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Die iranischen Sportler sind viel mutiger als die Berliner Regierung

Die Chefschiedsrichterin Shohreh Bayat (Mitte) bei der Schach-Weltmeisterschaft der Frauen in Shanghai
Die Chefschiedsrichterin Shohreh Bayat (Mitte) bei der Schach-Weltmeisterschaft der Frauen in Shanghai (© Imago Images / ITAR-TASS)

Immer mehr populäre Sportlerinnen und Sportler aus dem Iran haben die Nase voll von den Mullahs: Sie fliehen ins Ausland, rechnen mit dem Regime ab, entledigen sich des Hijabs, treten nicht mehr unter der Flagge des Iran an und folgen nicht länger dem Verbot, Wettkämpfe gegen Israelis zu bestreiten. Doch statt diese und weitere mutige regimekritische Aktivitäten zu unterstützen, will man in Deutschland die Machthaber im Iran lieber nicht verärgern.

Es ist bizarr: Nach der gezielten Tötung des iranischen Terrorgenerals Qassem Soleimani durch eine amerikanische Drohne herrschte in zahlreichen deutschen Medien die Ansicht vor, diese Maßnahme sei ein schwerer Fehler gewesen, weil sie das iranische Regime bis aufs Blut reize und lediglich für neue Gewalt und mehr Instabilität in der Region sorgen werde. Gar von der Gefahr eines „Flächenbrandes“ war einmal mehr die Rede. Die anschließenden großen „Trauerkundgebungen“ im Iran hielt man zudem für einen Beleg, wie beliebt Soleimani in der Bevölkerung gewesen sei. Dass die Mullahs solche Massenaufmärsche seit jeher befehligen und inszenieren, schien völlig in Vergessenheit geraten zu sein. Womöglich erwähnte man es auch absichtlich nicht, um das eigene Narrativ nicht in Frage stellen zu müssen.

Als es dann wenige Tage später zu massiven regimekritischen Protesten kam – vor allem nach dem Abschuss des ukrainischen Passagierflugzeugs mit iranischen Raketen –, wurden viele Berichterstatter und vermeintliche Experten regelrecht Lügen gestraft. Es dauerte allerdings nicht lange, da meldete sich Wolfgang Ischinger, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, zu Wort und warnte allen Ernstes vor „zu viel Unterstützung“ für die Demonstranten. Schließlich könne das „ja auch dazu führen, dass der Konflikt eskaliert“. Derweil solidarisierte sich US-Präsident Donald Trump via Twitter auf Farsi mit den Protesten – und sorgte so für den am häufigsten gelikten Tweet, der je in persischer Sprache verfasst wurde.

Die Mullahs stehen unter Druck, immer mehr Menschen wenden sich von ihnen ab, darunter auch solche, auf die sie bislang zählen konnten: Mitarbeiterinnen staatlicher Nachrichtenagenturen etwa, Künstler und Kulturschaffende – sowie Sportlerinnen und Sportler. Dazu zählt zum Beispiel die Taekwondo-Kämpferin Kimya Alizadeh, die im August 2016 in Rio de Janeiro als erste Iranerin überhaupt bei Olympischen Spielen eine Medaille gewann, nämlich Bronze in der Gewichtsklasse bis 57 Kilogramm. Die 21-Jährige ist eine der bekanntesten Sportlerinnen des Landes, bei der Weltmeisterschaft in Minsk im Jahr 2017 wurde sie Zweite. Das Regime schmückte sich mit ihren Erfolgen.

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Kimya Alizadeh: „Eine von Millionen unterdrückten Frauen im Iran“

Nun aber hat Alizadeh den Iran verlassen und ist in die Niederlande emigriert. An der Universität Eindhoven legte sie gemeinsam mit ihrem Verlobten Blumen für die Opfer des abgeschossenen Flugzeuges nieder. Zuvor hatte sie in einem Instagram-Beitrag ausgeführt, warum sie nicht länger im Iran leben, trainieren und für die Propaganda des Regimes herhalten will:

