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Der Fall Farid Hafez (Teil 3)

Der krönende Abschluss von Farid Hafez' politisch-islamischer Ideengeschichte: Der Chefideologe der Muslimbruderschaft, Yusuf al-Qaradawi. (© imago images/ZUMA Wire)
Der krönende Abschluss von Farid Hafez' politisch-islamischer Ideengeschichte: Der Chefideologe der Muslimbruderschaft, Yusuf al-Qaradawi. (© imago images/ZUMA Wire)

Das Buch „Islamisch-politische Denker“ von Farid Hafez kann man als „Apologie der Muslimbruderschaft und Ihrer Vordenker“ betrachten.

Bildung, Bildung und wieder Bildung

Für die Muslimbruderschaft spielte von Anfang an Bildung eine herausragende Rolle in ihrem Versuch, die Gesellschaften, die sich aus ihrer Sicht vom wahren Islam entfernt hatten, zurück auf den richtigen Weg zu bringen. Islamische Bildung und Erziehung waren seit der Gründung der Bruderschaft im Ägypten der 1920er Jahre durch den Grundschullehrer Hassan al-Banna das Fundament all ihrer Arbeit. Deren Endziel war die Errichtung einer islamischen Herrschaft, doch erreicht werden könne diese gewissermaßen nur von unten, durch die Verbreitung der wahren islamischen Lehre. Wenn die Menschen den Islam erst einmal richtig verstanden hätten, so der erzieherische Grundgedanke al-Bannas, würde sich der Rest mehr oder minder von selbst ergeben. „Dieser Prozess“, fasst Lorenzo Vidino al-Bannas Sichtweise zusammen,

„beginne mit der Schaffung des authentischen islamischen Individuums (…), das von seinem tiefen Glauben und seinem Sinn für soziale Gerechtigkeit geleitet werde. Muslimische Individuen würden authentische muslimische Familien formen, und schlussendlich eine islamische Gesellschaft. Wenn die Gesellschaft islamisiert sei, würden automatisch eine wahrhaft islamische Regierung und ein islamischer Staat folgen, die auf den Prinzipien der Scharia basieren. Nur ein solcher Staat habe die Kraft, alle Muslime zu vereinen, alle muslimischen Länder aus den Händen von Fremden zu befreien und die muslimische Ehre wiederherzustellen.“

Tarbiya, die rechte islamische Bildung, ist für die Muslimbrüder ein nie abgeschlossener Prozess, sondern eine lebenslange Aufgabe, an der in den kleinsten organisatorischen Einheiten der Bruderschaft, „Familien“ von vier oder fünf Brüdern, gearbeitet wird, etwa durch das gemeinsame Studium von Schriften, in denen die Ideologie der Bruderschaft vermittelt wird.

Die beinahe „obsessive Fokussierung“ auf Bildung ist für Vidino nicht nur eines der wesentlichen Merkmale der Muslimbruderschaft in Ägypten und anderen islamischen Ländern, sondern auch in westlichen Staaten. Ist deren vorrangiges Ziel, eine muslimische Identität zu schaffen und die Gläubigen gegen die Verlockungen des westlichen Lebensstils zu immunisieren, so kommt der Bildung hier vielleicht sogar noch größere Bedeutung zu.

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Wichtig ist der Bruderschaft, wie Nina Scholz und Heiko Heinisch betonen, „einerseits parallel zu staatlichen Institutionen eine eigene Infrastruktur im Bereich Bildung aufzubauen, und andererseits gezielt Mitglieder in relevanten Positionen des staatlichen Bildungssystems unterzubringen.“

Islamischer Unterricht

Seit dem Schuljahr 1982/83 wird in Österreich islamischer Religionsunterricht angeboten. Die Kosten für den Personalaufwand werden dabei zur Gänze vom Staat übernommen, aber es ist die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), die nicht nur die Religionslehrer aussucht, sondern auch für die Erstellung der zu unterrichtenden Lehrpläne verantwortlich ist.

Die Ausbildung der islamischen Religionslehrer ist die Aufgabe der 1998 von der Glaubensgemeinschaft gegründeten Islamische Religionspädagogischen Akademie (IRPA), die infolge von Reformen im Hochschulwesen heute unter dem Titel Privater Studiengang für das Lehramt für islamische Religion an Pflichtschulen tätig ist. Der Sitz der IRPA ist uns schon bekannt: das Gebäude der Annas Schakfeh Privatstiftung in Wien Liesing, in dem auch die Muslimische Jugend Österreich (MJÖ) ansässig ist und das am 9. November 2020 im Zuge der „Operation Luxor“ durchsucht wurde.

