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Der erste christliche Oberstleutnant in Israel. Ein Interview (Teil 1)

In der Entwicklung, die die christliche Gemeinschaft in Israel in den vergangenen sechs Jahren genommen hat, gibt es einige historische Wegmarken.

Major S. wird eine davon setzen, wenn er im Februar den Rang eines Oberstleutnants erhält und damit der erste Christ in den IDF (Israel Defense Forces) sein wird, der diesen Rang bisher erreicht hat.

S. (dessen Name aus militärischen Geheimhaltungsgründen nicht genannt werden darf), ein griechisch-orthodoxer Christ und Einwohner von Nazareth Illit, der jüdischen Stadt neben Nazareth, ist verheiratet und Vater eines neunjährigen Jungen sowie eines fünfjährigen Mädchens. Er selbst bezeichnet sich als aramäisch-israelischer Christ. Er trat der israelischen Armee im Jahr 1999 bei, als sich einige Christen freiwillig zu den IDF und zur Grenzpolizei meldeten. In Israel gilt die Verpflichtung zum Dienst in der Armee nur für Juden, Drusen und Tscherkessen. Christen und Muslime sind davon ausgenommen, können sich aber freiwillig melden.

S. absolvierte das Gymnasium mit Auszeichnung an der deutsch-katholischen Salvatorschule in Nazareth, an der die meisten Schüler Christen waren. Er sagt, dass in der Schule keinen Hass gegenüber und keine Ängste vor dem Eintreten in die IDF gab. Dass die große Mehrheit nicht in der Armee Dienst leistet, sei in der Tatsache begründet, dass es in der christlichen Gemeinschaft üblich war, das Studium fortzusetzen und eine Ausbildung zu erlangen. S. stellt fest, dass es unter den arabisch sprechenden Christen auch politische Gegner des Eintretens in die Armee gibt, atheistische Kommunisten oder Panarabisten, die nicht an das Christentum glauben. Das sei zwar eine extreme Minderheit, die von der Realität losgelöst sei und ihre Wurzeln und Vergangenheit verleugnet, aber die Lebensrealitäten der meisten Christen in arabischen Städten machten sie anfällig für Druck und für Drohungen gegen einen Eintritt in die Armee.

Nach seinem Schulabschluss wurde S. am Technion in Haifa zum Maschinenbau-Studium zugelassen, sagt jedoch, dass er nicht mit sich selbst im Reinen war. Zu dieser Zeit hatte er eine jüdische Freundin, die kurz davor war, in die IDF eingezogen zu werden. A. fühlte sich bereits als Israeli, hatte aber das Gefühl, dass etwas fehlte und er entschied sich, freiwillig zu den IDF zu gehen. Aber als jemand, der keine jüdische Schule besucht hatte, fehlten ihm Vorkenntnisse über die Armee, Informationen über den Rekrutierungsprozess, über den Dienst, über die verschiedenen IDF-Einheiten und die sich bietenden Möglichkeiten. Er wusste lediglich, dass ein Soldat eine Waffe habe und schlimme Dinge tue. Ein damaliger Freund bereitete ihn vor und sagte ihm, dass er zu einem Rekrutierungsbüro in Tiberias gehen müsse. Dort wurde S. mitgeteilt, dass er in das Beduinenbataillon eingeteilt werden würde.

„Ich hatte keine Ahnung, worum es ging. meine Daten wurden nicht geprüft, nichts. Ich habe die Einstellungstests bewältigt und bei der psychometrischen Prüfung eine hohe Punktezahl erhalten. Aber weil ich mich nicht auskannte, konnten sie mich einfach in jede Einheit ihrer Wahl stecken – und wie einige andere Christen auch, die sich freiwillig gemeldet hatten und nichts wussten, wurde ich zum Beduinenbataillon geschickt.

Als ich merkte, dass dies eine Beduineneinheit war, lehnte ich ab. Christen haben nicht dieselben fachlichen Fähigkeiten und Eigenschaften der Beduinen, die alle dieselbe Sprache sprechen und kulturell eine zusammenhaltende Gemeinschaft bilden. (Im Nachhinein wurde mir klar, dass ich mich damals nicht geirrt habe: Es ist ein professionelles Bataillon mit einzigartigen Eigenschaften, das Aufgaben erledigen kann, die kein Christ oder Jude bewältigen könnte.) Außerdem wollte ich alle kennenlernen und nicht in einer homogenen Einheit dienen. Christen sollten in Einheiten dienen, in denen jeder mit der Vielfalt der israelischen Gesellschaft vertraut ist. Daher ist es sehr gut, dass es keine homogene christliche Einheit gibt.“