Hallo, unterdrücktes iranisches Volk, auf Wiedersehen, edles iranisches Volk. […] Wie gut kennt ihr mich? […] Lasst mich nun frei meine zensierte Identität offenbaren. […] Ich, Kimya Alizadeh, schreibe weder Geschichte, noch bin ich Heldin, noch Flaggenträgerin Irans. Ich bin eine von Millionen unterdrückten Frauen in Iran […]. Sie haben mich hingebracht, wo sie wollten. Ich habe getragen, was sie mir sagten. Jeden Satz, den sie bestellten, sagte ich. Wenn es ihnen passte, nahmen sie mich in Beschlag. Sie haben die Medaillen auf den obligatorischen Schleier gelegt und behauptet, ihr Management und ihre Dezenz seien ausschlaggebend gewesen. […] Wir sind ihre Werkzeuge. Es geht ihnen um die Medaillen, mit denen sich politischer Einfluss kaufen lässt, zu einem Preis, den sie selbst setzen. Und zugleich demütigen sie uns, sagen: Es schickt sich nicht für eine Frau, ihre Beine zu strecken. […]

Mein unruhiger Geist passt nicht zu euren schmutzigen wirtschaftlichen Kanälen, eure engen politischen Zirkel. Ich wünsche mir nicht mehr als Taekwondo, Sicherheit und ein gesundes und glückliches Leben. Liebes iranisches Volk, ich will nicht die Stufen der Korruption und Lügen hinaufsteigen […]. Diese Entscheidung fiel mir schwerer als ein Kampf um olympisches Gold, aber ich bleibe ein Kind Irans, wo auch immer ich mich aufhalte. (Übersetzung: FAZ)

Shohreh Bayat: Weg mit dem Kopftuch

Auch Shohreh Bayat kehrt dem Iran den Rücken. Die 32-Jährige ist Chefschiedsrichterin bei der Schach-Weltmeisterschaft der Frauen in Shanghai. Dort hatte sie an den ersten Turniertagen noch ein Kopftuch getragen, allerdings nicht so, wie das iranische Regime es sich vorstellt: Es bedeckte ihr Haar nur teilweise. In den staatlichen iranischen Medien wurde sie dafür heftig kritisiert, und der iranische Schachverband forderte die frühere Schach-Nationalspielerin auf, schriftlich um Entschuldigung zu bitten und als Ausdruck ihrer Reue ab sofort einen besonders fromm anmutenden Hijab zu tragen.

Was daraufhin geschah, schildert die Schiedsrichterin so: „Ich habe den iranischen Schachverband gebeten, mir schriftlich zu versichern, dass ich ohne Sorge um meine Sicherheit in den Iran zurückkehren kann. Als ich darauf keine Antwort bekommen habe, war mir klar, dass es nicht sicher für mich ist, zurückzukehren, und dass es nun auch keinen Unterschied mehr macht, ob ich das Kopftuch trage oder nicht.“ Seit dem vierten Turniertag geht Shohreh Bayat deshalb ohne den Hijab ihren Spielleitungen nach. Das Kopftuch habe sie ohnehin nie freiwillig getragen, sagt sie. Außerdem entschied sie sich, vorerst nicht in den Iran zurückzukehren, aus Furcht vor Gängelung und Bestrafung.

Alireza Firouzja: Nicht unter der Flagge des Iran

Bereits im Dezember hatte ein iranischer Spieler bei der Weltmeisterschaft im Schnellschach in Moskau aufhorchen lassen, als er nicht unter der Flagge des Iran antrat, sondern unter der neutralen des Weltschachverbands FIDE. Der 16-jährige Alireza Firouzja, den Experten als eines der größten Schachtalente der Welt betrachten, hatte sich zu diesem Schritt entschlossen, nachdem die Iraner Parham Maghsoodloo und Amin Tabatabaei im Anschluss an ein Blitzschachturnier in Spanien vom iranischen Schachverband mit einem WM-Verbot belegt worden waren.

Ihr „Vergehen“ bestand darin, gegen den Israeli Ido Gorshtein angetreten zu sein. Wettkämpfe gegen Sportlerinnen und Sportler aus dem jüdischen Staat sind Iranern bekanntlich strikt untersagt. Dennoch spielten Maghsoodloo und Tabatabaei gegen Gorshtein – weil sie nicht gewusst hätten, dass ihr Kontrahent aus Israel komme, wie sie später erklärten. Das ist gut möglich, weil bei Blitzschachturnieren die Paarungen so schnell ausgelost werden, dass oft kaum Zeit bleibt, um sich näher mit dem Gegner zu beschäftigen.

