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Burkina Faso: Ein Putsch zur Terrorbekämpfung?

Frankreich bildet Soldaten in Burkina Faso in Terrorbekämpfung aus
Frankreich bildet Soldaten in Burkina Faso in Terrorbekämpfung aus

Der jüngste Staatsstreich in Burkina Faso zeigt einmal mehr, wie der Dschihadismus afrikanische Gesellschaften zerstört.

Ein demokratisch gewählter Präsident wurde von Militärs gestürzt, weil er nicht in der Lage war, die Bevölkerung vor dem Terror radikalislamischer Milizen zu schützen. Terrororganisationen wie der Islamische Staat (IS) und Al-Qaida im Maghreb (AQIM) haben sich  über Länder wie Algerien, Niger, Mali, den Tschad und Mauretanien ausgebreitet und seit 2015 auch Burkina Faso ins Visier genommen.

Al-Qaida-Einnahmequelle Gold

Am 21. Januar, einem Sonntag, waren aus den Kasernen des westafrikanischen Landes in den frühen Morgenstunden Gewehrschüsse zu hören. Am Abend war klar, dass auch Burkina Faso unter die Herrschaft der Militärs gefallen war, wie zuvor schon Mali, Guinea und der Tschad – alles innerhalb der letzten zwölf Monate.

Burkina Faso mit der Hauptstadt Ouagadougou hat mehr als 20 Millionen Einwohner. Die Amtssprache ist Französisch. Das Hauptexportprodukt war lange Zeit die Baumwolle, deren wichtigster westafrikanischer Produzent Burkina Faso früher war. Doch deren Bedeutung schwand.

Dafür wurden seit der Jahrtausendwende so viele neue und zum Teil sehr große Goldvorkommen entdeckt wie in kaum einem anderen Land der Welt. Mit einem Volumen von rund vier Milliarden Euro (Stand: 2019) macht Gold inzwischen rund 70 Prozent der Exporte aus.

Der größte Teil des Goldes wird von ausländischen Bergbauunternehmen gefördert wie etwa dem börsennotierten kanadischen Konzern Endeavour Mining. Weil die goldhaltigen Erze nicht tief unter der Erde liegen – wie etwa in Südafrika –, sondern nah an der Oberfläche, existiert neben dem professionellen, von der Regierung genehmigten Bergbau ein illegaler Abbau in Handarbeit: mit rudimentären Mitteln, unter großen gesundheitlichen Gefahren und unter massenhaftem Einsatz von Kinderarbeit.

Das ist das Geschäft von Al Qaida & Co. in Staaten wie Mali und Burkina Faso. In einer Reportage mit dem Titel How jihadists struck gold in Africa’s Sahel (Wie Dschihadisten in Afrikas Sahelzone auf Gold gestoßen sind) beschrieb ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters 2019, wie die Milizionäre in der Nähe der Kleinstadt Pama die Kontrolle übernommen hatten.

Pama liegt im Osten Burkina Fasos, am Dreiländereck mit Togo und Benin. Zum Schutz von Antilopen, Büffeln und Elefanten hatte die Regierung dort ein Naturschutzgebiet eingerichtet. Dann kamen Mitte 2018 mit Sturmgewehren bewaffnete Dschihadisten auf Motorrädern und Pickups und vertrieben Polizei und Armee.

Die bewaffneten Männer sagten, die Bewohner könnten in den Schutzgebieten Bergbau betreiben, aber es würden Bedingungen gelten. Manchmal forderten sie einen Teil des Goldes. Zu anderen Zeiten kauften sie es und handelten damit. Ein Mann, der mehrere Monate lang in einer Mine gearbeitet hatte, sagte dem Reuters-Reporter:

»Die Männer sagten uns, wir sollten uns keine Sorgen machen. Sie sagten uns, wir sollten beten … Wir nannten sie ›unsere Herren‹.«

Armee nicht vorbereitet

Der nun abgesetzte Präsident Roch Marc Christian Kaboré war seit 2015 im Amt und im November 2020 mit 57,87 Prozent der Stimmen für eine zweite Amtszeit wiedergewählt worden. Ob er den Rückhalt der Bevölkerung verloren hat, könnte nur durch Wahlen herausgefunden werden. D

ie Putschisten machen ihn dafür verantwortlich, dass die Dschihadisten inzwischen weite Teile des Staatsgebiets kontrollieren. 1,4 Millionen Menschen – sieben Prozent der Bevölkerung Burkina Fasos – sind laut dem UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR auf der Flucht. 2.000 Menschen wurden allein im Jahr 2020 von den Milizen getötet. Aus einem Bericht des UNHCR von Juni 2021:

