Das Syrien von früher existiert nicht mehr

Demonstration gegen Assad in Daraa,6. Mai 2012 (CC BY 2.0)

„Als während des ‚Damaszener Frühlings‘ die Forderung nach demokratischer Teilhabe im politischen Prozess laut wurde, stellte sich schnell heraus, wie substanzlos die schönen Worte des Präsidenten wirklich waren. Und selbst wenn er gewollt hätte, wäre es für den ‚Assad-Sprössling‘ nicht möglich gewesen, diese Forderung zu erfüllen. Denn seinen politischen Kurs gaben ihm von Anfang an der alawitisch-konfessionell geprägte Herrscherclan und dessen Unterstützer vor.

Freilich ging es dabei um ihre eigenen Interessen, nicht um das Wohl des Landes. Also intervenierten sie, ganz im Stil des verstorbenen Hafiz al-Assad, um den diktatorischen Normalzustand wiederherzustellen. Sie ließen den ‚Damaszener Frühling‘ schließlich mit Hilfe des syrischen Sicherheitsapparates unterdrücken, dem zivilgesellschaftlichen Aufbruch wurde ein jähes Ende bereitet. (…)

Tatsächlich war Baschar al-Assad nie etwas anderes als das neue Gesicht des alten Regimes seines Vaters. Ein Regime, das innerhalb des Herrscherclans weitervererbt wurde und seit Jahrzehnten nicht nur die Armee, die Baath-Partei und die Geheimdienste, sondern auch die Medien und Ressourcen des Landes kontrollierte. (…)

Das Pathos vom Kampf für den Panarabismus und von der Befreiung Palästinas, diente der Baath-Partei lediglich als Propagandainstrument, um die eigene Unrechtsherrschaft in ein emanzipatorisches Gewand zu kleiden. Schon bald wurde deutlich, dass all die Versprechen des ‚Assad-Sprösslings‘ vor allem eines waren: nichts als leere Versprechungen.

Als der ‚Arabische Frühling‘ Syrien erreichte, war es schließlich unausweichlich, dass sich die Menschen gegen das Regime auflehnten und auf die Straße gingen – und zwar friedlich! Und dieses Mal reagierte auch der Sohn ganz im Stil seines Vaters, der bereits 1982 einen großangelegten Angriff auf die zentralsyrische Stadt Hama gestartet hatte, um einen bewaffneten Aufstand oppositioneller Gruppen niederzuschlagen, die den sunnitischen Muslimbrüdern zugerechnet wurden. (…)

Mit Einverständnis des Herrscherclans und seiner Unterstützer wählte sein Sohn Baschar die gleiche Taktik, um dem Aufstand von 2011 zu begegnen. Sie waren davon ausgegangen, dass das südlich gelegene Daraa, genau wie Hama zu Zeiten seines Vaters, eine isolierte aufständische Stadt darstellen würde. Doch rasch wurden sie eines Besseren belehrt, als sich immer mehr syrische Städte und Dörfer dem Aufstand anschlossen. Doch darauf hatte das Regime nur eine Antwort parat: Gewalt und noch mehr Gewalt.

Nach acht Jahren Syrienkrieg, in dessen Verlauf Hunderttausende getötet, Millionen vertrieben und die meisten Städte und Dörfer komplett zerstört wurden, stellt sich die Frage, was noch von Syrien übriggeblieben ist. Von einem Syrien so wie wir es kannten, und über das Assad – oder wer auch immer – herrschen könnte.

Alle Verhandlungen über die Zukunft des Landes ignorieren eine entscheidende Tatsache: Syrien ist heute nicht mehr Syrien – und deswegen können wir auch nicht mehr darüber verhandeln.“ (Faraj Alasha: „Syrien ist nicht mehr Syrien“)


[Anmerkung der Redaktion: Sie können sich diesen Artikel vorlesen lassen, indem Sie auf das „Play“-Symbol über dem Text klicken. Das ist ein Pilotprojekt, die Software befindet sich in der Testphase. Wir freuen uns über Ihr Feedback an info@mena-watch.com.]

Schreiben Sie einen Kommentar


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login