Rami Helles ist lokaler Kommandant im Osten des Gazastreifens und einer der Initiatoren der Volksverteidigungskräfte. Für ihn stellt sich die aktuelle Lage als gefährlich und entscheidend zugleich dar.
Mohammed Altlooli
Der Gazastreifen schwankt zwischen Unterdrückung und Erneuerung. Im Schatten eines fragilen Waffenstillstands hat die Hamas ihre Macht durch Verhaftungen, Einschüchterungen und Medienkampagnen, die darauf abzielen, abweichende Meinungen zum Schweigen zu bringen, gefestigt. Doch zugleich wecken lokale Initiativen in dieser Atmosphäre das zivile Leben wieder auf – von Nachbarschaftsschulen bis hin zu zivilen Schutznetzwerken – und trotzen damit einer Politik der Angst, die den Gazastreifen seit Langem lähmt.
Berichte aus dem Inneren der Küstenenklave beschreiben eine zunehmende Unterdrückung. Aktivisten, die mit verschiedenen unabhängigen Gruppen in Verbindung stehen, wurden festgenommen, während die hamasnahen Medien ihre Kritiker als »Verräter« oder »Kollaborateure« brandmarken. Das Ziel ist kein Geheimnis: Durch Einschüchterung soll das öffentliche Leben lahmgelegt und die Entstehung alternativer Machtzentren verhindert werden.
Für viele Bewohner offenbart diese Repressionskampagne jedoch nicht Stärke, sondern Schwäche. Nach Jahren der Blockade, des Kriegs und der Isolation scheint die Autorität der islamistischen Terrororganisation zunehmend hohl zu sein und eher durch Drohungen als durch Zustimmung aufrechterhalten zu werden. »Sie regieren mit Angst, weil sie nicht mehr mit Vertrauen regieren können«, bemerkte ein Gemeindevorsteher hinter vorgehaltener Hand.
»Keine Herrschaft durch Angst zulassen«
Rami Helles, ein lokaler Kommandant im Osten des Gazastreifens und einer der Initiatoren der Volksverteidigungskräfte, beschreibt die aktuelle Lage als gefährlich und entscheidend zugleich: »Viele Menschen sehen, dass die Hamas innerlich zerfällt. Aber das macht sie nicht harmlos. Wenn die Kontrolle nachlässt, nimmt die Unterdrückung zu. Wir werden nicht zulassen, dass Menschen verhaftet oder gejagt werden, nur weil sie ihre Meinung sagen.«
Laut Helles arbeiten seine Einheiten daran, erneute Kämpfe zu verhindern und die lokale Ordnung aufrechtzuerhalten. »Unser Hauptkampf ist nicht militärischer Natur, er ist psychologischer Natur. Die Hamas hat den Menschen beigebracht, alles zu fürchten, was anders aussieht, selbst wenn es nur in der Suche nach Schutz und einem zivilen Leben besteht.«
Als ein aus dem Gazastreifen Geflüchteter, der selbst wegen Proteste und Opposition von der Hamas inhaftiert war, sprach der Autor unlängst mit Rami Helles. In dem Telefonat schilderte er, dass viele Einwohner trotz der Verleumdungen durch die Hamas in den Volksverteidigungskräften eine Hoffnung gegen die auf Angst basierende Herrschaft sehen. Derzeit bleiben die Operationen hauptsächlich auf das von Israel kontrollierte Terrain östlich der »gelben Linie« beschränkt, aber eine Ausweitung nach Westen könnte die Wahrnehmung der Initiative deutlich verändern, wie sich im Gespräch mit Rami Helles zeigt.
