Wie die chronische Krise der Islamischen Republik die Psyche der Iraner, ihr Gefühl für Stabilität und Kontinuität sowie ihre Zukunftsperspektiven untergräbt.
In vielen Gesellschaften, die mit Krieg, Sanktionen oder politischer Instabilität konfrontiert sind, wird eine Krise in der Regel als vorübergehender Zustand wahrgenommen – als schwierige Phase, von der man zumindest in der öffentlichen Vorstellung annimmt, dass sie irgendwann auch wieder enden wird. Unter solchen Umständen versuchen Regierungen, soziale Institutionen und sogar die Bürger selbst, ein Gefühl der Kontinuität aufrechtzuerhalten: den Glauben, dass das Leben, auch wenn es gestört ist, dennoch einem vorhersehbaren Verlauf folgt.
Doch das Problem im heutigen Iran ist nicht bloß die Existenz einer Krise, sondern deren Normalisierung. Für einen großen Teil der Gesellschaft wird dieser Ausnahmezustand nicht mehr als ein außergewöhnliches oder vorübergehendes Ereignis angesehen, sondern ist stattdessen zur permanenten Kulisse des Alltags geworden.
Kein Ende vorstellbar
In den letzten zehn Jahren lebte die iranische Gesellschaft gleichzeitig unter dem Druck sich überschneidender wirtschaftlicher, politischer und sozialer Krisen. Diese reichten von chronischer Inflation und dem anhaltenden Zusammenbruch der Landeswährung bis hin zu Wirtschaftssanktionen, politischer Instabilität, sozialen Protesten, Internetbeschränkungen, der weit verbreiteten Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte und dem stetigen Rückgang der Kaufkraft. Die Folgen dieser Situation gehen weit über bloße Wirtschaftsindikatoren hinaus; sie haben auch das psychologische und soziale Gefüge der Gesellschaft verändert.
Die Generation, die heute im Iran lebt, hat einen Großteil ihres Lebens im Schatten der Krise verbracht. Unter solchen Bedingungen wird die Misere von vielen Bürgern nicht mehr als vorübergehend empfunden, sondern als fester Bestandteil des täglichen Lebens. Dieser Wandel hat tiefgreifende psychologische Folgen: Menschen können psychischen Druck aushalten, solange sie sich ein Ende ihrer Notlage vorstellen können. Wenn die Krise jedoch chronisch und zermürbend wird, verliert der Geist allmählich seine Fähigkeit zur Erholung und Regeneration.
Die Lebenserfahrung vieler Iraner legt nahe, dass die Auswirkungen der zum Dauerzustand werdenden Situation weniger in Statistiken und Diagrammen sichtbar sind als vielmehr in der veränderten Qualität ihres Alltagslebens. Im Iran ist die Wirtschaft nicht mehr nur eine Frage von Wechselkursen oder Inflation. Sie ist Teil der emotionalen und psychologischen Erfahrung der Menschen geworden.
Inflation und Instabilität mindern nicht nur die Kaufkraft; sie untergraben auch das Sicherheitsgefühl. Wenn sich die Preise für lebensnotwendige Güter innerhalb weniger Monate wiederholt ändern und Ersparnisse rasch an Wert verlieren, büßen die Menschen allmählich die Fähigkeit ein, langfristig zu planen. Menschen benötigen ein gewisses Maß an Vorhersehbarkeit, um ihre psychische Stabilität zu bewahren. Für viele Iraner beschränkt sich die Unsicherheit nicht mehr nur auf Märkte und Preise; sie ist mit der Zukunft des Lebens an sich verknüpft. Fragen wie »Ist ein Leben hier noch möglich?«, »Ist Auswanderung die Lösung?« oder »Kann man realistisch für die nächsten Jahre planen?« sind Teil der alltäglichen Denkweise der Gesellschaft geworden.
In einer solchen Atmosphäre schaffen selbst staatliche Unterstützungsmaßnahmen kein Gefühl der Stabilität mehr. In den letzten Jahren hat die iranische Regierung Maßnahmen wie Bargeldzuschüsse, elektronische Lebensmittelkarten und Hilfspakete eingeführt, um den wirtschaftlichen Druck zu verringern. Doch in einer Wirtschaft, in der chronische Inflation strukturell geworden ist, haben diese Formen der Unterstützung meist nur kurzfristige Auswirkungen. Viele Iraner erinnern sich noch an die während der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinedschad eingeführten Bargeldzuschussprogramme, die zunächst sinnvoll erschienen, aber aufgrund der Inflation nach und nach einen Großteil ihres Wertes verloren.