Seit seiner Gründung 1998 gerät die IRPA immer wieder mit ihrem fragwürdigen Personal in die Schlagzeilen, sei es, weil seine Mitarbeiter in Konflikt mit dem Gesetz kommen, sei es, weil einigen zumindest eine Nähe zur Muslimbruderschaft bzw. extremistisches Gedankengut nachgesagt wird.

Der erste Leiter der IRPA, Hassan Mousa, wurde, wie der Schakfeh-Biografie von Farid Hafez zu entnehmen ist, „wegen Verdachts auf Unregelmäßigkeiten in der Finanzgebarung der Anstalt seines Amtes enthoben“. Dem Bildungsbereich (und fragwürdigem bis strafrechtlich relevantem Finanzgebaren) blieb er anscheinend treu: Er leitete in Wien u.a. eine islamische Privatschule, die mehrfach durch ihre extremistischen Schüler oder deren nicht minder radikale Eltern in die Schlagzeilen geriet, und einen Kindergarten-Trägerverein, bevor er im Zuge von Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue, des Förderungsmissbrauchs und betrügerischer Krida in Untersuchungshaft genommen wurde. Einer seiner Kindergärten war zuvor bereits behördlich geschlossen worden, weil den Kindern illegal Koranunterricht erteilt worden war.

Ab 2003 wurde die IRPA vom Ägypter Esayed Elshahed geleitet, für den es im Islam keine Trennung von Politik und Religion geben kann, weil in der Scharia Politik, Recht und Soziales zusammengefasst sei. Ein westlich geprägter Euro-Islam sei ein Unding, weil sich die Religion nicht „zurechtbiegen“ ließe.

Im Netz der Bruderschaft

2009 übernahm schließlich Amena Shakir die Leitung der IRPA – und spätestens seitdem wird immer wieder über das Verhältnis der Einrichtung zur Muslimbruderschaft diskutiert. Warum das so ist, lässt sich schon erahnen, wenn man ihren Mädchennamen kennt: Amena el-Zayat ist die Schwester des bereits erwähnten Ibrahim el-Zayat, der als „eine der Schlüsselfiguren der Muslimbruderschaft in Europa gilt“. Scholz und Heinisch fassen einige der Eckpunkte seiner Biografie zusammen:

„Er war Präsident der [Islamischen Gemeinschaft in Deutschland] IGD (kürzlich umbenannt in: Deutsche Muslimische Gemeinschaft), die vom Verfassungsschutz als ‚wichtigste und zentrale Organisation von Anhängern der Muslimbruderschaft in Deutschland‘ eingestuft wird, Gründungsmitglied und Vorsitzender beim Forum of European Muslim Youth and Student Organisations (Femyso), dem Dachverband muslimbrudernaher europäischer Jugendorganisationen, sowie Funktionär in der FIOE, dem Dachverband muslimbrudernaher Organisationen in Europa. (…) Zudem hat Ibrahim El-Zayat enge Verbindungen zum Institut Européen des Sciences Humaine, einer privaten Hochschule der Muslimbruderschaft in Frankreich.“

Nun kann man selbstverständlich Amena Shakir nicht für die Tätigkeiten ihres Bruders verantwortlich machen, aber auch ihre eigene Biografie ist alles andere als frei von bedenklichen Verbindungen, die zumindest eine Nähe zur Muslimbruderschaft nahelegen. So hat sie an dem erwähnten Institut Européen des Sciences Humaine (IESH) nahe dem französischen Château-Chinon studiert, einer privaten islamischen Hochschule zur Ausbildung von Imamen, die vom Muslimbruderschafts-Dachverband FOIE und dem französischen Ableger der Bruderschaft, der Union des Organisations Islamiques de France (UOIF), gegründet wurde. Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des IESH ist niemand geringerer als Yusuf al-Qaradawi, der Chefideologe der Bruderschaft – einige seiner mehr als fragwürdigen Ansichten haben wir schon kennengelernt. Die Autoren des Buches „Qatar Papers“ bezeichnen das IESH schlicht als „Schule der Muslimbrüder“.

Noch bevor el-Zayat/Shakir ihr Studium am IESH beendete, fungierte sie 1996 als Herausgeberin des Buches „Das islamische Recht: Theorie und Praxis“ von Said Ramadan, dem Schwiegersohn von Hassan al-Banna, der die wichtigste Figur bei der Ausbreitung der Muslimbruderschaft in Europa war. Veröffentlicht wurde das Buch von der Muslim Studenten Vereinigung in Deutschland (sic!), in der mit Bilal el-Zayat ein weiterer Bruder von Amena el-Zayat/Shakir tätig war.

