiv. In den letzten Monaten hat sie ihre Aktivitäten sogar ausgeweitet und weiterhin Anschläge verübt. So gelang der Organisation im Januar 2022 ein spektakulärer Angriff auf das al-Sinaa Gefängnis in al-Hassakeh in Nordostsyrien, wo Tausende mutmaßliche IS-Kämpfer inhaftiert sind. 

Die Gefechte der Dschihadisten gegen Kämpfer der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) hielten mehrere Tage an. Ob der Angriff zur Flucht von ein paar Dutzend oder von Hunderten IS-Kämpfern geführt hat, ist unklar, zeigt aber in jedem Fall die anhaltende Schlagkraft der Terrororganisation.

Zur Mobilität der IS-Milizen trägt auch die durchlässige Grenze zwischen Syrien und dem Irak bei. In den weiten Wüstengebieten der Grenzregion kooperieren die Dschihadisten mit Beduinen und anderen bewaffneten Gruppen. 

Al-Monitor berichtete, dass Anfang November Hunderte IS-Kämpfer aus Syrien in die irakische Provinz Kirkuk einsickern konnten. Möglich sei das gewesen, weil die IS-Miliz Bestechungsgelder an Soldaten der kurdisch dominierten SDF bezahlten, welche die Checkpoints entlang der Grenze kontrollieren. Aber auch im Grenzgebiet stationierte schiitische Milizen würden laut dem Online-Magazin mit den Dschihadisten kooperieren.

Im Irak verbergen sich IS-Kämpfer in den unübersichtlichen Berg- und Wüstenregionen im Westen und Osten des Landes. Aktiv sind sie außerdem in den Grenzgebieten zwischen der autonomen Region Kurdistan und der von Bagdad verwalteten Gebiete – ein Streifen, der sich von der östlichen Provinz Diyala über Kirkuk bis nach Ninive an der Grenze zu Syrien erstreckt. Trotz jahrelanger Versuche, die Situation zu lösen, gibt es nach wie vor Probleme bei der Zusammenarbeit zwischen den zahlreichen in dem Gebiet eingesetzten Kräften, was den Dschihadisten mehrere Angriffsflächen eröffnet.

Im November wurden vier irakische Soldaten in der Provinz Kirkuk getötet. Ihre Leichen fand man mit abgetrennten Köpfen, die Behörden schreiben die Tat dem IS zu. Mitte Dezember fiel ebenfalls in der Provinz Kirkuk ein Konvoi irakischer Sicherheitskräfte einem Bombenattentat zum Opfer, bei dem neun Soldaten getötet und drei weitere verwundet wurden. Auch dieser Anschlag wird auf den IS zurückgeführt.

IS als soziales Problem

Die Sicherheitskräfte im Irak leisten gute Arbeit und versuchen mittels Überwachung von Smartphones, Aufklärungsdrohnen und Checkpoints die Mobilität des IS stetig einzuschränken und die einzelnen Zellen zu isolieren. Doch es geht nicht nur darum, die Terrororganisation militärisch zu besiegen. Auch auf sozialer und politischer Ebene muss gegen die Ideologie der Dschihadisten vorgegangen werden.

Schätzungen zufolge werden mindestens 9.000 IS-Kämpfer in Gefängnissen im kurdisch dominierten Norden Syriens festgehalten. Tausende weitere – konkrete Zahlen gibt es nicht – sitzen in irakischen Haftanstalten.

Hinzu kommen die Frauen und Kinder getöteter oder inhaftierter Dschihadisten. Rund 50.000 harren bis heute im nordsyrischen Al-Hol Camp aus. Sie in ihre alten Wohnorte zurückzubringen, gestaltet sich als schwierig, da sie als (ehemalige) IS-Sympathisanten dort unerwünscht sind.

Doch um zu verhindern, dass in diesen Lagern der IS-Nachwuchs heranwächst, müssen diese Menschen wieder in die Gesellschaft integriert werden, was keine einfache Aufgabe ist, aber mit Projekten zur De-Radikalisierung, psychologischer Betreuung, Bildung und Berufsausbildungen gelingen kann. 

Um das Milieu auszutrocknen, in dem der IS operieren und wachsen kann, ist es notwendig, den Menschen in Syrien und im Irak Zukunftsperspektiven zu eröffnen und ihre Sicherheit zu gewährleisten. Dazu zählt im Irak vor allem, jene konfessionellen Bruchlinien zu kitten, die mit dem Ende des Saddam-Regimes 2003 und dem darauffolgenden Kampf um die Macht im Staat aufgebrochen sind. 

Gelingt es den regierenden Parteien, sich als Vertreter des Volkes und nicht einzelner konfessioneller Gruppen zu sehen (und dadurch zwangsläufig andere zu benachteiligen), wird es auch für radikale Gruppen wie dem IS schwieriger werden, Unterstützer zu finden. 

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