Die ehemalige Hamas-Gefangene Arbel Yehoud erzählt von nahezu täglicher sexueller Gewalt durch ihre Peiniger und wie Bilder der israelischen Geiselbewegung ihr das Leben retteten.
Am 7. Oktober 2023 ereignete sich nicht nur ein Massaker, sondern auch eine der größten Geiselnahmen der modernen Geschichte. Hinter der Zahl von über 250 verschleppten Israelis stehen individuelle Geschichten von Angst, Isolation und Hoffnung. Besonders eindrücklich ist die Geschichte von Arbel Yehoud und den Brüdern Ariel und David Cunio, deren Schicksal zeigt, wie eng persönliche Tragödien und gesellschaftliche Mobilisierung miteinander verbunden sind.
Entführt aus Nir Oz
Am Morgen des 7. Oktobers 2023 drangen Hamas-Terroristen in den Kibbuz Nir Oz ein und entführten zahlreiche Bewohner. Auch Ariel und David Cunio wurden aus ihren Häusern verschleppt und in den Gazastreifen gebracht. Insgesamt wurden acht Mitglieder der erweiterten Cunio-Familie an diesem Tag entführt – ein tragisches Symbol für das Ausmaß der Geiselnahmen. Die Cunio-Brüder verbrachten über zwei Jahre in der Gefangenschaft der Hamas. Ihre Geschichte wurde international bekannt; ein Dokumentarfilm mit dem Titel A Letter to David entstand, um das Schicksal des entführten David Cunio sichtbar zu machen.
Ariel Cunios Partnerin Arbel Yehoud wurde ebenfalls verschleppt. Während der Gefangenschaft gelang es den beiden anfangs, über Mittelsmänner Briefe auszutauschen. Diese heimliche Kommunikation wurde zu einem emotionalen Rettungsanker während der völligen Isolation und den extremen Haftbedingungen. Die Briefe wurden zu einem Symbol dafür, dass selbst in Gefangenschaft der Versuch, Menschlichkeit und Beziehungen aufrechtzuerhalten, nicht vollständig ausgelöscht werden konnte.
Nach ihrer Freilassung schilderte Yehoud, wie brutal die psychische Belastung in der Gefangenschaft war. Sie erklärte, »fast täglich« sexuell misshandelt worden zu sein und mehrfach versucht habe, sich das Leben zu nehmen. Entscheidend für ihr Überleben sei ein Moment gewesen, in dem ihr Bilder von Demonstrationen in Israel gezeigt wurden. Auf den Aufnahmen erkannte sie ein Poster mit ihrem eigenen Gesicht – ein Beweis dafür, dass sie nicht vergessen war. Dieser Moment brachte sie dazu, weiterzuleben und nicht aufzugeben.
Seit den ersten Wochen nach dem Hamas-Angriff entwickelte sich in Israel eine der größten Protestbewegungen der Landesgeschichte. Hunderttausende gingen regelmäßig auf die Straßen, um die Freilassung der Geiseln zu fordern. Demonstrationen fanden landesweit statt; Protestierende richteten den Platz der Geiseln in Tel Aviv ein, blockierten Straßen und forderten die Regierung auf, ein Abkommen zur Rückführung der Entführten zu schließen.
Bereits Monate nach Kriegsbeginn berichtete die Nachrichtenagentur Reuters über wachsende Proteste, welche die Freilassung der Geiseln forderten und gleichzeitig die zunehmende gesellschaftliche Spaltung sowie das israelische Dilemma widerspiegelten. Diese Demonstrationen wurden für viele Geiseln zu einem entscheidenden Symbol der Hoffnung. Yehouds Aussage zeigt eindrücklich, dass die Proteste nicht nur politische Wirkung hatten, sondern für einige Gefangene buchstäblich lebensrettend waren.
Spiegel des nationalen Traumas
Die Geschichte von Arbel Yehoud und den Cunio-Brüdern steht stellvertretend für das kollektive Trauma Israels nach dem 7. Oktober 2023. Heimlich ausgetauschte Briefe zwischen Geiseln, der Kampf ums Überleben in der Gefangenschaft und die durch Protest genährte Hoffnung zeigen, wie eng persönliche Schicksale und gesellschaftliche Mobilisierung miteinander verbunden sind. Für Yehoud bedeutete das Wissen um die Demonstrationen mehr als politische Solidarität. Es bedeutete die Gewissheit, nicht vergessen zu sein und wurde damit zu einem entscheidenden Grund, weiterzuleben.
Nach ihrer Freilassung konnte Yehoud schließlich auch ihren Partner Ariel Cunio wiedersehen; ein Moment, der für viele Israelis symbolisch für die Hoffnung hinter der Geiselbewegung steht. Die Wiedervereinigung der beiden machte deutlich, dass hinter den politischen Debatten vor allem menschliche Schicksale stehen. Für Yehoud bedeutete das Wiedersehen nicht nur das Ende der Gefangenschaft, sondern auch die Rückkehr zu einem Leben, das am 7. Oktober 2023 abrupt unterbrochen wurde, auch wenn der Weg dorthin ein langer sein wird.