Und auch ihre berufliche Tätigkeit vor der Übersiedlung nach Wien und der Hochzeit mit dem zeitweise an der IRPA lehrenden Ammar Shakir ist nicht uninteressant, wenn man ihre möglichen Verbindungen zur Muslimbruderschaft unter die Lupe nimmt. Im Kurier erklärte Heiko Heinisch:

„Sie leitete bis 2002, noch unter dem Namen Amena El Zayat, die Deutsch-Islamische Schule in München, eine Grundschule für Kinder im Alter von 6 bis 10 Jahren. Als Trägerverein dieser Schule firmierte das Deutsch-Islamische Bildungswerk (DIBW), dem der Bayrische Verfassungsschutz attestierte, eine Tarnorganisation der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD) zu sein, die wiederum als deutsche Zentrale der ägyptischen Muslimbruderschaft gilt. Im Jahr 2005 untersagte die zuständige Regierung den Weiterbetrieb der Schule, weil ‚die Verfassungstreue des Schulträgers nicht mehr als gegeben angesehen werden‘ könne.“

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Die Herausgeberschaft eines Buches eines führenden Muslimbruders, ihr Studium an der Kaderschmiede der Bruderschaft in Frankreich, ihre Leitung einer Schule, die vom Verfassungsschutz dem Umfeld der Muslimbruderschaft zugerechnet wurde und von den Behörden wegen vermuteter Verfassungswidrigkeit geschlossen wurde – all das stand der Ernennung Shakirs zur Leiterin der IRPA durch den IGGÖ-Präsidenten Schakfeh offenbar nicht im Wege.

Unter Shakirs Leitung fanden einige ehemalige Führungskader der MJÖ ihren Weg als Lehrende an die IRPA, darunter nicht zuletzt auch Farid Hafez, der seinem Lebenslauf zufolge von 2009 bis 2016 hier tätig war.

„Islamisch-politische Denker“ – lauter Demokraten!

Wie in Teil 1 dieser Serie erläutert, besteht das vorrangige Ziel der Muslimbruderschaft in westlichen Staaten darin, unter Muslimen eine selbstbewusste islamische Identität zu schaffen, die sie davon abhält, im „Strudel des im Westen vorherrschenden materialistischen Trends“ unterzugehen und sie „immer wieder an ihre Ursprünge erinnert“ (Qaradawi).

Der Weg dahin kann freilich nicht einfach in der Übernahme der gewissermaßen kanonischen Texte der islamistischen Tradition von Ibn Taymiyya über Hassan al-Banna und Sayyid Qutb zu Yusuf al-Qaradawi bestehen, die vielfach in einer anderen Zeit entstanden sind und meist nicht im Hinblick auf Muslime in mehrheitlich nicht-muslimischen Gesellschaften verfasst wurden. Erfordert ist eine Adaptions- und Umformulierungsleistung, die die islamistisch-ideologisch Tradition in einer Art und Weise aufbereitet, die besser an die Lebensrealität von Muslimen in westlichen Staaten angepasst ist.

Genau das ist interessanterweise auch das Ziel, das sich Farid Hafez bei seiner Lehre an der IRPA gesetzt hat, wie er schon in der Danksagung – an Anas Schakfeh – zu seinem Buch „Islamisch-politische Denker“ klarstellt, das auf seine Tätigkeit am IRPA im Studienjahr 2012/13 zurückgeht. Er sah sich damals

„vor die Wahl gestellt, neben dem von mir unterrichteten Fach der Politischen Bildung (…) entweder eine weitere Einführungsvorlesung in die politische Theorie von Platon über Machiavelli und Arendt bis zu Habermas zu halten oder aber die angehenden muslimischen ReligionslehrerInnen auszugsweise mit ihren aus dem Islam stammenden Traditionen vertraut zu machen. Ich entschied mich für Zweiteres.“

Die Arbeit daran habe er auch deswegen in Angriff genommen, weil er zur Kenntnis nehmen habe müssen, „dass es im deutschsprachigen Raum kaum eine umfassende Einführungslektüre in die islamisch-politische Ideengeschichte für Studierende zu lesen gab“.

Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit, denn selbstverständlich gibt es beispielsweise mit Bassam Tibis „Der wahre Islam. Der Islam von Mohammed bis zur Gegenwart“ sehr wohl einen durchaus umfassenden Überblick über die Geschichte der islamischen politischen Philosophie. Darin setzt sich Tibi ausführlich auch mit den heiklen Themen und Fragen dieser Tradition auseinander, vom Stellenwert des Dschihad über den Kampf gegen vernunftgeleitetes Denken und den tiefgreifenden Konflikt des Islam mit der Moderne bis zum unauflösbaren Widerspruch zwischen einem auf der Scharia beruhenden staatlichen System und einer Demokratie, die diese Bezeichnung auch verdient. Kurz gesagt: Tibi widmet sich all den Fragen, über die in Hafez‘ Huldigung „islamisch-politischer Denker“ so gut wie nichts in Erfahrung zu bringen ist – könnte das der Grund sein, warum Hafez Tibis Buch unterschlägt?

Herausgekommen ist bei Hafez‘ Versuch, die von ihm unterrichteten künftigen Religionslehrer „ihren aus dem Islam stammenden Traditionen vertraut zu machen“, jedenfalls ein Buch, in dem die Biografien und das Denken der von ihm erörterten „islamisch-politischen Denker“ sorgsam von fast allem gereinigt wurden, was für ein westliches Publikum ein schlechtes Licht auf sie werfen könnte.

So mutieren Hassan al-Banna, der Gründer und Vordenker der Muslimbruderschaft, den Hafez gleichermaßen ungekürzt wie unkommentiert seitenlang zitiert, und all die anderen zu gewissermaßen lupenreinen Demokraten – eine Übung, die er auch in einem Gastkommentar für den Standard unternommen hat, in dem er behauptete, die Demokratie sei „auch für den politischen Islam eine Staatsform mit Anziehungskraft“. Dass die von ihm präsentierten Denker in Wahrheit keinerlei Zweifel daran ließen, dass die von ihnen angestrebten politischen Systeme selbstverständlich auf der grundsätzlichen Bevorzugung des Islams und der Muslime sowie der Geltung der Scharia – mit allen ihren diskriminierenden und menschenrechtswidrigen Bestimmungen – beruhen müssten und dadurch mit einer Demokratie im westlichen Sinn wenig zu tun haben, stört Hafez nicht weiter – er ignoriert diese Bekenntnisse, selbst wenn er sie zitiert.

Und wenn, worauf Alan Posener aufmerksam macht, der von Hafez verehrte al-Banna forderte, dass das Mittelmeer wieder ein „islamisches Meer“ werden und das „Banner des Islam“ wieder in all jenen Ländern wehen müsse, „die sich für eine gewisse Zeit des Islams erfreuten“, dann erklärt Hafez diese Forderung nach der islamischen Wiedereroberung von Ländern wie Spanien, Griechenland und großer Teile des Balkans kurzerhand zu einem gewissermaßen „antiimperialistischen“ Anliegen.

Antisemitismus? Fehlanzeige

Komplett ausgeblendet wird von Hafez der Antisemitismus, der einen wesentlichen Bestandteil des politischen Denkens vieler der von ihm erörterten Denker ausmachte.

So verschweigt er etwa, wie erneut Alan Posener hervorhebt, was der von Hafez mit keinerlei Kritik bedachte Gründer und ideologische Vordenker der Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, über den fanatischen Judenhasser und wichtigsten Nazi-Kollaborateur der arabischen Welt, den Großmufti von Jerusalem Amin el-Husseini, schrieb, als er ihn 1946 bei dessen Rückkehr aus Europa willkommen hieß.

Im Namen der Muslimbruderschaft pries er el-Husseini für die „großen Verdienste um den Ruhm des Islam und der Araber“. Dass es ihm gelungen sei, wieder „arabischen Boden zu erreichen“, also aus Europa zu entkommen, wo er wegen NS-Kollaboration vor Gericht gestellt gehört hätte, bewirke einen „Donnerhall in den Ohren etlicher amerikanischer, britischer und jüdischer Tyrannen“. Und er setzte fort:

„Der Mufti ist soviel wert wie eine ganze Nation. Der Mufti ist Palästina, und Palästina ist der Mufti. O Amin! Was bist Du doch für ein großer, unbeugsamer, großartiger Mann! All die Jahre im Exil haben Deinen Kampfgeist nicht gemindert.

