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Fast 50% der tunesischen Jugendlichen bezeichnen sich selbst als „nicht religiös“

Fast 50% der tunesischen Jugendlichen bezeichen sich selbst als nicht religiös
Fast 50% der tunesischen Jugendlichen bezeichen sich selbst als nicht religiös (© Imago Images / ZUMA Wire)

Während im Westen das Phänomen von Muslimen, die sich von der Religion abwenden, oftmals ignoriert wird, breiten sich in der islamischen Welt Ungläubigkeit und Atheismus immer weiter aus.

Daniel Pipes, The National Interest

Ex-Muslime stellen ihre Ablehnung des Islams öffentlich zur Schau wie nie zuvor (…) Dieses Phänomene deute auf eine noch nie dagewesene Verschiebung hin: Was einst unter Muslimen als illegalen und unsäglich galt: der offene Unglaube an Gott und die Ablehnung der Mission Mohammeds, hat sich so weit ausgebreitet, dass es den islamischen Glauben erschüttern.

Für Nicht-Muslime ist dieser Wandel in der Regel kaum sichtbar und wird daher als nebensächlich abgetan. Wenn es um Araber geht, stellt Ahmed Benchemsi fest, sieht der Westen Religiosität geradezu als „eine unbestreitbare Gegebenheit, fast ein ethnisches Mandat, das in deren DNA eingebettet ist.“ (…)

Folgende Analyse will dieses Missverständnis korrigieren und das Phänomen dokumentieren, dass Muslime zu Atheisten werden. Der Begriff „Atheist“ bezieht sich dabei gemäß der Organisation Ex-Muslims of North America, auf Muslime, „die keinen positiven Glauben an eine Gottheit aufweisen“, darunter „Agnostiker, Pantheisten, Freidenker und Humanisten“.

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Zu den Atheisten gehören jedoch ausdrücklich nicht die Muslime, die zum Christentum oder zu einer anderen Religion konvertieren.

Zwei Hauptfaktoren erschweren die Schätzung der Zahl der ehemals muslimischen Atheisten.

Erstens ziehen es einige von ihnen vor, nach außen hin innerhalb der Grenzen des Islams zu bleiben, um weiterhin ein Mitspracherecht bei der Entwicklung der Religion zu haben und vor allem, um sich am Kampf gegen den Islamismus zu beteiligen – etwas, das sie verlieren, wenn sie den Glauben offiziell verlassen. Es gibt das Phänomen, dass Muslime

„eine taktische Entscheidung treffen, nicht vollständig mit der Religion zu brechen und sich als Säkularisten, progressive Muslime oder muslimische Reformer zu präsentieren. Sie sind der Meinung, dass sie mehr erreichen können, wenn sie die unterdrückenden religiösen Praktiken in Frage stellen, als wenn sie die Existenz Gottes in Frage stellen, denn es ist unwahrscheinlich, dass man auf sie hört, wenn sie sich zum Atheismus bekennen.“ (…)

Zweitens: Wer sich offen als Atheist bekennt, muss mit Strafen rechnen, die von Ächtung über Entlassung, Prügelstrafen und Gefängnis bis hin zu Mord reichen: Familien sehen Atheisten als Schandfleck auf ihrer Ehre; Arbeitgeber sehen sie als unzuverlässig an; Gemeinschaften betrachten sie als Verräter; Regierungen sehen in ihnen eine Bedrohung der nationalen Sicherheit.

Der Gedanke, dass ein einzelner Atheist eine Bedrohung darstellt, scheint absurd, aber die Behörden erkennen, dass das, was mit individuellen Entscheidungen beginnt, zu kleinen Gruppen heranwachsen, an Stärke gewinnen und in der Stellung der Machtfrage gipfeln könnte.

Als extreme Reaktion hat das Königreich Saudi-Arabien am 7. März 2014 Anti-Terror-Bestimmungen erlassen, die es verbieten, „in irgendeiner Form zu atheistischem Gedankengut aufzurufen oder die Grundlagen der islamischen Religion, auf der dieses Land beruht, in Frage zu stellen.“ Mit anderen Worten: Freies Denken wird mit Terrorismus gleichgestellt.