In mehreren Bezirken im Osten des Gazastreifens und in Rafah haben Mitglieder der Volksverteidigungskräften mindestens vier Schulen wiedereröffnet, wie auch Mena-Watch unlängst berichtete:
»In der Zwischenzeit wurden in Gebieten, die von gegen die Hamas agierenden Clans kontrolliert werden, provisorische Schulen eingerichtet, die Lehrpläne, Lehrbücher und andere Materialien benötigen. Die bekannteste davon befindet sich im Gebiet des Al-Shabab-Clans im südlichen Gazastreifen, wo mehrere hundert Kinder in provisorischen Gebäuden nach einem fortschrittlichen Bildungsprogramm lernen, das von einer der in diesem Gebiet tätigen internationalen Organisationen durchgeführt wird. Das Programm wurde von Bildungsexperten aus der gesamten arabischen Welt verfasst und wird derzeit von weiteren Clans geprüft, die es übernehmen möchten.«
Es gibt sogar Pläne, den Unterricht um das Fach Hebräisch zu ergänzen, um die Kommunikation und Stabilität in Zukunft zu fördern, wie Helles im Gespräch darlegt. Darüber hinaus wurden sicherere Zonen für Familien ausgewiesen. All diese Bemühungen zielen darauf ab, ein Gefühl der Normalität wiederherzustellen, werden jedoch oft durch die Propaganda der Hamas untergraben, die den lokalen Organisatoren Verrat vorwirft. Obwohl viele Bewohner durch vergangene Erfahrungen eingeschüchtert sind und zögern, sich öffentlich zu engagieren, gehen die zivilen Aktivitäten weiter. »Veränderung beginnt mit Vertrauen«, bemerkte Helles. »Sobald die Gemeinden ihre Angst verlieren, kann die auf dieser Angst aufgebaute politische Struktur nicht mehr bestehen.«
Die Bewegung ist in mehreren Bereichen – vom Schutz der Zivilbevölkerung bis zur Öffentlichkeitsarbeit in den sozialen Medien – tätig und erwägt die Gründung eines lokalen Radiosenders. Derzeit habe die operative Sicherheit allerdings keinen Vorrang vor der Sichtbarkeit.
Eine der stilleren Fronten des Wandels verläuft in den bereits angesprochenen Klassenzimmern. Die Pädagogin und Witwe des von der Hamas getöteten Abu-Shabab-Clanführers Amina Abu Shabab hält die Reform des Lehrplans für unerlässlich für einen langfristigen Wandel. »Seit Jahren dienen Schulen der Ideologie statt dem Lernen. Wenn wir den Kindern nicht beibringen, zu denken, wird jeder politische Wandel unter derselben alten Angst zusammenbrechen.« Ihre Arbeit konzentriert sich auf die Einführung von politischer Bildung, psychologischer Unterstützung und kritischem Denken: Indoktrination soll durch Unabhängigkeit ersetzt werden. »Bildung ist die Frontlinie, an der die Angst endlich ihre Macht verlieren kann.«
Europas veränderte Sichtweise
In Europa wird in politischen Diskussionen zunehmend anerkannt, dass es nicht ausreicht, nur mit bewaffneten Gruppen zu verhandeln. Diplomaten und NGOs untersuchen, ob zivile Gruppen wie die Volksverteidigungskräften die Grundlage für eine zukünftige überparteiliche Verwaltung bilden könnten. Diese Unterstützung ist zwar noch zurückhaltend, aber die politische Stimmung ändert sich: Stabilität lässt sich nicht allein mit Waffen erreichen.
Während offizielle Kanäle weiterhin vorsichtig sind, haben mehrere europäische politische und zivilgesellschaftliche Plattformen informelles Interesse an der Unterstützung lokaler, von Zivilisten geführter Regierungsmodelle gezeigt, da sie sowohl von der Hamas als auch von der reformunwilligen Palästinensischen Autonomiebehörde enttäuscht sind.
Der entscheidende Faktor für den Erfolg der Initiative ist eine klare politische Haltung: die Anerkennung Israels und die Arbeit an einer gemeinsamen Sicherheitskoordination. Das entstehende Programm für palästinensische Zivilangelegenheiten basiert auf diesem Prinzip und zielt darauf ab, internationales Vertrauen und eine glaubwürdige zivile Führung aufzubauen. Der Gazastreifen steht an einem Scheideweg, der nicht nur durch bewaffnete Kontrolle seitens der Hamas, sondern auch durch konkurrierende Vorstellungen von Legitimität und Alltag geprägt ist. Zwischen Unterdrückung und Widerstandsfähigkeit bauen Lehrer, Mediziner und Organisatoren eine Alternative auf. »Wir versprechen keine Wunder«, schließt Helles, »aber wir versprechen, unsere Bevölkerung nicht mit ihrer Angst allein zu lassen«.
Mohammed Nafez Altlooli ist Autor und Friedensaktivist. Er war als Koordinator für zivile Angelegenheiten tätig und ist eine führende Persönlichkeit in der von Jugendlichen geführten Bewegung Bedna Na’eesh (»Wir wollen leben«) im Gazastreifen. Seine Arbeit konzentriert sich auf die Bekämpfung extremistischer Ideologien sowohl im Nahen Osten als auch im Westen.