Schlussendlich begann S. seinen Kampfeinsatz in der Golani-Infanteriebrigade, was alles andere als einfach war:

„Ich kam nicht gut mit den Anderen aus, also sagte ich, dass ich ein arabischer Christ bin. Das haben wir in der Schule gelernt: Wir sind Araber. Wir haben dieselbe Musik, dasselbe Essen, dieselbe Sprache. Ich habe kein Problem mit ihnen, nicht mit der Musik, nicht mit dem guten Essen und nicht mit der reichen Sprache. Heute weiß ich, dass dies nicht meine wirkliche Identität ist. Aber damals dachte ich nur, dass ich ein arabischer Christ war. In der Golani-Einheit bereitete mir das einige Probleme. Ich hatte Streit und Auseinandersetzungen, was mir einen Kommunikationskurs einbrachte. Dann wurde ich in einer Fernmeldeeinheit untergebracht und stieg von dort aus in verschiedenen Positionen auf.

Ich erhielt eine Auszeichnung für eine Operation, an der ich teilgenommen habe, und wurde danach zum Offizierslehrgang geschickt. Als Offizier wurde ich einem Artillerie-Bataillon zugeteilt und durchlief wieder verschiedenen Positionen in mehreren Einheiten. Im Laufe meines Armeedienstes habe ich vier Jahre lang studiert und schloss mein Studium als Elektroingenieur ab. Währenddessen war ich in die Rekrutierung junger arabischsprachiger, aramäischer Christen für die IDF involviert. Zurzeit bin ich in Militärakademien sowie in der Generalstabsschule tätig, im Februar werde ich in der Marine dienen und den Rang eines Oberstleutnants erhalten.“

Der erste christliche Oberstleutnant in Israel. Ein Interview (Teil 1)S. spricht über die zwei denkwürdigsten Erfahrungen seit Beginn seines Militärdienstes vor 19 Jahren:

„Als ich Kommandant einer Einrichtung im Südlibanon war, wurden wir bombardiert und der gesamte militärische Außenposten wurde vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Die Hisbollah befand sich in der Nähe des Außenpostens und irgendwie gab es eine unverschlüsselte Funkverbindung zu anderen Streitkräften. Ich verstand, worin das Problem lag, habe mich damit beschäftigt und geschafft, es zu lösen. Aber ich habe nicht bemerkt, dass ich einen Splitter im Bein hatte. Ich ging in den Funkraum und sie fragten mich, was mit meinem Fuß los sei. Ich betrachtete ihn und sah ringsum Blut, das erste Mal, dass ich verletzt wurde.

Ein zweiter Vorfall ereignete sich während der ‚Operation Wolkensäule‘ [gegen die Hamas im Gazastreifen im November 2012]. Ich wurde kurzzeitig als stellvertretender Kommandeur eines Panzerkorps eingesetzt. Ich schlief nachts im Auto, als Reservesoldaten der Einheit mich anriefen und sagten, sie seien unterwegs, um mich zum Grillen abzuholen und am Morgen wieder zurückzubringen. Am nächsten Morgen erhielt ich unzählige Anrufe. Als ich zurückkam, sah ich, dass das Auto von einer Mörsergranate völlig zerstört worden war und dachte darüber nach, was wohl mit dem neuen Rasierer geschehen war, den ich gerade gekauft hatte. Das war die Nacht, in der ich zum Grillen ging. Es war ein Wunder.“

Ich frage S., ob er während seines Militärdienstes Dinge über die israelische Gesellschaft und den Staat erfuhr, die ihm vor seinem Armeedienst nicht bewusst gewesen waren. Er bemerkte, dass seine erste Neuentdeckung seine Identität war:

„‚Wer bin ich?‘ Wenn ich nicht der Armee beigetreten wäre, wäre ich geblieben wie andere Kollegen meiner Klasse, die nicht zu ihren Wurzeln im jüdischen Volk stehen. Denn in den Schulen lehren sie uns nichts über die Geschichte der Christen im Heiligen Land, nichts über die jüdischen oder die aramäischen Wurzeln, nichts über die schlimme geschichtliche Periode der Kreuzfahrer. Meine Freunde kennen sich selbst nicht. Die israelische Gesellschaft betrachtet sie als Araber, so wie viele von ihnen sich selbst auch sehen – und das ist sowohl ein historischer Fehler, als auch eine Schande. Es ist eine Schande, dass eine Person sich selbst nicht kennt.“

Das zweite, was A. während seines Armeedienstes herausgefunden hat, war, dass viele Soldaten nicht verstehen würden, was eine Minderheit ist.