Psychische Folgen
Infolgedessen ist das zentrale Problem für viele Menschen nicht nur der Mangel an Ressourcen, sondern die ständige Instabilität dieser Mittel. Die Menschen kämpfen nicht nur darum, ihre Lebenshaltungskosten zu decken. Vielmehr verbrauchen sie auch einen erheblichen Teil ihrer psychischen Energie damit, die nächste Krise zu antizipieren: einen weiteren Währungszusammenbruch, den möglichen Verlust des Arbeitsplatzes, steigende Wohnkosten oder eine weitere Geldentwertung. Diese ständige mentale Beschäftigung hat zu einer allmählichen psychischen Erschöpfung geführt, die in verschiedenen Schichten der Gesellschaft sichtbar ist.
Dieser Zustand lässt sich als eine Art psychischer Schwebezustand beschreiben. Viele Iraner sind weder hoffnungsvoll, was eine Verbesserung angeht, noch in der Lage, die Hoffnung vollständig aufzugeben. Die Menschen treffen Entscheidungen und zweifeln gleichzeitig an ihnen. Sie wandern aus, bleiben aber unsicher, ob sie die richtige Wahl getroffen haben. Sie bleiben, denken aber ständig daran, wegzugehen. Sie investieren und fürchten gleichzeitig einen Zusammenbruch des Marktes.
Die psychische Erosion zeigt sich besonders deutlich in der veränderten Erfahrung der Zeit selbst. In stabilen Gesellschaften ist das Leben im Allgemeinen um einen klaren Zukunftshorizont herum organisiert: Bildung, Heirat, Wohneigentum, Investitionen oder Kindererziehung beziehen ihre Bedeutung aus einer relativ vorstellbaren Zukunft. Doch im heutigen Iran leben viele Menschen in einer Art ausgedehnten Gegenwart: einem langgezogenen Jetzt, in dem die Zukunft zu ungewiss ist und die Vergangenheit noch nicht vollständig abgeschlossen ist.
Die Folgen dieser Umstände reichen über die Wirtschaft hinaus bis in soziale und familiäre Beziehungen hinein. Der langfristige Druck hat die Familienstrukturen verändert und finanzielle Spannungen zu einem festen Bestandteil des Alltags gemacht. In der iranischen Gesellschaft, in der viele traditionelle Geschlechterrollen nach wie vor bestehen, gelten Männer oft als die Hauptverdiener der Familie. Die Unfähigkeit, diese Erwartung zu erfüllen, geht für viele mit Gefühlen des Versagens, vermindertem Selbstwertgefühl, Angst und Depressionen einher.
Frauen hingegen sehen sich mit vielschichtigen Belastungen konfrontiert. In den letzten zwei Jahrzehnten haben viele von ihnen darum gekämpft, wirtschaftliche Unabhängigkeit und einen autonomen Lebensstil zu erlangen, doch die Wirtschaftskrise hat Teile dieser Errungenschaften zunichtegemacht. Steigende Lebenshaltungskosten haben Frauen, die auf ein unabhängiges Leben hingearbeitet hatten, dazu gezwungen, in ihr Elternhaus zurückzukehren oder eine größere finanzielle und persönliche Abhängigkeit von ihren Familien zu akzeptieren.
Zermürbende Gegenwart
Selbst Erfolg schafft unter solchen Bedingungen nicht unbedingt ein Gefühl der Sicherheit. Viele Menschen, die relativen beruflichen oder finanziellen Erfolg erzielt haben, betrachten diesen nicht als Ergebnis langfristiger Planung, sondern eher als Produkt von Glück, unbeabsichtigt günstigem Timing oder der Fähigkeit, sich an Instabilität anzupassen. Ihnen ist bewusst, dass ihre Entscheidungen in einem Umfeld getroffen wurden, das von Grund auf unvorhersehbar war. Infolgedessen verlieren Begriffe wie Erfolg, Fortschritt und sogar die Zukunft selbst allmählich einen Teil ihrer traditionellen Bedeutung.
Die vielleicht entscheidendste Folge dieser Situation ist die allmähliche Schwächung der Fähigkeit der Gesellschaft, sich die Zukunft vorzustellen. Das Problem ist nicht nur der Rückgang des Wohlstands oder die zunehmende Schwierigkeit des Lebens. Es ist die Erosion des Stabilitätsgefühls, das in jeder Gesellschaft die Grundlage für Hoffnung, Vertrauen und Planung bildet. Eine Gesellschaft, die unfähig ist, sich die Zukunft vorzustellen, gerät allmählich in eine zermürbende Gegenwart, in der die Anpassung an Krisen die Vorstellung von Veränderung ersetzt.
Vielleicht lässt sich die Erfahrung vieler Iraner heute in einem Begriff zusammenfassen: »ein Leben in der Schwebe«. Weder völliger Zusammenbruch noch echte Stabilität, sondern vielmehr ein Existieren im Raum zwischen Angst und Anpassung, zwischen Hoffnung und Erschöpfung sowie zwischen Bleiben und Gehen. Dies ist ein Zustand, der nun schon seit Jahren andauert und nicht nur die Wirtschaft prägt, sondern auch die Psyche der Einzelnen, die sozialen Beziehungen und das Verständnis der Iraner von der Zukunft.






