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Der alte Antisemitismus in neuem Tarnkleid

Aktion der Iraelboykottbewegung BDS auf der Wiener Mariahilferstraße
Zeitgenössischer Antisemitismus: Aktion der Iraelboykottbewegung BDS auf der Wiener Mariahilferstraße (Quelle: Facebook Privat)

Der Antizionismus als Ablehnung des Judenstaates ist nichts anderes als die zeitgenössische Erscheinungsform des uralten Antisemitismus.

Peter Huemer

Als der ORF 1986 den Film „Shoah“ von Claude Lanzmann ausstrahlte, gab es begleitend einen Club 2. Unter den Gästen saß eine ältere Frau, die in ihrer Jugend Nationalsozialistin gewesen war und die sich selbst als schon lange „bekehrt“ bezeichnet hat.

Und das war sie auch. Sie lehnte in ihren Wortmeldungen den Antisemitismus entschieden ab und wollte auch die Menschen zu Hause davon überzeugen, dass dies ein schrecklicher Irrweg sei. Doch einmal sagte sie zwischendurch ganz knapp: „Aber eins sag ich Ihnen auch: Die Juden sollen nicht wieder frech werden.“ Anschließend war sie wieder bekehrt.

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Ich erinnere mich an meine Verblüffung und an ein nachfolgendes Gespräch mit Hermann Langbein, der am Club 2 teilgenommen hatte. Langbein war weniger erstaunt und erklärte mir, er sei schon öfter diesem Typus begegnet: Menschen, die ihr einstiges Denken abgelegt hatten und das auch anderen mitteilen. Doch gelegentlich kommt ein Rückfall. Und sie bemerken es selber nicht. Weil: ganz weg ist es nicht, was einmal war. 

Mir kam vor – so habe ich es damals formuliert –, in einem solchen Kopf geht es zu wie in einer Gulaschkanone. Alles brodelt wild durcheinander und wirft Blasen. Und welche gerade hochsteigt, entzieht sich der Kontrolle. Ist aber in jedem Fall „nicht bös gemeint“.

Nicht bös gemeint ist auch ein wiederkehrender Stehsatz, der beginnt mit: „Ich habe ja nichts gegen die Juden, aber …“ Was darauf folgt, ist fast immer lupenrein antisemitisch, was aber den Rednern selbst nicht bewusst wird, weil sie sich mit „Ich habe ja nichts gegen die Juden“ als ausreichend immunisiert wähnen. Doch das können sie gar nicht sein.

Jahrhunderte alter Judenhass

Das hängt mit den letzten 1000 Jahren unserer Geschichte zusammen, in deren Verlauf der Judenhass den Menschen in Europa derart in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass eine Mehrheit nichts Besonderes daran gefunden hat.

Ein aktuelles Beispiel: das Lueger-Denkmal in Wien, bald nach seinem Tod geschaffen, ein mächtiges Monument in der Wiener Innenstadt. Dass darin die Hetze des Wiener Bürgermeisters gegen Juden, womit er bei einem beträchtlichen Teil der Wiener Bevölkerung äußerst erfolgreich war und womit er seine christlich-soziale Partei bis zu ihrem kläglichen Ende 1934 zu einer hasserfüllten Antisemitenpartei gemacht hat, dass das alles im Denkmal nicht vorkommt, erstaunt nicht. 

Erstaunlicher ist schon, dass das auch nach der Shoah jahrzehntelang nicht ausreichend irritiert hat. Es gab seit den frühen 90er Jahren den Streit um den Luegerring. Auch da hat es zwei Jahrzehnte gedauert, bis die Gemeinde Wien sich 2012 zur Umbenennung durchringen konnte. Parallel dazu lief die Diskussion um das Denkmal, war aber nie besonders intensiv. Das kam erst durch eine internationale Entwicklung, die mit Antisemitismus nicht direkt zu tun hat: die Denkmalsstürze im Westen, ausgelöst von #MeToo und vor allem der Ermordung von George Floyd durch die Polizei.

Wenn wir heute in Festreden von Europas „christlich-jüdischem Erbe“ hören, müssen wir hinzufügen, dass auch der Judenhass ein integraler Bestandteil europäischer Kultur ist, zuerst aus christlicher, seit dem späten 19. Jahrhundert auch aus rassistischer Wurzel.

