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Dem iranischen Regime kommen jetzt auch die Künstler abhanden

Die iranische Schauspielerin Pegah Ahangarani und der Regisseur Masoud Kimiaei
Die iranische Schauspielerin Pegah Ahangarani und der Regisseur Masoud Kimiaei (© Imago Images / Xinhua)

Die Islamische Republik findet keine Antwort auf die Wut, die sich nach dem Abschuss des unkrainischen Flugzeugs gegen sie entlädt.

Auch am vierten Tag in Folge gingen Demonstrationen im Iran vor allem an den Universitäten unvermindert weiter, obwohl die gefürchteten Bassiji-Milizen in Teheran und anderen Städten gegen Protestierende zum Einsatz kamen. Nach dem Abschuss des ukrainischen Flugzeugs scheint sich die zuvor geballte Wut gegen ein Regime zu entladen, dem in Reaktion bislang wenig einzufallen scheint.

Außerdem solidarisieren sich diesmal auch Teile des Establishments mit den Zielen der Protestbewegung, und so etwas ist für Herrschende nie ein besonders gutes Zeichen. Zwar sind es bislang „nur“ Journalisten und Kulturschaffende, die sich zu Wort melden, (noch?) keine höheren Mitglieder etwa der Sicherheitsapparate, aber diese „neue“ Protestbewegung ist schließlich auch noch keine Woche alt.

Bedeutungslos ist allerdings keineswegs, wenn etwa langjährige Mitarbeiterinnen der staatlichen Nachrichtenagentur das Handtuch werfen, die zuvor dem Regime treu die Stange gehalten haben, und sich auch noch öffentlich für die Lügen entschuldigen, die sie jahrelang verbreitet hätten:

„Mindestens zwei Moderatoren, die für den iranischen Staatssender IRIB arbeiten, haben bekannt gegeben, dass sie ihren Job gekündigt haben. Eine dritte Person gab an, dass sie bereits vor einiger Zeit gekündigt habe, nachdem sie 13 Jahre lang im Namen des Staates Lügen verbreitet hatte. Gelare Jabbari entschuldigte sich in einem Instagram-Posting und schrieb: ‚Es war sehr schwer für mich zu glauben, dass unsere Leute getötet wurden. Verzeiht mir, dass ich es so spät erfahren habe. Und vergebt mir wegen der 13 Jahre, die ich euch belogen habe.’”

Zvor schon hatten einige der so genannten „moderaten“ Zeitungen im Land, und moderat heißt im Iran nicht viel, erstaunlich offene Kritik an Revolutionsgardisten und Ayatollah Ali Khamenei geäußert und den Rücktritt der für das Flugzeugdesaster Verantwortlichen gefordert:

„‚Entschuldigen Sie sich und treten Sie zurück‘, schrieb die gemäßigte iranische Tageszeitung Etemad am 12. Januar in einer Schlagzeile und erklärte, dass die ‚Forderung des Volkes‘ an diejenigen, die für die falsche Handhabung der Flugzeugkrise verantwortlich sind, deren Rücktritt sei. (…) Eine andere gemäßigte Tageszeitung, Jomhuri-ye Eslami (deutsch: Islamische Republik), schrieb in ihrem Leitartikel: ‚Diejenigen, die die Veröffentlichung des Grundes für den Flugzeugabsturz verzögert und das Vertrauen der Menschen in das Establishment beschädigthaben, sollten entlassen werden oder zurücktreten.‘“

Aber auch in anderen Teilen der Gesellschaft finden sich immer mehr Iranerinnen und Iraner, die offenbar keine Lust mehr haben, mit dem Regime identifiziert zu werden. Ob erst jüngst Sportlerinnen und Schachspieler, die sich schlicht verweigerten, oder Künstler und Kulturschaffende:

Immer mehr iranische Kulturschaffende sagen die Teilnahme an anstehenden internationalen Festivals in Teheran ab oder beenden ihre Zusammenarbeit mit dem staatlichen Rundfunk, um ihre Kritik an den politischen Ereignissen und Entwicklungen der vergangenen Monate im Iran zum Ausdruck zu bringen. ‚Angesichts der Katastrophen, die unser Volk in letzter Zeit traurig gemacht haben, nehme ich am Fajr-Festival nicht teil‘, schrieb etwa die Schauspielerin und Filmemacherin Pegah Ahangarani am Montag auf Instagram. Laut Meldungen in den sozialen Netzwerken haben mehrere bekannte Schauspieler*innen die Mitgliedschaft in der Jury des Filmfestivals abgelehnt. Das Internationale Fajr-Filmfestival findet jährlich im Februar in Teheran statt. (…)

Auch Musiker zeigen Solidarität. Der Popsänger und Komponist Alireza Assar, der wegen der Unruhen im November bereits ein Konzert gecancelt hatte, sagte am Sonntag in einem kurzen Video seine Konzerte am 14. und 15. Januar kurzfristig ab.

Solche Aktionen und Entscheidungen sind noch nicht Zeichen des großen Zusammenbruchs, der sich erst ankündigt, wenn ranghohe Militärs, Politiker oder gar Geheimdienstler beginnen, die Seiten zu wechseln. Vielmehr sind es erst dünne Risse im Firnis des Gebäudes, deren Bedeutung allerdings keineswegs unterschätzt werden sollte.

Stärker noch als benachbarte arabische Diktaturen braucht das iranische Regime „seine“ Botschafter in Kultur, Sport und Medien. Sie verliehen und verleihen ihm Legitimität und halten den Eindruck aufrecht, der Iran sei ein irgendwie plurales Land mit florierender Kunst- und Kulturszene. Dieses Bild wird nun zunehmend erschüttert und in Frage gestellt. Es wird sich deshalb zeigen, ob es sich bei den hier Genannten um Einzelfälle handelt und es dem Regime (noch einmal) gelingen sollte, die Reihen zu schließen, oder ob weitere ihnen folgen werden.

Betrachtet man die unzähligen Kurzvideos, die dieser Tage auf den Straßen iranischer Städte von Protestierenden gedreht werden, dann spricht aus ihnen vor allem eines: Menschen, die genug haben, denen es reicht, die einfach nicht mehr wollen, dass es bleibt, wie es ist. Wenn dies die Stimmung ist, dann dürften bald weitere ihren Job niederlegen und dem Regime ihre Zusammenarbeit aufkünden.

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