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Corona im Nahen Osten: Symptome & Perspektiven

Welche Auswirkungen hat Corona auf den Nahen Osten?
Welche Auswirkungen hat Corona auf den Nahen Osten? (Quelle: Cacahuate, CC BY-SA 4.0 / Pixabay)

Alle warten auf die große Katastrophe im Nahen Osten. Schreckensszenarien machen medial schon einmal die Runde, obwohl die Region – mit deutlicher Ausnahme des Iran – noch in den Anfangsstadien der Pandemie steckt.

Wird es, wie man etwa in Foreign Policy lesen kann, zu einer „katastrophalen zweiten Welle“ kommen, wenn Corona die 65 Millionen Flüchtlinge und intern Vertriebenen dieser Welt erreicht hat? Oder spezifisch auf den Nahen Osten und Syrien zugeschnitten: Nachdem die Europäer schon tatenlos zugesehen haben, wie der Krieg in Syrien die Stabilität der EU unterminiert hat – kommt nun die endgültige Quittung für diese Ignoranz in Form eines unkontrollierbaren Coronakrisenherds, der die Seuche für den Nahen Osten wie für Europa zur Dauerkrise machen könnte? Schafft das Coronavirus in der Region eine humanitäre wie sicherheitspolitische Krise von „epischen Ausmaßen“?

Real begründete Befürchtungen und apokalyptische Sehnsüchte

Zumal das Gebiet um Idlib mit seinen rund drei Millionen Menschen, von denen ein großer Teil in Massenquartieren und Zelten haust, lässt Schlimmes befürchten, aber auch an vielen anderen Orten der Region gibt es Flüchtlingslager, die Gesundheitssysteme sind praktisch überall schlecht ausgerüstet, die staatlichen Verwaltungen ungenügend bis inkompetent, das kriegszerrüttete Syrien ist nur das eklatanteste Beispiel dafür. Droht also durch ein Virus das finale Armageddon im Nahen Osten?

Ketzerisch könnte man einwenden: Die Gegenwart ist dort in vielen Gebieten und Zonen sowieso ein auf Dauer gestellter Zustand der Unmöglichkeit. Ist also womöglich die Region soweit heruntergekommen, dass das Virus mit seinen Verheerungen hier gar nicht so auffallen wird wie im alten Europa? Wir reden von Gesellschaften, die an Improvisation, kreative Mangelverwaltung und ständiges Überlebenstraining im Alltag gewöhnt sind (und im Altersschnitt auch noch sehr jung sind).

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Das Warten auf den potentiellen Coronakatastrophenfall im Nahen Osten offenbart vielerlei gleichzeitig: Real begründete Befürchtungen wie unterliegende apokalyptische Sehnsüchte. Eins ist jedenfalls klar, dem Katastrophenfall ganz ernsthaft vorgebeugt hat die Weltstaatengemeinschaft in Syrien oder anderswo in der Region nicht. Was immer jetzt dort passieren wird, es hat einen langen Anlauf genommen.

Weltregion in fundamentaler Krise

Immerhin, die Zeiten der wundersamen Meldungen, es gebe keine Infektionen in Syrien, sind vorbei. Der Virus ist ganz offiziell in der MENA-Region angekommen; und es scheint wie überall auf der Welt zu sein und ging auch plötzlich ganz schnell: Ausgangssperren, Quarantäne und Grenzschließungen. Die Pilgerfahrt nach Mekka ist ausgesetzt, in Jordanien sollen die Menschen in ihren Wohnungen vom Staat versorgt werden, um die Ausgangsperre durchzusetzen wurden 400 Leute verhaftet. In Syrien herrscht des Nächtens Ausgangssperre.

Blickt man genauer hin, relativiert sich das Bild des entschiedenen staatlichen Zupackens; in Jordanien kam es gleich zu Tumulten bei schlecht organisierten Brotverteilungen, und beim angeblichen Kriegssieger Assad stehen die Menschen tagsüber in dichtgedrängten Schlangen für Brot an. „Corona“ ist nicht nur ein faktisches Ereignis in Form eines Virus, der sich in einem Wirtskörper vermehrt, die Seuche verweist immer auf die politischen und gesellschaftlichen Umstände, die ihr erst eine Form geben. Und die sind im Nahen Osten recht spezifisch – diese Weltregion steckt sowieso in einer fundamentalen Krise fest, die politische Legitimation der Herrschenden ist fragil, staatliche Strukturen sind schwach.