»Am 5. Juni griffen Bewaffnete das Dorf Solhan in Burkina Fasos nordöstlicher Sahelzone nahe der Grenze zu Niger an. Angreifer stürmten mitten in der Nacht das Dorf und erschossen 138 Männer, Frauen und Kinder. Häuser und der Markt wurden in Brand gesteckt. Fast 40 Menschen wurden schwer verletzt und in Krankenhäuser in der Region und in der Hauptstadt Ouagadougou gebracht.

Aus Angst um ihr Leben flohen über 3.300 Menschen in die nahe gelegenen Dörfer Sebba und Sampelga, darunter mehr als 2.000 Kinder und über 500 Frauen. Sie kamen mit wenig oder gar keinem Hab und Gut an. Die Mehrheit wurde großzügig von einheimischen Familien empfangen, die das Wenige, das sie haben, teilen.«

Ein Massaker im November 2021 führte zu einer Regierungskrise. Es wurde in der Nähe der Stadt Inata verübt: Bei einem Überfall dschihadistischer Milizen auf einen Außenposten der Gendarmerie wurden 49 Polizisten und vier Zivilisten getötet.

In Inata gibt es einen Goldtagebau, der seit 2017 stillgelegt ist. 2018 wurde er von Balaji Group, einer Firma aus Ghana, aufgekauft, die sich aber mit den Arbeitern nicht auf einen Tarifvertrag einigen konnte, weswegen dort seit Jahren alle Räder stillstehen. Für Empörung sorgte nicht nur das Massaker selbst, sondern vor allem Berichte, wonach die Polizisten vorher eine Botschaft geschickt hätten, dass sie schon zwei Wochen lang ohne Essen seien.

Der Führer des jüngsten Putsches ist der 41-jährige Oberstleutnant Paul-Henri Sandaogo Damiba. Damiba hatte 2021 ein Buch über den Krieg gegen den Dschihadismus veröffentlicht: Armées Ouest-Africaines et Terrorisme: Réponses Incertaines? (Westafrikanische Armeen und Terrorismus: Unsichere Antworten?).

Darin schrieb er, dass es in Westafrika anders als anderswo auf der Welt nicht die Frage sei, ob die Armee im Kampf gegen den Terrorismus eingesetzt werde – es gebe keine andere Wahl, wenn die Regierung nicht die Kontrolle über das gesamte Land verlieren wolle. Die Armeen seien aber auf einen solchen Kampf nicht vorbereitet.

Damiba forderte den Aufbau geheimdienstlicher Strukturen und „kalibrierte, unkonventionelle“ Operationen. In seiner ersten, vom Fernsehen übertragenen Ansprache an die Bevölkerung sagte er kurz nach dem Staatsstreich:

„Wir müssen die Gebiete unter terroristischem Einfluss und die Auswirkungen des gewalttätigen Extremismus erheblich reduzieren, indem wir den Verteidigungs- und Sicherheitskräften sowie den Freiwilligen für die Verteidigung des Vaterlandes den Willen zurückgeben, zu kämpfen und sie in die Lage versetzen, mit adäquaten Mitteln mehr in die Offensive zu gehen.

Dies ist eine wesentliche Voraussetzung für die schrittweise Rückkehr der öffentlichen Verwaltung und die Rückkehr von Binnenvertriebenen in ihre Heimatdörfer.“

Russland involviert?

Dieser Putsch betrifft indessen nicht nur Burkina Faso und West- oder Nordwestafrika; er ist auch Teil im strategischen Spiel der Großmächte. Seit 2014 hatte Frankreich 5.000 Soldaten in die Region entsandt, um im Rahmen der sogenannten Operation Barkhane in Mali, Burkina Faso, dem Tschad, Mauretanien und Niger den Vormarsch der Dschihadisten zu stoppen.

