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Warum Israel ausgerechnet seine am dichtest besiedelte Stadt abriegelt

Israelische Sicherheitskräfte kontollieren die „beschränkte Zone“ Bnei Brak
Israelische Sicherheitskräfte kontollieren die „beschränkte Zone“ Bnei Brak (© Imago Images / Xinhua)

Um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen, hat Israels Regierung die vor allem von ultraorthodoxen Juden (Haredim) bewohnte Stadt Bnei Brak kraft ihrer während des Ausnahmezustands geltenden Sondervollmachten zu einer „beschränkten Zone“ erklärt.

Am Freitagmorgen richtete die Polizei an den Zugängen Straßensperren ein. „Bnei Brak ist abgeriegelt, und seit heute Morgen verhindert die Polizei jegliche Bewegung in die Stadt oder aus der Stadt heraus“, sagte Polizeisprecher Micky Rosenfeld. Einwohner des Vororts von Tel Aviv dürfen das Gebiet nur aus medizinischen Gründen verlassen oder wenn sie als Polizisten arbeiten, beim Militär dienen oder Mitglieder des medizinischen Personals sind. Wer kein Bewohner ist, darf Bnei Brak nicht betreten.

Israels Minister für öffentliche Sicherheit, Gilad Erdan, unterzeichnete das Dekret am Donnerstagabend nach einer Sitzung des Sonderausschusses der Knesset (israelisches Parlament). Das Ministerium teilte mit, dass die Vorschriften zunächst eine Woche lang gültig sind. Danach können sie um fünf Tage, wenn nötig um 21 Tage verlängert werden. Das berichtete die Website von Israels privatem Fernsehsender i24news am Freitag.

Zu diesem Zeitpunkt schätzten Experten nach Angaben von i24news, dass bis zu 75.000 oder 38 Prozent der Einwohner von Bnei Brak mit der durch das neuartige Coronavirus ausgelösten Krankheit Covid-19 infiziert sein könnten.

Am dichtesten besiedelte Stadt Israels

Dass sich das Virus in Bnei Brak wesentlich schneller verbreitet als im Rest des Landes, hat sicherlich auch damit zu tun hat, dass dort wegen der kinderreichen Großfamilien im Durchschnitt besonders viele Menschen in einem Haushalt zusammenleben.

Bnei Brak hat rund 200.000 Einwohner und ist mit 28.000 Einwohnern pro Quadratkilometer die am dichtesten besiedelte Stadt Israels. Zum Vergleich: In dem oft als Referenz für eine hohe Bevölkerungsdichte angeführten Gazastreifen leben nur rund 5.000 Einwohner/km², in Gaza-Stadt 12.000 Einwohner/km².

Um Bnei Brak abzusperren, sind laut der israelischen Nachrichtenwebsite Times of Israel seit Freitagmorgen über tausend Polizisten im Einsatz. Diese sollen auch die Bewegung innerhalb der Stadt beschränken; im Einklang mit den auch im Rest des Landes geltenden Regeln dürfen die Bewohner ihr Haus nur verlassen, um Grundbedürfnisse zu befriedigen. Zur Überwachung der Beschränkungen setzt die Polizei laut Times of Israel auch Drohnen und andere Überwachungsmethoden ein.

Unterdessen sollen 4.500 der am stärksten gefährdeten Bewohner – darunter alle über 80 Jahre – vom Militär aus der Stadt herausgebracht werden. Weil die ältere Bevölkerung in Bnei Brak das höchste Risiko habe, an dem Virus zu sterben, müsse sie so schnell wie möglich die von „von extremer Überfüllung gekennzeichnete“ Stadt verlassen, heißt es in einer Erklärung des Innenministeriums. Die Isolationshotels, die vom Heimatfrontkommando der Armee betrieben werden, würden „an die Lebensweise der Haredi-Bewohner angepasst“, berichtet Times of Israel.

Personen zwischen 60 und 80 Jahren dürften in Bnei Brak in der Stadt bleiben, es werde jedoch erwartet, dass sie „strenge soziale Distanzierung praktizieren“, so das Innenministerium. Polizisten und Soldaten seien ermächtigt, „angemessene Gewalt“ auszuüben, sagte ein Polizeisprecher gegenüber dem Armeeradio.

(Fast) dieselben Einschränkungen wie im Rest des Landes

Der in Bnei Brak lebende Knessetabgeordnete Yaakov Asher von der Partei Vereinigtes Torahjudentum protestierte laut Times of Israel gegen den Einsatz bewaffneter Polizisten innerhalb von Bnei Brak und forderte Minister Erdan, dessen Büro die Polizei überwacht, auf, Waffen an den in der ganzen Stadt eingerichteten Kontrollpunkten zu verbieten. Am Samstag berichtete Times of Israel, dass die Polizei aus Rücksicht auf den Feiertag während des Schabbat die Präsenz in Bnei Brak reduziert habe.

Der stellvertretende Bürgermeister von Bnei Brak, Gedalyahu Ben Shimon, nannte die Entscheidung, seine Stadt zu schließen, „eine Todesfalle für ältere Menschen in der Stadt“ und forderte die Regierung auf, andere Wege zu erwägen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen.

Shimon sagte, die Sperrung habe Unsicherheit verursacht und dazu geführt, dass „viele Stadtbewohner die begrenzte Anzahl von Supermärkten überfluten und damit die Infektionsgefahr erhöhen“. „Im Gegensatz zu einer Ausgangssperre, bei der die Armee die volle Verantwortung für die Hunderttausenden von Einwohnern übernimmt und sie mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt, haben sie hier eine halbe Maßnahme ergriffen, die die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung erhöht und Menschenleben kosten könnte. Eine Kurskorrektur ist erforderlich“, sagte er.

Der Chef des IDF-Heimatfrontkommandos, Generalmajor Tamir Yadai, bestätigte, dass die Armee nur die am stärksten gefährdeten Personen mit dem Nötigsten versorgen werde. Obwohl die Stadt abgeriegelt sei, könne das Leben unter den gleichen Einschränkungen wie im Rest des Landes weitergeführt werden, so dass die Menschen weiterhin Lebensmittel und andere notwendigen Dinge einkaufen könnten.

Das bedeutet, dass Soldaten zwar die als gefährdet geltenden Bewohner mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgen, nicht aber die gesamte Bevölkerung. Auch in anderen ultraorthodoxen Wohngebieten ist die Polizei im Einsatz. In Jerusalems Viertel Mea Shearim lösten Polizeikräfte am Freitagnachmittag mehrere Versammlungen und Gebete auf. Laut dem Fernsehsender Kanal 12 warfen einige Anwohner Steine auf Beamte.

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