Die Hamas instrumentalisiert das Leid der Palästinenser und hat Europa nun genau dort, wo sie es haben wollte: im Lager der Feinde Israels. Da hilft es wenig, wenn das Israel-Bashing als Freundschaftsdienst ausgegeben wird.
Maximilian Gottschlich
Besser kann es für die Hamas nicht laufen. Ihre militärische Niederlage nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 war zwar vorprogrammiert, aber in der asymmetrischen Kriegsführung von Terrororganisationen gegen reguläre Armeen zählt weniger der militärische als vielmehr der (kommunikations)politische und psychologische Sieg über den Feind. Die zynische und menschenverachtende Strategie der Hamas, das Leid der palästinensischen Bevölkerung in Gaza zu instrumentalisieren und damit die internationale Ächtung Israels zu provozieren, ist vollends aufgegangen.
Der zuletzt vom UNO-Menschenrechtsrat erhobene Vorwurf, Israel habe in Gaza einen Genozid zu verantworten, befeuert den Hass auf alles Jüdische. Israel steht vor den Augen der Weltöffentlichkeit einmal mehr als Aggressor am Pranger, der jede Friedenslösung in Nahost verhindert und der für alles Leid der Palästinenser verantwortlich ist. Die Führung der Hamas in Doha sowie die Finanziers des Terrors in Teheran können sich zufrieden die Hände reiben, das propagandistische Ziel einer nachhaltig wirksamen Dämonisierung und Delegitimierung des verhassten jüdischen Staates wurde erreicht.
Dass dabei die palästinensische Bevölkerung, die als lebender Schutzschild für die Terrormiliz und ihre militärische Infrastruktur herhalten musste, einen hohen Blutzoll zu entrichten hatte, sich unbegreifliches Leid und Elend ausbreitete und der gesamte Gazastreifen in Schutt und Asche versinkt, war Teil dieses teuflischen Plans der Hamas.
Der deutsche Schriftsteller Rafael Seligmann schrieb in diesem Zusammenhang im deutschen Magazin Der Spiegel vor gut einem Jahr: »Ihr Terrorangriff vom 7. Oktober hatte neben der Absicht, Juden umzubringen, das strategische Ziel, Israel zu einer harten militärischen Reaktion zu provozieren. Auf diese Weise sollte die Kampfbereitschaft der Palästinenser gesteigert und die Solidarität der islamischen Länder mit der Hamas erzwungen werden.« Auch diese Strategie ist aufgegangen.
Viele Gesichter
Und die demokratischen Gesellschaften Europas? Achtzig Jahre nach der Nazi-Diktatur und dem Zivilisationsbruch der Shoah wütet in Europa der antisemitische Furor mehr denn je. Angeheizt durch täglich neue Opferbilanzen unter der palästinensischen Zivilbevölkerung und den Bildern von Zerstörung, Tod und Leid frisst er sich wie ein Flächenbrand immer weiter in das öffentliche Bewusstsein, radikalisiert sich zum offen und hemmungslos zur Schau gestellten Judenhass und lässt Europas Jüdinnen und Juden daran denken, ihre Koffer zu packen.
Der Antisemitismus hat viele Gesichter. Heute richtet sich die antisemitische Obsession vorzugsweise gegen den jüdischen Staat – Israel ist der »kollektive Jude«, der für alles Übel in Nahost und in der Welt verantwortlich gemacht wird. Unter dem Titel legitimer Israel-Kritik wird nicht selten die Dämonisierung, Delegitimierung und Diffamierung des jüdischen Staates betrieben.
Israel sei, so heißt es dann, ein »rassistischer Apartheidstaat«, der das Völkerrecht missachtet, an der palästinensischen Bevölkerung in Gaza einen Genozid verübt und daher international geächtet und so hart wie möglich boykottiert und sanktioniert werden müsse.
Damit aber nicht der Eindruck entsteht, man übernehme damit die antizionistische Diktion und das Hass-Narrativ der arabisch-islamischen Welt, beeilt man sich hinzuzufügen, dass dieses Verdikt nicht als Akt antisemitischer Feindseligkeit missverstanden, sondern im Gegenteil als moralisch gebotener Freundschaftsdienst gesehen werden müsse. An der prinzipiellen Solidarität mit Israel würde dies nichts ändern. Man wäre versucht zu sagen, wer solche Freunde hat, der braucht keine Feinde.
Auf der Empörungswelle
Der österreichische Schriftsteller Jean Améry erinnerte schon Ende der 1960er-Jahre die traditionell antizionistische und antiisraelische Linke daran, dass sich im Antiisraelismus der Antisemitismus »wie das Gewitter in der Wolke« verberge. Deswegen sei er, so Améry, aber keineswegs »ehrbarer«. (Jean Améry: Der ehrbare Antisemitismus, in; Die Zeit, 25.7.1969).
Das sollten sich alle diejenigen vor Augen halten, die jetzt zur Freude der Hamas und ihrer Verbündeten so leidenschaftlich auf der antiisraelischen Empörungswelle reiten und in selbstgerechter moralischer Überheblichkeit Israels militärisches Vorgehen gegen die Hamas in Grund und Boden verdammen.
Wie immer sie auch ihr Israel-Bashing zu rechtfertigen versuchen – sie spielen damit dem Antisemitismus in die Hände. Oder, wie es der israelische Historiker Robert Wistrich formulierte: »Welche theoretischen Verrenkungen man auch anstellen mag, der Staat Israel ist ein jüdischer Staat. Wer diesen diffamieren oder zerstören will, offen oder durch eine Politik, die zu seiner Vernichtung führen muss, betreibt in der Praxis die Sache des alten Judenhasses, worin immer die proklamierten Absichten auch bestehen mögen.«
In diesen Tagen feierten Jüdinnen und Juden weltweit Rosch Haschanah, das jüdische Neujahrsfest. Dabei wünschen sie einander ein gutes und süßes neues Jahr. Dieser Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen – noch nie seit der Shoah waren die Zeiten für Juden bitterer als jetzt …
Maximilian Gottschlich ist emeritierter Professor für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien und Buchautor. Zum Thema Antisemitismus erschienen von M. Gottschlich die Bücher: Die große Abneigung. Wie antisemitisch ist Österreich? Kritische Befunde zu einer sozialen Krankheit und Unerlöste Schatten. Die Christen und der neue Antisemitismus Artikel zuerst erschienen in DER STANDARD vom 27. September 2023. Wir danken Maximilian Gottschlich für die Erlaubnis zum Wiederabdruck.).






