Milizen im Süden Syriens haben die Captagon-Produktionsstätten des Assad-Regimes übernommen und die drusische Region zu einer Hochburg des Drogenhandels gemacht.
Der Zusammenbruch des Regimes von Bashar al-Assad deckte groß angelegte Captagon-Produktionsnetzwerke in ganz Syrien auf, doch die südliche Provinz Suwayda stellte eine bemerkenswerte Ausnahme dar. Denn während ehemalige Geheimdienstkomplexe und Drogenproduktionsstätten anderswo gestürmt oder aufgelöst wurden, blieben die Schmuggeloperationen in Suwayda laut einem von Suwayda 24 veröffentlichten Untersuchungsbericht unter der Kontrolle lokaler drusischer Milizen weitgehend intakt.
Der Bericht beschreibt, wie bewaffnete Gruppierungen, die die Provinz schon vor Assads Sturz kontrolliert hatten, ihren Einfluss auch danach behielten und das bewahrten, was Ermittler als das »Erbe der Captagon-Operationen« bezeichnen, die einst mit Assads Geheimdiensten verbunden waren. Anstatt die vom ehemaligen Regime übernommenen Lagerbestände aufzulösen, sollen lokale Gruppen Drogen und Rohstoffe für die Produktion gelagert und weiterverteilt haben.
Zu den Gruppen, auf die in der Untersuchung wiederholt Bezug genommen wurde, gehört die vom drusischen Geistlichen Hikmat al-Hijri gegründete Nationalgarde, die sich zu einem mächtigen bewaffneten Akteur in der Provinz entwickelt hat. Jordanische Beamte und syrische Sicherheitsquellen werfen den in Suwayda operierenden Fraktionen zunehmend vor, den Drogenhandel und Waffenschmuggel durch den Süden Syriens zu erleichtern.
Von Suwayda 24 zitierte Quellen vor Ort schätzten, dass zuvor zwischen zwölf und fünfzehn Captagon-Produktionsstätten in der Provinz in Betrieb sind, die von festen Standorten bis hin zu in Lastwagen versteckten mobilen Einrichtungen reichten. Der Bericht erklärte, dass neuere Produktionsmethoden zunehmend darauf setzen, die Anlagen in zivilen Gebieten zu verbergen, um einer Entdeckung zu entgehen.
So befinde sich Berichten zufolge eine kürzlich errichtete Fabrik in einem dicht besiedelten Viertel der Stadt Suwayda und werde unter dem Schutz der Nationalgarde betrieben. Ermittler sagten, diese Vorgehensweise nutze die Anwohner als menschliche Schutzschilde gegen mögliche Luftangriffe auf die Drogenproduktion. Auch private Bauernhöfe und zivile Gebäude sollen angeblich zu Herstellungs- und Verteilungszentren geworden sein.
Der Suwayda-24-Bericht behauptete ferner, dass ein Teil des Produktions-Know-hows von Spezialisten stamme, die der Hisbollah angehören und vor Assads Sturz angeblich lokale Betreiber in der Herstellung und Verpackung von Tabletten geschult hätten.
Drogenflut
Jordaniens verschärfte Grenzkontrollen und Luftangriffe gegen die Infrastruktur des Drogenhandels scheinen die Exportrouten unterbrochen zu haben, was dazu führte, dass sich große Mengen an Betäubungsmitteln in Suwayda ansammelten. Dem Bericht zufolge führte das Überangebot zu einem starken Rückgang der lokalen Captagon-Preise, was zu einem vermehrten Konsum innerhalb der Provinz beitrug. Eine einzelne Pille soll mittlerweile für weniger als einen Dollar verkauft werden. Ermittler gaben an, dass sich der Konsum unter den Mitgliedern bewaffneter Gruppen ausgebreitet habe, die an Frontlinien und Kontrollpunkten stationiert sind, wo Stimulanzien zur Aufrechterhaltung der Wachsamkeit eingesetzt werden.
Der Bericht schlug zudem Alarm wegen der zunehmenden Sucht unter Minderjährigen. Suwayda 24 dokumentierte 24 Fälle mit Kindern unter dreizehn Jahren und behauptete, dass Schmuggler bei Jugendtreffen kostenlos Drogen verteilten, um Abhängigkeit zu erzeugen und zukünftige Händler zu rekrutieren. Gleichzeitig soll sich der Cannabisanbau im Norden der Provinz ausgeweitet haben, da Schmuggler angesichts des wachsenden Drucks auf die Captagon-Exporte nach alternativen Einnahmequellen suchten.
Ermittler beschrieben ein weitreichendes, provinzübergreifendes Netzwerk, das sich bis in die ländlichen Gebiete von Damaskus und Homs erstreckt, die einen schnellen Zugang zur syrischen Wüste und zur libanesischen Grenze bieten. Die spärliche Sicherheitspräsenz in der Wüste hat es den Schmugglern laut dem Bericht ermöglicht, Razzien zu entgehen und Lieferungen durch isolierte Korridore zu transportieren.
Jordanien betrachtet Schmugglernetzwerke im Süden Syriens zunehmend als direkte Bedrohung seiner nationalen Sicherheit. Von Suwayda 24 zitierte Berichte deuten darauf hin, dass die Zusammenarbeit zwischen jordanischen und syrischen Behörden sich letztendlich über Luftangriffe hinaus auf begrenzte Bodenoperationen ausweiten könnte, die auf Drogenproduktions- und -lagerstätten abzielen. In jüngster Vergangenheit ist Suwayda sowohl zu einem strategischen Knotenpunkt als auch zu einem Symbol dafür geworden, wie sich bewaffnete Gruppierungen nach dem Sturz Assads angepasst haben, indem sie die übernommene Drogeninfrastruktur in eine widerstandsfähige Schattenwirtschaft mit wachsenden regionalen Auswirkungen verwandelten.






