Der Krieg zwischen der Islamischen Republik und Israel ist zwar vorbei, aber die eigentliche Schlacht für die Iraner hat gerade erst begonnen.
Farzad Amini
Während der zwölftägige Krieg zwischen dem Iran und Israel offiziell zu Ende ist, bleibt für Millionen von Iranern lediglich eine noch größere Zerstörung und noch mehr Armut zurück – und eine schmerzhafte Rückkehr zu einer Realität, die schon vor dem Krieg nichts weniger als ein Albtraum war.
Die israelischen Bombenangriffe und der Raketenbeschuss des klerikalen Regimes mögen aufgehört haben und die Menschen in ihre zerstörten Häuser zurückgekehrt sein, doch der Krieg, der seit Jahren das Leben der Iraner zerstört, ist nicht vorbei, sondern hat sich sogar noch ausgeweitet. Nur ist der äußere Feind einem inneren gewichen, der eigentlich seit jeher der wahre Feind war: zerfallene Strukturen, inkompetente Regierungsführung und ein Regime, das seine eigenen Bürger als unnützen Ballast und Kritiker als Feinde betrachtet.
Kein Ende der Krise
Während der kriegerischen Auseinandersetzung waren die iranischen Bürger von Stromausfällen, Wasserknappheit, Internetsperren und Zensur betroffen. Doch das Ende des israelischen Militärangriffs bedeutete nicht das Ende dieser Krisen: Die einzige spürbare Veränderung war das Ausbleiben von Raketen. Ansonsten bestehen weiterhin die gleichen Probleme und Missstände; jetzt sogar noch intensiver, insbesondere in den Bereichen Wasser- und Stromversorgung. Selbst der ausländische Feind ist keine Ausrede mehr. Was bleibt, ist ein Regime, das von den offiziellen Kanzeln Frömmigkeit und Widerstand predigt, während dessen Führer wie zum Beispiel der für Korruption bekannte und vom Obersten Führer Ali Khamenei handverlesene Geistliche Kazem Seddiqi weder einen Plan noch den Willen zu Reformen haben.
Der Feind steht nun an den Checkpoints, wo Kinder wie Raha Sheikhi ermordet werden. Weder im Parlament noch in der Regierung zeichnet sich ein Weg zur Lösung dieser Krisen ab, ganz im Gegenteil: Die politischen Entscheidungsträger verfolgen manchmal sogar mit neuer ideologischer Vehemenz die bereits gescheiterten Wege weiter.
Kinder, die auf den Straßen von Kugeln getötet werden, sind Opfer eines Sicherheitssystems, das Sicherheit nicht mehr als Schutz der Bevölkerung definiert, sondern als deren Kontrolle und Unterdrückung. Kräfte, die einst riesige Summen für den Kampf gegen – angebliche – ausländische Feinde ausgegeben haben, stehen nun auf den Straßen gegen ihr eigenes Volk. Angst und Unterdrückung haben die Sicherheit ersetzt und diejenigen, die sich als »Erben des Widerstands« bezeichnen, sind offen zu jenen Hütern des katastrophalen Status quo geworden, die sie in Wahrheit immer schon waren.
Kurz vor dem Zusammenbruch
In diesem Klima steht die Wirtschaft des Landes kurz vor dem totalen Zusammenbruch. Die Inflation explodiert, der Dollar nähert sich der Rekordmarke von 90.000 Toman; die Armutsgrenze ist auf mehrere zehn Millionen Toman gestiegen und unzählige Familien kämpfen darum, selbst die grundlegendsten Ernährungsbedürfnisse decken zu können. Inmitten dieser Katastrophe setzen die staatlichen Medien ihre Farce fort und versuchen, ein fiktives Bild von Stabilität und Normalität zu zeichnen. Aber auf den Straßen, in den Warteschlangen vor Geschäften, in Krankenhäusern und auf den Märkten verspüren die Iraner nichts als Angst, Verzweiflung und Wut.
Doch die Krise ist nicht nur wirtschaftlicher Natur. Die wahre Katastrophe ist vielleicht der Verlust der Hoffnung. Eine Gesellschaft, die jahrelang auf Reformen, Veränderungen und Verbesserungen gewartet hat, ist zu dem Schluss gekommen, dass innerhalb dieser Strukturen kein bedeutender Wandel möglich ist. Die theatralische Rivalität zwischen politischen Fraktionen und halbherzigen Reformern täuscht niemanden mehr. Die Menschen fühlen sich verlassen und ohne Unterstützung, ohne Zukunftsperspektiven und ohne Vertrauen in die staatlichen Institutionen.
Auf der Entscheidungsebene gibt es keine Anzeichen für Selbstreflexion oder Reformen. Der Präsident agiert eher wie ein Prediger, der von »Widerstand« und »Hoffnung« spricht, als wie ein Staatschef, der in der Lage ist, Krisen zu bewältigen.
Anstatt zum Beispiel den immer akuter werdenden Wassermangel mit strukturellen Lösungen anzugehen, reist Präsident Peseschkian nach Qom und betet dort an Schreinen in der Hoffnung, dass göttliche Intervention das reparieren wird, was die Regierung ruiniert gemacht hat. Das Parlament ist nicht damit beschäftigt, Probleme zu lösen, sondern restriktive Gesetze zu verabschieden wie die Einführung einer gestaffelten Internetnutzung und Beschränkungen für digitalen Aktivismus – Gesetze, die Salz in die offenen Wunden der Gesellschaft streuen.
Die nationalen Medien haben sich so weit von der Realität entfernt, dass sie zu einer Kanzel geworden sind, von der aus die Versäumnisse des Regimes gerechtfertigt und Inhalte verbreitet werden, die nur noch die schwindende Basis der Loyalisten ansprechen.
Währenddessen wirft die drohende Gefahr neuer internationaler Sanktionen durch die Aktivierung des Snapback-Mechanismus, der Wiedereinführung der Sanktionen gegen den Iran wegen seines Atomprogramms, einen großen Schatten auf die ohnehin schon dahinsiechende Wirtschaft.
Historischer Scheideweg
Vor diesem Hintergrund bezeichnen viele Iraner die heutige Zeit als »die guten Tage« – nicht aus Zufriedenheit, sondern aus Angst vor einer noch dunkleren Zukunft. Es hat sich eine Art bitterer, schwarzer Humor breitgemacht: Wenn diese Krise unsere besten Tage sind, welche Schrecken erwarten uns dann morgen? Diese schwarze Komödie ist nicht zum Lachen, sondern ein Weckruf. Eine Gesellschaft, die einen solchen Grad an psychologischem Zusammenbruch erreicht hat, steht entweder am Rand einer sozialen Explosion oder eines tödlichen historischen Schweigens.
Der Iran steht nun an einem historischen Scheideweg, an dem die Bevölkerung zwischen Überleben und Zusammenbruch ringt. Der Krieg mit Israel mag vorbei sein, aber ein größerer Krieg geht weiter: der Kampf um Wahrheit, Würde und das Recht, in einem Land zu leben, das Zerstörung nicht als Schicksal hinnimmt.
Im Schatten von Unterdrückung und Zensur bleibt nur eine fragile Hoffnung – eine Hoffnung, die entweder in der Dunkelheit vergeht oder zu einem Licht werden muss, das den Weg zur Befreiung weist. Die Zukunft liegt nicht mehr in den Händen der Herrschenden, sondern im Willen einer Bevölkerung, die nichts mehr zu verlieren hat außer den Ketten, die ihr aufgezwungen wurden.