Hitlers und Mussolinis Niederlage hat Dich nicht geschreckt. Dein Haar ist nicht vor Furcht grau geworden und Du bist noch immer voller Leben und Kampfgeist. (…)

(N)un kehrt er zu seinem Volk zurück, um den Kampf gegen die verbrecherischen Briten und den Zionismus wieder aufzunehmen. Die Schlacht hat begonnen, und der Ausgang ist leicht abzusehen. Der Allmächtige Gott hat Amin nicht umsonst aufgespart. Es muß göttliche Absicht hinter der Bewahrung des Lebens dieses Mannes stecken, nämlich die Niederlage des Zionismus. Amin! Vorwärts! Gott ist mit Dir! Wir stehen hinter Dir. Wir sind bereit, unseren Hals für die Sache zu riskieren. Bis zum Tod! Vorwärts marsch.“

Keinerlei Erwähnung wert ist Hafez auch, dass der Nachfolger von al-Banna als ideologischer Vordenker der Muslimbruderschaft, Sayyid Qutb, eine eigene Schrift namens „Unser Kampf gegen die Juden“ veröffentlichte, in der er den Juden nicht weniger vorwarf, als dass sie seit den Zeiten des Propheten Mohammed darauf aus wären, die Muslime vom wahren Islam abzubringen. Charakteristische Eigenschaften der Juden seien „Täuschung und Verschwörung“, und überhaupt seien sie praktisch an allen Übeln der modernen Welt schuld:

„Hinter der Doktrin des atheistischen Materialismus stand ein Jude; hinter der Doktrin der animalistischen Sexualität stand ein Jude; und hinter der Zerstörung der Familie und der heiligsten Beziehungen in der Gesellschaft … stand ein Jude.“

Daraus schloss Qutb:

„Der Kampf zwischen dem Islam und den Juden dauert mit aller Kraft an und wird sich fortsetzen, weil der Jude nur mit der Zerstörung des Islam zufrieden sein wird.“

Qutb war geprägt von derartig manichäischem Denken, doch ist darüber in Hafez‘ Buch nichts zu lesen. Stattdessen bemüht er sich darum, es gewissermaßen als Missverständnis oder Fehlinterpretation darzustellen, wenn islamistische Terroristen sich immer wieder auf Qutbs bekanntestes Traktat namens „Wegmarken“ beziehen, um ihre Gewalttaten zu rechtfertigen. Dass Qutb letztlich vom ägyptischen Staat hingerichtet wurde, machte ihn für Hafez zu einem „Symbol für einen Kampf zwischen dem Islam und der Welt der Unterdrückung“.

Muss noch eigens betont werden, dass Hafez selbstverständlich auch mit keinem Wort auf den Antisemitismus des heutigen Vordenkers der Muslimbruderschaft Yusuf al-Qaradawi eingeht, der von Hafez wiederum kritikfrei gewissermaßen als Krönung seiner islamisch-politischen Ideengeschichte präsentiert wird? Immer wieder in der Geschichte seien die Juden laut Qaradawi für ihre Untaten bestraft worden:

„Die letzte Bestrafung wurde von Hitler ausgeführt. Durch all die Dinge, die er ihnen angetan hat – auch wenn sie diese Sache übertrieben haben –, hat er es geschafft, sie in ihre Schranken zu weisen. Dies war eine göttliche Strafe für sie … So Allah will, wird [die Bestrafung] das nächste Mal durch die Hand der Gläubigen geschehen.“

Apologie der Muslimbrüder

Liest man Hafez‘ „islamisch-politische Ideengeschichte“, so kann man sich schwerlich des Eindrucks entziehen, dass er sich in der Tat große große Mühe gibt, zentrale Akteure aus dem Orbit der Bruderschaft in möglichst gutem Licht erscheinen zu lassen, wie die Neue Zürcher Zeitung ihm und seinen ehemaligen Mitstreitern in der MJÖ attestierte. Man kommt auch schwer umhin, Arno Tausch zuzustimmen, der in der Presse schrieb, dass Hafez den politischen Islam „verniedlicht, verkleinert und zum Teil verschönert“.

Man kann es mit Alan Posener aber auch kurz und knapp sagen: Das Buch stellt „inhaltlich faktisch eine Apologie der Muslimbruderschaft und Ihrer Vordenker dar.“

  • Der Fall Farid Hafez (Teil 1): Wer oder was ist die Muslimbruderschaft in Europa? | Was wollen die Muslimbrüder? | Der Fall Farid Hafez.
  • Der Fall Farid Hafez (Teil 2): Jugendlicher Aktivismus | Beten mit Hassan al-Banna | Anas Schakfeh | Der Vordenker der Muslimbruderschaft? Ein „großer Gelehrter“. | „Zweifellos unter dem Einfluss“ der Muslimbruderschaft.
  • Der Fall Farid Hafez (Teil 4): Das angebliche Feindbild Islam | Die Rothschilds und die Rockefellers | Der „islamophobe“ Martin Luther | Der European Islamophobia Report | Lachen über eine massakrierte Redaktion | Eine Stiftung ganz nach Erdoğans Geschmack | Geld von der EU | Eine Konferenz in Köln | Der Akt der Staatsanwaltschaft Graz

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