Der Islamische Staat ist noch nicht am Ende

„Der Islamische Staat steht gegenwärtig massiv unter Druck. Mit Blick auf seine Mannstärke, seine Finanzen und seine Angriffs- und Verteidigungsfähigkeit ist die Gruppe so schwach wie seit dem Sommer des Jahres 2014 nicht mehr. Dies hat auch die Ideologie und Attraktivität der Gruppe untergraben. Sie hat sich als unbarmherzige Terrororganisation erwiesen, die sich, wie die Massaker am Schaytat-Stamm in Deir Ezzor im Osten Syriens beweisen, den Sunniten gegenüber, die sie zu vertreten vorgab, ebenso grausam, wenn nicht noch grausamer verhielt als anderen Gruppen gegenüber. (…) Vernünftige Beobachter sollten ein gewisses historisches Bewusstsein haben. Was die Politiker und Medien als den Untergang des Islamischen Staats zelebrieren, wurde schon einmal gefeiert. Es hieß schon 2010, die Gruppe sei zerfallen und ihrer Kampffähigkeit verlustig gegangen und ihre Ideologie sei durch ihr grausames Vorgehen untergraben worden.

In der Zeit zwischen dem Frühjahr 2013 und dem Sommer 2014 wurde der Islamische Staat erneut besiegt, diesmal von genau jenen Menschen, die er zu vertreten vorgab: Syrern, die sich gegen das Regime Bashar al-Assads erhoben. Nachdem der Mann, den er nach Syrien entsandt hatte, um dort einen Ableger des Islamischen Staats zu gründen, sich der Autorität Abu Bakr Al Baghdadis entzog, wurde die Gruppe aus fast allen Teile Syriens vertrieben. Sie wurden aus der Provinz Idlib und der Stadt Aleppo verjagt. Auch aus Raqqa, Deir Ezzor und Hasak wurden sie weitgehend vertrieben. Im Mai 2014 schien die Gruppe nach viermonatigen Kämpfen mit anderen Aufständischen auf dem Rückzug. Noch wichtiger war, dass der Islamische Staat in dieser Zeit auch ideologisch schwer angeschlagen war. Die Gruppe wurde wegen ihrer ultraextremistischen, grausamen und illegitimen Ideologie angegriffen. Den pejorativen arabischen Namen ‚Daesh’ gaben Syrer der Gruppe. Zudem erließen Anhänger der syrischen Aufständischen Fatwas, in denen die Gruppe als ‚khawarij’ bezeichnet wurde. Damit bezogen sie sich auf eine extremistische Bewegung aus der Frühzeit des Islam, die andere Muslime auf ähnliche Weise wie der Islamische Staat zu Abtrünnigen erklärte. (…)

Noch bevor die Welt im Juni 2014 mit dem Schock des Aufstiegs des Islamischen Staats konfrontiert war, war die Gruppe also geschwächt worden. (…) Die gleiche Situation besteht auch heute wieder. Es werden die gleichen Behauptungen aufgestellt: dass der Islamische Staat geschwächt worden sei, dass die Menschen seine wahre Natur erkannt hätten. Das stimmt zwar, doch erlaubt das Erreichte noch keine abschließenden Folgerungen. Der Krieg gegen die Gruppe hat nur eine neue Form angenommen und die Ursachen sind komplizierter geworden. Die extreme Not, der extreme Hass und die extremen Illusionen werden dafür sorgen, dass neue Monster hervortreten werden, wie sie auch heißen und welche Form sie auch annehmen mögen.“ (Hassan Hassan: „Down but not out: ISIL will regroup and rise again“)

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