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Captagon droht, zum Schmiermittel für sudanesischen Bürgerkrieg zu werden

Die im Sudan eingesetzten Instrument zur Captagon-Herstellung ähneln stark denen aus syrischen Laboren
Die im Sudan eingesetzten Instrument zur Captagon-Herstellung ähneln stark denen aus syrischen Laboren (© Imago Images / Middle East Images)

Während der Herrschaft von Baschar al-Assad stieg Syrien zu einem der größten Captagon-Produzenten weltweit auf. Nun scheint die Produktion in den Sudan abgewandert zu sein.

Die Captagon-Produktion spülte in den letzten Jahren wichtige Devisen in die syrischen Kriegskasse und sorgte dafür, dass immer mehr Menschen in der Region davon abhängig wurden. (Noch immer lesenswert ist dazu ein Artikel aus dem November 2024 von Ed Caesar im New Yorker.)

Dass die syrische Regierung von Präsident Ahmed al-Sharaa viele der Captagon-Fabriken hat stilllegen lassen, heißt allerdings keineswegs, dass in Syrien nicht weiter mit dem Stoff gehandelt wird. Zu lukrativ ist das Geschäft, das Assad und der mit ihm verbündeten Hisbollah jährlich fast fünf Milliarden Dollar eingebracht hat.

Mittlerweile sind, dank der leichten Verfügbarkeit und dem niedrigen Verkaufspreis, unzählige Menschen im ganzen Nahen Osten von Captagon abhängig geworden. Was das konkret bedeutet, berichtete jüngst die Süddeutsche Zeitung aus einer der wenigen Entzugseinrichtungen Syriens, die einen raren Einblick gibt, welche Auswirkungen der langjährige Konsum von Captagon hat.

Von Syrien in den Sudan

Zudem scheint sich, seitdem Syrien kein Narco-Staat mehr ist, die Produktion zu verlagern – und zwar ausgerechnet in die von den Schnellen Eingreiftruppen (RSF) kontrollierten Gebiete im Sudan, der nahe am Hauptabnahmegebiet, den reichen Ölstaaten im Golf, liegt. Zwar sind die RSF Studien zufolge bereits seit Beginn des Bürgerkriegs im Geschäft, scheinen aber seit dem Sturz Assads ihre Produktion noch einmal hochzufahren.

Jüngst erschien ein Artikel des New Lines Institutes, der sich mit den Hintergründen befasst:

»Daten aus der Captagon-Beschlagnahmungsdatenbank des New Lines Institute zeigen, dass sich der Sudan zunehmend zu einem Zentrum der Captagon-Produktion entwickelt (…). Das Projekt stellte einen besonderen Anstieg der Aktivitäten fest, insbesondere der Produktionsaktivitäten, seit Beginn des Bürgerkriegs im Sudan zwischen den sudanesischen Streitkräften (SAF) und den paramilitärischen Schnellen Eingreiftruppen (RSF) im April 2023. (…)

Da sich die RSF-Truppen angesichts der Gebietsverluste an die SAF in den Westen des Landes zurückziehen, dürfte auch die Produktion folgen und in Hochburgen in Darfur und entlang der Schmuggelrouten, die den Sudan mit den regionalen Märkten verbinden, verlagert werden. Diese Entwicklungen drohen den Bürgerkrieg im Sudan zu verlängern, indem sie der RSF eine profitable Einnahmequelle verschaffen.«

Einer Recherche von Middle East Eye (MEE) zufolge, das von Katar finanziert wird und deshalb gerne negativ über die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) berichtet, mit denen sich Katar in einer Art kaltem Kriegszustand befindet, könnten die von den VAE unterstützten RSF versuchen, die Lücke zu füllen, die durch den Produktionsausfall in Syrien entstanden ist. Außerdem könnten sie jenen Syrern, die über entsprechendes Knowhow verfügen, nun aber arbeitslos geworden sind, als Experten anheuern.

News Lines hielt fest, dass es in Syrien zwar zu Zerstörungen von Produktionsanlagen und fertigem Captagon kam, aber zu keinen Verhaftungen: »Das technische Wissen zur Herstellung von Captagon bleibt erhalten und könnte anderweitig wieder zum Einsatz kommen.« MEE stellte News Lines Fotos einer im Frühjahr vom sudanesischen Militär entdeckten Captagon-Fabrik zur Verfügung: »Die auf den Fotos markierten Instrumente ähneln stark den zur Captagon-Herstellung verwendeten wissenschaftlichen Geräten, die im letzten Jahr in syrischen Labors gefunden wurden.«

Ob es eine direkte Verbindung nach Syrien gibt, ist unklar. Fest steht jedoch, dass die Produktion von Captagon mit dem Sturz Assads zwar beeinträchtigt, aber keineswegs beendet wurde. So, wie der Verkauf der Droge es dem syrischen Regime jahrelang ermöglichte, seinen Krieg gegen große Teile der eigenen Bevölkerung weiterzuführen, schmiert sie nun den sudanesischen Bürgerkrieg, der inzwischen als die größte humanitäre Katastrophe des 21. Jahrhunderts gilt.

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