Der Politikwissenschaftler David Runciman hat in einem kurzen Essay gerade dargelegt, dass es bei den Reaktionen auf die Seuche schnell um die eine, zentrale Frage nach Macht- und Zwangsmittel geht. Dabei scheint es weltweit zwei konkurrierende Modelle der Gewaltausübung zu geben: Autoritär wie in China, oder demokratisch vermittelt und legitimiert wie in Europa.

Runciman glaubt, dass „der Wettbewerb bei der Ausübung dieser Macht zwischen demokratischer Anpassungsfähigkeit und autokratischer Rücksichtslosigkeit unser aller Zukunft prägen wird.“ China hat allerdings ebenso wie die europäischen Kernstaaten starke staatliche Strukturen und einen hohen Organisationsgrad. Im Nahen Osten ersetzt dagegen im Zweifel ein so hohler wie übersteigerter Machtanspruch reale staatliche Präsenz jenseits direkter Gewaltausübung. Kurz gesagt, man tut nur so, als ob man Maßnahmen ernsthaft durchsetzen wollte, weil weder die Mittel dafür zur Verfügung stehen, noch die Herrschenden ernsthaft daran interessiert sind. Außer natürlich es geht um Macht und Geld.

Eine von Runciman benannte scheinbar banale Grundwahrheit in Zeiten der Seuche trifft die Menschen hier besonders hart: „Nationale Regierungen sind wirklich wichtig, und es ist wirklich wichtig, unter welcher Sie sich gerade befinden.“ Und da hat man im Nahen Osten wirklich Pech. Ganz egal, welche Bilder von großen oder kleineren Führern an den Wänden hängen und die Straßenränder zieren, ganz egal wie sie taktieren, Reden halten und sich Durchmogeln, der Virus zeigt sich naturgemäß ganz unbeeindruckt davon.

Wahnwelt und Realität

Auch ohne Pandemie ist die Region ein Desaster, auch ohne Corona wäre der Libanon nun bankrott, müssten die Menschen in Assads perspektivloser Plünderungsökonomie für Brot anstehen, und wäre der Ölpreis durch den von den Saudis vom Zaun gebrochenen Ölpreiskrieg dramatisch gesunken – und mit ihm die Einnahmen von Staaten, die selbst beim dreifachen Ölpreis keine Almosen mehr zu verteilen hätten.

Mit „Corona“ aber ist nun die Schwelle zum Jenseits für die Reste des alten Nahen Ostens möglicherweise überschritten. Irgendetwas Handfestes haben alle diese korrupten und inkompetenten Eliten nicht mehr im Angebot; schon gar keine Beatmungsgeräte auf Intensivstationen. Es bleiben Ideologie und Wahn, es bleibt die ständige Wiederaufführung ihrer bizarren Posen und Possen. Stumpf machen sie weiter, was bleibt ihnen auch?

Die islamische Republik Iran liefert auch hierbei nach 40 Jahren revolutionärer Praxis immer noch die Höhepunkte: Ali Khamenei, der Revolutionsführer, verweist in seiner Ansprache an die Nation auf Dschins, auf Dämonen als treibende Kraft hinter dem Virus. Zugleich lässt er gewitzt offen, ob der Virus nun ein amerikanisches Patent ist, oder nicht. Das ist mehr als die unterhaltsame Turbanversion der hiesigen linken und rechten Aluhütchenträger, dieser böse alte Mann ist schließlich das Machtzentrum eines Staates, von dem das Leben vieler Menschen abhängt. Sie sind diesem Irrsinn ausgeliefert. Der Virus lässt das ganz objektiv zu Tage treten. Der Virus zieht alle aus, stellt sie nackt hin und zeigt unbarmherzig, wer für wen wirklich etwas übrighat.

Wahnwelt und Realität klaffen weit auseinander, das haben sie immer getan, aber das revolutionäre Manna ist nach 40 Jahren aufgebraucht und der Staat sowieso in einer ständigen Legitimationskrise. Da appellieren die Führer der Revolutionsgarden plötzlich wie besorgte Landesväter an die Bevölkerung zu Hause zu bleiben, um prompt kurz darauf, nach dem Corona-Tod eines ihrer Helden – dem Chef der Revolutionsgarde in Teheran –  die Massen beim Begräbnis aufmarschieren zu lassen.