Die Mission ist als gescheitert anzusehen und vor Ort offenbar auch wenig populär. Reuters-Korrespondent John Irish schreibt:

»Als Frankreich 2013 in Mali intervenierte, waren seine Kampfflugzeuge der Schlüssel, um den islamistischen Vormarsch zu stoppen. Neun Jahre später warfen dieselben Kampfflugzeuge im November Leuchtraketen ab, um Zivilisten zu abzuschrecken, die französische Militärkonvois blockierten.«

Harte Sanktionen, die der regionale Wirtschaftsblock ECOWAS nach dem Militärputsch in Mali gegen das Land verhängt hatte, hätten die dortige Junta nicht eingeschüchtert. „Im Gegenteil wandte sich die Bevölkerung  gegen den Block und beschuldigte ihn, Frankreichs Lakai zu sein.“ Es habe sich die Stimmung breitgemacht, dass Frankreich gegen die Malier sei, so Irish. Diese „wachsende Frustration“ mache sich nun auch in Burkina Faso bemerkbar.

»Ein Reuters-Reporter sah nur wenige Stunden nach dem Putsch, wie eine Gruppe eine französische Flagge verbrannte, während auf Plakaten stand: ›Gemeinsam sagen wir nein zu Frankreich. Scheiß auf Frankreich!‹«

Unterstützer des Putsches schwenkten russische Flaggen. Einer von ihnen, ein Mann namens Armel Kabore, wird von dem Reuters-Reporter mit den Worten zitiert:

»Heute bittet das burkinabische Volk um Russlands Unterstützung, um es in diesem erbitterten Kampf zu begleiten, der uns aufgezwungen wurde.«

Schnell wurden Verbindungen zu der geheimnisumwobenen Gruppe Wagner hergestellt, jenem angeblich privaten russischen Sicherheitsunternehmen, dessen Söldner seit 2014 Medienberichten zufolge in der Ukraine, in Syrien, in Libyen, in der Zentralafrikanischen Republik und auch in Burkina Fasos Nachbarland Mali gekämpft haben sollen.

Unter Berufung auf Quellen aus dem Umfeld des geschassten Präsidenten berichtete der amerikanische Nachrichten- und Meinungsblog The Daily Beast wenige Tage nach dem Putsch, Putschführer Damiba habe Präsident Kaboré kurz vor dem Staatsstreich zweimal vergeblich gedrängt, im Kampf gegen die Dschihadisten die Gruppe Wagner anzuheuern.

Der Präsident habe die Idee schnell zurückgewiesen und Damiba daran erinnert, dass die europäischen Regierungen gerade den Einsatz russischer Söldner in Mali durch die malischen Militärführer verurteilt hätten, sagte eine der beiden Quellen aus dem Umfeld Kaborés gegenüber The Daily Beast.

»Kabore wollte nicht, dass er Probleme mit dem Westen bekommt, weil er sich Russland anschließt.«

Vorbild Syrien

Schon 2019 hatte Mena-Watch darüber berichtet, dass Russland als der größte Waffenlieferant Afrikas dort auch politisch immer mehr an Einfluss gewinnt. „Das ist einfach die Kehrseite des Niedergangs des amerikanischen Einflusses auf dem Kontinent“, sagte der ehemalige liberianische Minister für öffentliche Arbeiten, W. Gyude Moore, der jetzt für den Thinktank Center for Global Development arbeitet, damals.

Auch China sei für eine Reihe afrikanischer Länder bereits wichtiger als die USA. Was Russland betreffe, sagte Moore, so verfüge es zwar nicht über „ein Scheckbuch wie China oder die USA“, habe dafür aber vieles andere zu bieten:

»Bist du ein Land wie Nigeria, Burkina Faso, Mosambik oder Mali, das mit Aufständen zu tun hat, und du siehst, was Russland in Syrien bewirkt hat, dann ergibt es vielleicht Sinn, an dieser Front eine Beziehung mit Russland zu haben.«

Zudem biete Russland Ländern, die von anderen Mächten als Parias behandelt würden, diplomatische Unterstützung und sogar Söldner.

»Sie sind wirklich, wirklich schlau dabei, sich als jemand zu präsentieren, der nicht die USA und nicht die EU ist, dich als Gleichen behandelt, auf deine Bedürfnisse reagiert und dir nicht seine eigenen Ideen darüber aufdrängt, was dein Land tun sollte.«

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