„Immer mehr Soldaten wissen, was Drusen und Beduinen sind. Und einige, wenn auch immer noch zu wenige, wissen, was Tscherkessen sind. Dies ist ein Problem, an dem weitergearbeitet werden muss. Was ihren Armeedienst anbelangt, haben die Beduinen und die Muslime jemanden, der ihnen hilft und sich ihrer annimmt. Die Drusen und die Tscherkessen haben eine starke und organisierte Vertretungskörperschaft. Die Christen haben keinen organisierten und starken Ansprechpartner. Wenn ich in einem Offizierskurs bin, besuche ich Dalit al-Carmel, um die Drusen und Zarzir, um die Beduinen kennenzulernen. Aber es wird kein Ort besucht, um Christen zu treffen. In den Einheiten, in denen auch christliche Soldaten dienen, ist das Bewusstsein dafür gestiegen. In Einheiten, in denen Christen nicht dienen, herrscht noch viel Unwissen.“

Der Dienst in der Armee hatte sowohl auf der persönlichen, als auch auf der familiären Ebene Einfluss auf S.:

„Ich habe an einer Schule für Nerds studiert, wir haben nur gelernt und gelernt und kaum Zeit mit anderen Dingen verbracht. Wir haben jeden Tag gelernt, außer an Sonntagen; es gab kein Sozialleben. Die Armee half mir, einen umfassenderen Blick auf das Leben zu erlangen.

Ich bekam Angst davor, aus dem Dienst entlassen zu werden. Ich bin keine Angst vor Leuten, die mich verbal bedrohen. Ich habe auch keine Angst, in der arabischen Stadt Nazareth in Uniform herumzugehen. Manchmal gehe ich absichtlich in Uniform in Geschäfte von Christen, um ihnen zu zeigen, dass sie keine Angst vor der Uniform haben müssen. Es gibt einen christlichen Offizier in Nazareth, der nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst ein Café eröffnet hat. Sie [einige Muslime] wollten Schutzgeld von ihm erpressen, aber es gelang ihnen nicht. Er hatte keine Angst und gab nicht auf – im Unterschied zu anderen Christen, die nicht in der IDF gedient haben und Schutzgelder zahlen. Mein Hebräisch hat sich stark verbessert und ich fühle mich eng mit der israelischen Gesellschaft verbunden.

Meine Kinder lernen an jüdischen Schulen, weil mir klar geworden ist, dass sie an meiner Schule, an anderen privaten christlichen Schulen sowie an öffentlichen Schulen des arabischen Sektors nichts über ihre Identität und ihre Wurzeln erfahren. Nichts über die Beschneidung Jesu im jüdischen Bethlehem, nichts über das Leben der Christen im Heiligen Land vor der arabisch-muslimischen Eroberung. Warum gibt es beispielsweise in Deir al-Assad, einem arabisch-muslimischen Dorf im Norden Israels keine Christen? Deir ist das arabische Wort für Kloster, also wo sind die Christen? Sie lehren Sachen über Baumschmuck, lehren Lieder, manche Gebete, die auch wichtig sind, aber ansonsten lehren sie nicht die Wahrheit. Außerdem bin ich in meiner ehemaligen Schule auf Probleme gestoßen, als ein neuer stellvertretender Direktor ernannt wurde. Er sah mich einmal in Uniform und sagte zu mir, ich solle damit nicht in die Schule kommen. Das war eine Enttäuschung. Ich will nicht, dass mein Sohn in der Schule wegen mir belästigt wird, und ziehe es deshalb vor, ihn eine jüdische Schule besuchen zu lassen, in der er etwas über seine Ursprünge lernt.

Es gibt starke Kräfte in der christlichen Gemeinschaft und im arabischen Sektor, die uns unwissend halten, die eine Kluft zwischen Christen und Juden treiben und uns vom Staat trennen wollen. Mir ist es gelungen, meiner näheren und entfernteren Verwandtschaft die Wichtigkeit einer Verbindung mit dem Staat Israel bewusst zu machen und mit der Vorstellung zu brechen, dass der Staat uns verfolgen würde: eine Behauptung, die immer mehr an Boden verliert. Meine Schwester diente nach mir in der Armee, jeder, der nach mir gekommen ist, trat der Armee bei. In unserer Familie stellt sich Frage nicht mehr. Es ist eine Selbstverständlichkeit, zur Armee zu gehen.

Amit Barak war einer der Initiatoren der historischen Bewegung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat Christen in die IDF und die Israelische Gesellschaft zu integrieren. Er ist ein Experte für christlich-jüdische Beziehungen in Israel und im Ausland.

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