Lügen, Widersprüche, Schizophrenie, all das ist konstitutiv für das Handeln der Mächtigen. Doppelstandards, Doppelmoral, Indifferenz, das sind die quasi institutionellen Säulen, auf denen dieser Bau ruht. Trotz aller gegenteiligen Bekundungen und Versprechen, und obwohl jeder weiß, dass die schiitischen Pilgerstätten zentral für die Seuchenverbreitung in der ganzen Region waren, ruht der von der Islamischen Republik organisierte Pilgerbetrieb nicht. Irakische Pilger kehren angesteckt aus Syrien zurück, und vor den Schreinen im Iran stehen aufgereiht die Reisebusse, aus denen Pakistanis und Afghanen steigen. Wen wundert es, dass die Iraner trotz Corona massenhaft zum iranischen Neujahr in die Ferien gefahren sind?

Staatliche Scheinwelt

Staatliche Seuchenmaßnahmen werden nur gespielt, also spielt die Bevölkerung auch nur, als würde sie mitmachen, so wie der große Führer ja auch nur so tut, als würde ihn das alles interessieren. Regierung und Volk verbindet nur mehr Misstrauen, aber so lässt sich weder ein Virus bekämpfen, noch auf die Zukunft bauen.

Wo der Staat deckungsgleich mit Verantwortungslosigkeit geworden ist, gründen auch die Verhaltensweisen der Menschen auf anderen Erfahrungswerten und sehen anders aus als etwa in Europa. Wenn im Nahen Osten der Staat meldet, es gebe keinen Coronafall, dann weiß man sicher, der Virus ist schon seit Wochen angekommen, und wenn es heißt, es gibt nur drei Fälle, ahnt man, es ist bereits außer Kontrolle.

Wie in der Realität mit der staatlichen Scheinwelt umzugehen ist, wissen die Menschen; im Zweifel sucht man dem staatlichen Gesundheitssystem zu entkommen, geht nach Hause, wenn man im Hospital bleiben sollte, und macht überhaupt das Gegenteil dessen, wozu man angehalten wird. Genau so hat man bisher schließlich überlebt. So hat das auch immer funktioniert, bis das damals mit den Demonstrationen anfing.

Man kann natürlich so tun, als hätte sich in Wahrheit gar nichts verändert. In Ägypten, wo die Gesundheitsministerin Ende Januar ihre Kompetenz öffentlich demonstriert hat, als sie ankündigte, chinesische Restaurants auf Coronaviren inspizieren zu wollen, macht man das, was man immer gemacht hat. Sowas in der Art von: die üblichen Verdächtigen zu verhaften. Die Korrespondentin des englischen Guardian ist ausgewiesen worden, weil sie eine Studie zitiert hatte, die gewisse Zweifel an den offiziellen Zahlen formulierte. Dort war von 6.000 bis 19.000 Infizierten die Rede, statt der offiziellen drei.

Dennoch steht zu vermuten, dass dem Virus auch ziemlich egal ist, was man in Ägypten offiziell zu glauben hat. Es hat überdies diese unangenehme Eigenschaft, dass es umso besser wächst und gedeiht, desto weniger man von ihm spricht, und dann drängt es sich plötzlich übermächtig durch die Tür.

Und was findet es? Vielleicht so wie beim Präsidenten Assad die Attrappe eines Feldlazaretts, einfach ein paar Betten in Reih und Glied in einer Turnhalle aufgestellt. Alles ist Fassade und Simulation: der starke Staat, das Kümmern, die Kompetenz. Schaut man sich im Nahen Osten um, dann erscheinen die Reaktionen der Reste des „Islamischen Staates“ auf die Pandemie fast schon seriös; jedenfalls auch nicht wahnhafter als der Rest. Man macht sich bei den Jihadisten immerhin Sorgen um die Gesundheit der Selbstmordattentäter im verseuchten Westen.

