Die israelische NGO Fighting Online Antisemitism bekämpft Hate Speech im Internet. Anfang 2026, so die Organisation, sei auf diese Weise sogar ein Anschlag in den USA vereitelt worden. In zehn kostenlosen Online-Sitzungen lernen Freiwillige, wie sie antisemitische Inhalte im Netz aufspüren, melden und so im besten Fall reale Gewalt eindämmen.
Auf der Webseite von Fighting Online Antisemitism (FOA) rattern Zahlen hoch, bis sie anhalten: mehr als 150.000 Meldungen gegen antisemitische Inhalte im Jahr 2024, verteilt auf zehn soziale Netzwerke. Rund 40 Prozent davon seien im Durchschnitt gelöscht worden. Über 5.000 Teilnehmende, mehr als 300 Workshops in fünf Sprachen – so wirbt die israelische NGO für sich. Das Thema ihrer kostenlosen Schulungen: der Kampf gegen Antisemitismus im Internet.
»Click. Report. Save Lives«: Der Slogan unter dem FOA-Logo wirkt wie ein Versprechen. Ziel sei es, den »Übergang von digitaler Anstiftung zu realer Gewalt« zu stoppen, sagt Geschäftsführer Tomer Aldubi in seiner Bilanz für das Jahr 2025. Dass dies gelingen könne, zeige ein Erfolg von FOA Ende Januar 2026, wie eine Pressemitteilung beschreibt.
Damals habe eine spezialisierte FOA-Einheit bei der Beobachtung antisemitischer Kanäle auf X Hinweise auf einen geplanten terroristischen Anschlag entdeckt. »Nova now« lautete der Name der Aktion, die für den 1. April in den USA vorgesehen gewesen sei. Eine Spur aus dem Netz, so FOA, habe über das FBI zur Identifikation der Anstifter geführt. Der Anschlag sei noch in der Planungsphase gestoppt worden.
»Der Abstand zwischen einem Online-Beitrag und einem Terroranschlag wird immer geringer«, warnt FOA-Geschäftsführer Aldubi. Der Erfolg sei vor allem den geschulten Freiwilligen zu verdanken. Seine Botschaft: Jeder Einzelne könne Teil dieser digitalen Abwehr werden. Er sagt: »Einzelne haben die Kraft, ihre Gemeinschaften zu schützen und Antisemitismus zu bekämpfen.« Deshalb ruft er neue Teilnehmende dazu auf, digital aktiv zu werden: »Mach mit und lass dich ausbilden, damit auch du den nächsten Angriff verhindern kannst.«
Mit KI-Bild auf die Suche
Wie diese digitale Zivilgesellschaft ausgebildet wird, zeigt ein Blick in einen Workshop an einem Märzabend. Thema: »Advanced Monitoring Techniques«. Der Dozent, Barak Aharon, stammt aus dem FOA-Team und stellt sich als Experte für Open Source Intelligence (OSINT) vor – jemand, der öffentlich zugängliche Informationen systematisch auswertet, um Risiken früh zu erkennen. Aharon schult auch Jugendliche.
An diesem Abend sind alle sichtbaren Teilnehmenden erwachsen. Manche sind mit stabiler Kamera gestochen scharf zu erkennen, andere erscheinen verschwommen und wackelig, einige Kameras bleiben ausgeschaltet. Unter den 25 Teilnehmenden finden sich weibliche und männliche Vornamen in etwa gleichem Verhältnis. Viele klingen hebräisch, aber auch englisch, deutsch oder spanisch. Ein internationales Publikum vereint durch ein gemeinsames Ziel.
Noch bevor der Unterricht richtig beginnt, erinnert die Moderatorin Teilnehmende aus Israel daran, dass sie bei Raketenalarm die Sitzung sofort verlassen müssen. Aharon spricht Englisch, und im Chat schlägt ein KI-Assistent vor, seine Worte über eine Transkriptions-App simultan vorzulesen und im Nachhinein zu speichern.
Es ist die zweite Sitzung mit Dozent Aharon. Er erinnert daran, dass er beim letzten Mal gezeigt habe, wie Aktivistinnen und Aktivisten auf ihre Sicherheit achten können – etwa indem sie Fake-Profile in sozialen Medien einrichten. Die Teilnehmerin Marylin fragt dennoch nach, wie das genau funktioniert. Aharon verweist auf KI-generierte Fotos, etwa von thispersondoesnotexist.com, und empfiehlt ein arabisch wirkendes Profil. In Gruppen mit Namen wie »Antizionist« könne es dann vorkommen, dass Frauen viele Freundschaftsanfragen von arabischen Männern erhielten, scherzt er flapsig.