Natürlich gab es seit der Französischen Revolution – auch schon davor – Gegenbewegungen mit Teilerfolgen: der bürgerliche Liberalismus zum Beispiel, der in Österreich seinen edelsten Ausdruck in den Staatsgrundgesetzen vom Dezember 1867 gefunden hat. Doch bald danach ist, unter anderem bedingt durch die sogenannte jüdische Assimilation, der Antisemitismus vieler noch wütender geworden und hat später zum größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte geführt. Aber eine grundlegende Änderung des judenfeindlichen Tonfalls hat sich nicht einmal nach der Shoah ergeben. 

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis der Antisemitismus in seiner Sprache verschämt geworden ist. Eine Rolle hat im katholischen Milieu die vatikanische Erklärung „Nostra Aetate“ 1965 gespielt, in welcher die Katholische Kirche eine Kehrtwende vollzogen hat. Ab jetzt war der Judenhass sündhaft. In Österreich hat der Streit um Waldheim den großen Bruch bedeutet. Seit vielen Jahren gibt es nun Schwankungen im antisemitischen Tonfall: oft ist er verschämt, dann wieder unverschämt.

Neues Tarnkleid

Dazu kommt, dass die Feindschaft gegen Juden sich eines neuen Tarnkleids bemächtigt hat und sich „Antizionismus“ nennt. Damit ist der Antisemitismus auch für Linke wieder offen. Es gibt Spielarten des Antizionismus und der Kritik an Israel, die derart plump sind, dass der antisemitische Charakter offensichtlich ist: Vergleiche von Israel mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Was die Nazis mit den Juden gemacht haben, machen die Juden heute mit den Palästinensern. Lügen dieser Art.

Sinnvoll ist, den Begriff „Antizionismus“ ernst zu nehmen. Im Wortsinn bedeutet er: Ablehnung des Zionismus und daraus folgt eine Ablehnung des Judenstaats, weil dieser imperialistisch sei unter US-Protektorat. Dem Judenstaat, der zudem in einem grauenhaft diktatorischen Umfeld als einziger demokratisch verfasst ist, seine Existenzberechtigung abzusprechen, ist antisemitisch. Das ist aber wahrscheinlich nicht von allen, die sich selbst als „Antizionisten“ bezeichnen, so radikal gemeint. 

Ebenso vieldeutig ist der gebräuchliche Ausdruck „Israelkritik“. Auch die ist antisemitisch, nimmt man den Wortsinn: eine grundsätzliche Kritik gegen den Staat. Gemeint ist aber, wenn umgangssprachlich von „Israelkritik“ die Rede ist, häufig Kritik an der israelischen Regierungspolitik. Und das ist etwas ganz anderes. Zwar kann auch die antisemitisch sein und israelische Regierungschefs – der gegenwärtige besonders – neigen dazu, Kritik an israelischer Politik möglichst pauschal als antisemitisch zu denunzieren. Natürlich kann das nicht akzeptiert werden – schon deswegen nicht, weil Antisemitismus nach allem, was den Juden in Europa angetan worden ist, ein besonders schwerwiegender Vorwurf ist und es illegitim ist, daraus tagespolitisches Kleingeld zu machen.

Zum Judenhass, den muslimische Flüchtlinge ins Land tragen: Eine Studie der Israelitischen Kultusgemeinde 2019 hat ergeben (ich zitiere nach Ferry Maier, Der Standard, 6. Oktober 2020): 31 von insgesamt 550 antisemitischen Vorfällen in  diesem Jahr hätten einen muslimischen Hintergrund gehabt, die überwältigende Mehrzahl einen rechtextremen.

Das heißt aber nicht, dass es muslimischen Judenhass kaum gibt. Der kann bei kriminellen Fanatikern grauenhaft sein. Dass das mörderische Wüten am 2. November 2020 in der Wiener Judengasse und in der Seitenstettengasse, dem Sitz des Stadttempels und der Israelitischen Kultusgemeinde, seinen Anfang genommen hat, war wohl kein Zufall. Obwohl in diesem Fall kein Jude zu Schaden gekommen ist: Jüdische Einrichtungen in Österreich müssen bewacht und geschützt werden.

Was aber nicht geht: Angesichts des muslimischen diesen österreichischen Antisemitismus, der nicht vergehen will, als harmlos zu betrachten. Es gibt ihn und er hat eine lange Geschichte.

Peter Huemer ist ein österreichischer Publizist, Journalist und Historiker. Der Artikel erschien zuerst im Sonderheft der Wochenzeitung FURCHE anlässlich des 75jährigen Bestehens der Zeitung.

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