Politik mit dem Elend der Bevölkerung

Die Seuche berührt das bereits extrem angespannte Verhältnis der Menschen in der Region zu ihren versagenden Regierungen, sie greift auch über in das Feld der großen Politik, und zur Machtdemonstration taugt sie ebenfalls. Die Weltgesundheitsorganisation hat sich in Damaskus unterworfen, ihr Vertreter in Syrien klingt in einem Interview fast schon so, als spräche er für die syrische Regierung und redet wortreich darüber hinweg, dass die UN die Kurden beim Corona-Testen in die Abhängigkeit von Damaskus zwingt.

Das Virus beschert uns auch Versuche, die Sanktionen gegen den Iran zu verwässern und die Isolation Assads zu unterlaufen. Dabei ist klar, umfassende Sanktionen sind angesichts von Regierungen, die letztlich keine Verantwortung gegenüber ihrer Bevölkerung empfinden, immer ein moralisches Dilemma. Das liegt in der Natur der Sache, genauso wie solche Regierungen mit dem Elend ihrer Bevölkerung zynisch Politik und in der Regel auch Kasse machen. Das hat Saddam Hussein in den langen Jahren als der Irak unter UN-Sanktionen stand, mit Bravour vorgeführt. Der Iran hat hier seine eigene Spezialität mit den auf Vorrat gehaltenen Staatsgeiseln als einer Art spekulativer Währung.

Die USA haben nun tatsächlich angedeutet, dass sie im Zeichen von Corona bereit wären, gewisse Zugeständnisse zu machen – das muss aber nicht wirklich im Interesse der iranischen Führung liegen, schließlich braucht man einen Sündenbock für das eigenen Versagen. Khamenei hat in seiner jüngsten Ansprache bemerkenswert deutlich und wiederholt amerikanische Hilfsangebote grundsätzlich zurückgewiesen.

Was also genau will man in Teheran? Nun, zum Beispiel 6 Milliarden Dollar vom internationalen Währungsfond – tatsächlich ist es zum ersten Mal, dass der Iran diesen Weg beschreitet, so schlecht steht es nämlich. Hinzufügen muss man jedoch, dass das vermutlich weniger als die Summe ist, die der Iran jährlich zur direkten Unterstützung des Assad-Regimes und damit für den Krieg in Syrien aufwendet. Das ist die letzte Hoffnung ihrer Propaganda und ihrer Claqueure im Westen: darauf herumzureiten, dass Sanktionen irgendwie am Versagen dieser Regime schuld sind.

Wie wird der Nahe Osten nach Corona aussehen?

„Corona“ birgt eine unheimliche Verlockung der Spekulationen: Könnte dieser klitzekleine Virus einen perfect storm hervorbringen, der das Ruinengebäudes des alten Nahen Ostens zusammenkrachen lässt?

In H.G. Wells berühmten Roman „Krieg der Welten“kommen die mächtigen Außerirdischen zu Fall, als sie auf Mikroben treffen. Die Stöße gehen von den Rändern aus, von dort, wo sie wirklich keiner erwartet. Den Anstoß zur Erschütterung des Nahen Ostens im „Arabischen Frühling“ gab Ende 2010 der Selbstmord eines tunesischen Straßenhändlers. Wenn die großen und kleinen Führer der Region nun auf eines so überhaupt nicht vorbereitet waren, dann auf die Herausforderung einer Pandemie. Hier ist geradezu das Gegenteil all ihrer dubiosen Qualifikationen gefragt. Seit Monaten haben die Menschen im Irak und Libanon gegen das Staatsversagen demonstriert, im Iran haben im Herbst letztes Jahr erst Massaker die Proteste abgewürgt. Jetzt tastet das Virus als eiskalte Sonde auf dem wunden Gesellschaftskörper herum, und was wird wohl als Ergebnis der Untersuchung zu Tage treten?

Die nahöstliche Welt nach Corona könnte etwas anders aussehen als vor Corona, nicht nur unsere in Europa. Ansonsten bleiben Hass und Verzweiflung. So wie bei jenem exilierten ägyptischen Muslimbruder, der im Internet seine Landsleute dazu aufgerufen hat, bei Verdacht auf eine eigene Infektion in die Ämter zu gehen, Kontakt zur Geheimpolizei zu suchen und zur Justiz. Genau das ist der Zustand jetzt.

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