Dennoch sperrte der Iran die Sportler, woraufhin Alireza Firouzja beschloss, beim Turnier nicht für den Iran zu spielen – zumal die FIDE angekündigt hatte, den Iran zu suspendieren, sollten sich dessen Spieler weiterhin weigern, gegen Israelis anzutreten. Daraufhin hatte der iranische Schachverband alle Spieler zurückgezogen. Diesen Schritt wollte Firouzja nicht hinnehmen. Laut dem Präsidenten des iranischen Schachverbands, Mehrdad Pahlevanzadeh, will er seine Nationalität nun ändern. Alireza Firouzja lebt mit seinem Vater in Paris.

Saeid Mollaei: Gratulation an einen Israeli

Schon im August des vergangenen Jahres hatte der Weltklasse-Judoka Saeid Mollaei den Entschluss gefasst, nicht mehr im Iran zu leben und auch nicht mehr für ihn Wettkämpfe zu bestreiten. Der 28-Jährige war als amtierender Weltmeister in der Gewichtsklasse bis 81 Kilogramm bei der WM in Tokio auf Anweisung des iranischen Regimes gezwungen worden, seinen Halbfinalkampf gegen den Belgier Matthias Casse zu verlieren, weil im Finale der Israeli Sagi Muki sein Gegner gewesen wäre. „Ich fühlte mich verloren und hatte große Angst“, sagte Mollaei später. „Ich konnte meine Gedanken nicht mehr kontrollieren und musste in diesem Zustand auf die Matte.“ Tatsächlich unterlag er seinem Kontrahenten.

Nach dem Turnier setzte sich Saeid Mollaei nach Deutschland ab, wo seine Partnerin lebt. Auf Instagram gratulierte er Muki, der den Finalkampf für sich entschied. Der Israeli entgegnete daraufhin: „Danke, Saeid. Du bist eine Inspiration als Mensch und als Athlet.“ Der Judo-Weltverband IJF schloss den Iran aus, gleichzeitig stellte er Mollaei in Aussicht, bei den Olympischen Spielen, die im kommenden Sommer wiederum in Tokio stattfinden, als Mitglied eines internationalen Flüchtlingsteams unter der Flagge des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) oder für ein anderes Land antreten zu können. Ob er jemals wieder in den Iran zurückkehren kann, wo seine Familie lebt, ist ungewiss.

Mohammad Rashnonezhad: Wettkampf in Tel Aviv

Sicher ist dagegen, dass der iranische Judoka Mohammad Rashnonezhad in der kommenden Woche beim Grand-Prix-Turnier in Tel Aviv kämpfen wird. Der 23-Jährige war im Jahr 2017 in die Niederlande geflüchtet, wo er seitdem lebt. Nun tritt er in der Gewichtsklasse unter 60 Kilogramm für ein internationales Flüchtlingsteam des Weltverbandes IJF in Israel an. Auch Saeid Mollaei wäre für eine Teilnahme in Frage gekommen, doch er ist derzeit verletzt.

Kimya Alizadeh, Shohreh Bayat, Alireza Firouzja, Saeid Mollaei, Mohammad Rashnonezhad – sie alle haben gründlich die Nase voll von den Mullahs und ihrer Propaganda, von der Gängelei und den Drohungen, von der Unfreiheit und der Instrumentalisierung. Der Entschluss dieser teilweise sehr populären und erfolgreichen Sportlerinnen und Sportler, zu fliehen und sich dem Regime zu widersetzen, ja, in manchen Fällen sogar bewusst die Nähe israelischer Sportler zu suchen, dürfte im Iran aufmerksam registriert worden sein und den Protesten Auftrieb geben. Ob Wolfgang Ischinger, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, im Schritt dieser mutigen Sportlerinnen und Sportler wohl auch die Gefahr sieht, „dass der Konflikt eskaliert“?

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