In der Tat bestrafen viele Länder mit muslimischer Mehrheit Apostasie – als Abfall vom Glauben – formell mit der Hinrichtung: darunter Mauretanien, Libyen, Somalia, Jemen, Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Iran, Afghanistan, Malaysia und Brunei. Formelle Hinrichtungen sind eher selten, aber die Bedrohung für Abtrünnige ist allgegenwärtig. (…)

Eine WIN/Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2012 ergab, dass „überzeugte Atheisten“ im Libanon, in Pakistan, der Türkei und Usbekistan 2 %der Bevölkerung ausmachen, im Westjordanland und im Gazastreifen 4%und in Saudi-Arabien 5%. Aufschlussreich ist, dass die gleiche Umfrage ergab, dass „nicht religiöse“ Personen zahlreicher sind: 8%in Pakistan, 16% in Usbekistan, 19% in Saudi-Arabien, 29% im Westjordanland und Gaza, 33% im Libanon und 73%in der Türkei.

Spiegelbildlich dazu ergab eine GAMAAN-Umfrage, dass sich nur knapp ein Drittel (32,2%) der geborenen schiitischen Muslime im Iran tatsächlich selbst als solche bezeichnet, darüber hinaus 5% als Sunniten und 3,2% als Sufis.

Die Tendenz ist steigend: Eine Konda-Umfrage in der Türkei ergab, dass sich der Anteil der Atheisten zwischen 2008 und 2018 von 1% auf 3% verdreifacht hat, während sich der Anteil der Nichtreligiösen von 1% auf 2% verdoppelt hat. Umfragen des Arab Barometer zeigen einen erheblichen Anstieg der Zahl der Arabisch sprechenden Menschen, die sich als „nicht religiös“ bezeichnen: von 8% in den Jahren 2012-14 auf 13% in den Jahren 2018-19 – ein Anstieg von 61 Prozent in fünf Jahren.

Noch stärker ist dieser Trend bei den Fünfzehn- bis Neunundzwanzigjährigen, bei denen der Prozentsatz von 11% auf 18% stieg.

Betrachtet man die einzelnen Länderv, so ist der Anstieg in Tunesien und Libyen am stärksten, in Marokko, Algerien, Ägypten und dem Sudan mittelgroß und im Libanon, den Palästinensischen Gebieten, Jordanien und dem Irak fast unverändert. Der Jemen sticht als das Land hervor, in dem die Zahl der nichtreligiösen Personen abgenommen hat. Besonders auffällig ist, dass sich etwa gleich viele tunesische Jugendliche (47%) wie Amerikaner (46%) als „nicht religiös“ bezeichnen.

Der Atheismus in der muslimisch geprägten Bevölkerung war in der Vergangenheit von geringer Bedeutung. Besonders unbedeutend erschien er während des Aufschwungs der islamischen Erneuerungsbewegung im letzten halben Jahrhundert.

Noch vor zwanzig Jahren war der Atheismus unter Muslimen nahezu unbedeutend. Aber diese Zeiten sind vorbei. Er hat sich zu einer bedeutenden Kraft entwickelt, die das Potenzial hat, nicht nur das Leben der Einzelnen, sondern auch Gesellschaften und sogar Regierungen zu beeinflussen.

Der Atheismus ist so mächtig, weil der heute hegemoniale Islam mit seiner Unterdrückung heterodoxer Ideen und der Bestrafung aller, die den Glauben verlassen, besonders anfällig für Anfechtungen ist. Genauso wie autoritäre Regime brüchige sind als demokratische, fehlt dem Islam, so wie er heute praktiziert wird, die Geschmeidigkeit, um mit internen Kritikern und Rebellen umzugehen. Das Ergebnis ist eine islamische Zukunft, die noch unsicherer ist als ihre Vergangenheit.

(Aus dem Artikel Atheism Among Muslims is “Spreading Like Wildfire”, der bei The National Interest erschienen ist. Übersetzung von Alexander Gruber.)

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