Daraufhin fragt Teilnehmerin Nancy, ob man darauf reagieren solle. Die Antwort ist eindeutig: »Nein, bleibt passiv. Tut nichts, was Aufmerksamkeit erregen könnte.« Es gehe nicht um Eingreifen oder Diskutieren. Ziel sei ausschließlich, Hassrede zu dokumentieren und an die Plattformen zu melden. Eine Teilnehmerin ergänzt, dass jede Aktivität in antisemitischen Gruppen zudem dazu beitragen könne, deren Inhalte in sozialen Medien stärker zu verbreiten. An der Stelle bedeute Aktivismus Zurückhaltung.
Immer wieder melden
Auf Instagram zeigt Aharon detailliert, wie ein Beitrag mit Hassrede über »report post« gemeldet werden kann. Es sei wichtig, die passende Kategorie auszuwählen und anzugeben, ob der Inhalt noch online sei. Ein Screenshot des Inhalts solle beigefügt werden.
Die Teilnehmerin Adele fragt, was sie tun solle, wenn die Plattform auf ihre Meldung nicht reagiere und den antisemitischen Beitrag nicht lösche. »Meldet nochmal. Und nochmal. Belästigt sie ein zweites und ein drittes Mal«, antwortet Aharon. Teilnehmer Michael ergänzt, man könne auch eine Beschwerde bei der EU einreichen, wenn Inhalte nicht gelöscht würden – vorausgesetzt, man könne nachweisen, dass man sie gemeldet habe.
Ganz begeistert ist Aharon von dieser Idee nicht. »Es werden so viele Beiträge nicht gelöscht, es wäre verrückt, sich jedes Mal an die EU zu wenden.« Der einzige Weg sei: »Meldet weiter, immer wieder.« Bei besonders schweren, nicht gelöschten Verstößen bittet er die Aktivistinnen und Aktivisten, diese zusätzlich an das FOA-Team weiterzuleiten.
Auf X zeigt Aharon das Beispiel eines deutlich antisemitischen Kontos ohne erkennbare Identität. Der engagierte Teilnehmer Michael postet daraufhin im Chat einen weiteren Beitrag, in dem der Kontoinhaber bereits mit Klarnamen und Foto identifiziert worden ist. »Sehr gut«, lobt ihn der Dozent.
Wie Hassrede gezielt gefunden werden kann, demonstriert Aharon anhand einer vertieften Google-Suche. Er gibt »Jews are evil« ein, eingegrenzt als exakte Wortgruppe. Dieser Satz habe sich nach der Veröffentlichung der Epstein-Akten stark in sozialen Medien verbreitet, kommentiert er. In den Suchergebnissen erscheinen zahlreiche entsprechende Konten und Gruppen.
Einen weiteren Tipp liefert Michael: Man könne »den Algorithmus austricksen«, indem man sich selbst antisemitische Inhalte zusende. Dadurch erhalte man bald ähnliche Beiträge, weil der Algorithmus ein entsprechendes Interesse vermute. »Danke, Michael«, bestätigt der Dozent.
Weg vom Gefühl der Angst
Der OSINT-Spezialist empfiehlt, zunächst auf X und TikTok zu beginnen und die Aktivitäten später auf Plattformen wie YouTube, Instagram und Facebook auszuweiten. In anderen Sitzungen lernen die Teilnehmenden zudem, dass Antisemitismus im Netz nicht nur in offener, leicht zu meldender Form auftritt, sondern häufig codiert, ironisch gebrochen oder als scheinbar legitime politische Kritik getarnt ist.
Die Wurzeln von FOA reichen zurück ins Jahr 2020. Mitten in der Corona-Pandemie beobachtete Gründer Tomer Aldubi einen massiven Anstieg antisemitischer Verschwörungserzählungen im Netz nd gleichzeitig ein gefährliches Vakuum an wirksamer digitaler Gegenwehr fest. Er ist heute noch der FOA-Geschäftsführer. 2025 kam Josh Steele als operativer Geschäftsführer dazu. Der aus England stammende Non-Profit-Manager und IT-Experte ist außerdem Rabbiner.
Heute versteht sich FOA als Teil einer neuen Form von Zivilcourage. Weg vom Gefühl der Ohnmacht gegenüber wachsendem Hass und Antisemitismus im Netz, hin zum friedlichen Aktivismus per Klick. Für den nächsten Lehrgang kann man sich über die Webseite anmelden.






