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Keine Bühne für Israel-Hass. Berlinale entzieht Gaza-Aktivisten die Plattform

Der Berlinale Palast am Potsdamer in Berlin
Der Berlinale Palast am Potsdamer in Berlin (© Imago Images / BREUEL-BILD)

Die Erwartung pro-palästinensischer Akteure, die Berlinale erneut als Bühne für anti-israelische Agitation zu nutzen, wurde enttäuscht. Die Festivalleitung zieht eine klare Grenze zwischen Filmkunst und Aktivismus.

Die 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin begannen mit einem Paukenschlag. Schon bei der Eröffnungspressekonferenz am 12. Februar setzte Jurypräsident Wim Wenders ein Zeichen, das in der Branche wie eine Provokation wirkte: Wenders forderte eine Trennung von Kunst und Tagespolitik. Das Kino müsse ein Gegengewicht zur Politik bilden, statt deren Sprachrohr zu sein. Filmemacher sollten sich dementsprechend aus der Tagespolitik heraushalten, da sie »die Arbeit der Menschen machen« und »nicht die der Politiker«.

In einer Branche, die jahrelang darauf konditioniert war, den roten Teppich als Spielwiese für radikalen Aktivismus zu beanspruchen, löste dies ein politisches Beben aus. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zog aus der neuen Sachlichkeit die Konsequenz und sagte ihre Teilnahme an den Filmfestspielen vollständig ab. In ihrer Kritik brandmarkte sie die Weigerung zur politischen Parteinahme als moralisches Versagen.

Dieser Unmut fand sich kurz danach in einem offenen Brief von rund achtzig internationalen Künstlern und Filmschaffenden an die Berlinale wieder. Inzwischen sind es mehr als einhundert. Zu ihnen zählt auch Oscar-Preisträger Javier Bardem. Der spanische Schauspieler überschritt die Grenze zur blanken Dämonisierung schon, indem er die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte öffentlich mit dem NS-Regime gleichsetzte: »Die IDF sind Nazis«, postete er 2025 unter anderem auf Instagram.

Die Unterzeichner des aktuellen offenen Briefes geben sich »entsetzt« über das »institutionelle Schweigen« des Festivals und werfen diesem »Beteiligung an der Zensur von Künstlern« vor, »die Israels andauernden Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen ablehnen. So wie das Festival in der Vergangenheit klare Stellungnahmen zu Gräueltaten abgegeben hat, die an Menschen im Iran und in der Ukraine verübt wurden, rufen wir die Berlinale auf, ihrer moralischen Pflicht nachzukommen und ihre Ablehnung von Israels Völkermord klar zum Ausdruck zu bringen.«

Ein Festival am Abgrund

Diese Litanei erweckt den Eindruck, die Causa Palästina sei niemals zuvor auf der Berlinale thematisiert worden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Ein direkter Blick auf die 74. Berlinale genügt, um die Absurdität des Vorwurfs zu belegen. So hat die britische Schauspielerin Tilda Swinton, ebenfalls Unterzeichnerin des offenen Briefes, im Jahr 2024 im Rahmen der Berlinale-Eröffnungsgala für Aufruhr gesorgt. Während ihrer Auszeichnung mit dem Goldenen Ehrenbären zollte sie der israelfeindlichen Boykottbewegung BDS ihren Respekt. Mehrmals rief sie dazu auf, israelische Medienschaffende pauschal zu boykottieren.

Auf demselben Festival gewann der palästinensisch-norwegische Dokumentarfilm No other Land von Basel Adra, Yuval Abraham, Hamdan Ballal und Rachel Szor nicht nur den Panorama-Publikumspreis, sondern auch den Dokumentarfilmpreis. Der anderthalb Stunden lange Film widmet sich der »Vertreibung« im Westjordanland und wurde 2025 mit einem Oscar ausgezeichnet.

Noch auf der Berlinale 2024 entwickelte sich die Preisverleihung allerdings zu einem Eklat, als die Regisseure ihre Bühne für eine Invektive gegen Israel nutzten. Während sie ein Ende der deutschen Waffenlieferungen forderten, blieb jede Erwähnung des Massakers vom 7. Oktober 2023 oder der israelischen Geiseln aus. Allein diese massive Sichtbarkeit eines rein palästinensischen Narrativs auf der Hauptbühne des Festivals straft den heutigen Vorwurf des Schweigens Lügen.

Jener Moment markierte den Punkt, an dem die künstlerische Auseinandersetzung endgültig in politische Agitation umschlug. Der israelfeindliche Beifall im Saal und das Ausbleiben einer unmittelbaren Einordnung durch die damalige Festivalleitung führten zu einem immensen Reputationsschaden. Dass die Unterzeichner des aktuellen Briefes nun so tun, als gäbe es eine Zensur, ist angesichts dieser privilegierten Plattform für ihre Anliegen eine bewusste Verzerrung der Tatsachen.

Kurskorrektur

Kurz nach dem Fiasko von 2024 übernahm die Amerikanerin Tricia Tuttle die Leitung der Berlinale. Unter ihrer Amtsführung weht seither ein neuer Wind. Anstatt unter dem massiven Druck der Branche einzuknicken, vollzog sie eine Kehrtwende. Tuttle bestreitet energisch, dass Filmemacher durch die neue Linie »eingeschüchtert« oder »zum Schweigen gebracht werden«. Vielmehr gibt sie dem Jurypräsidenten Wim Wenders volle Rückendeckung für seine Forderung nach Autonomie der Kunst. Sie zeigt eine klare Haltung gegen die Vereinnahmung des Festivals durch die Free-Palestine-Community und lehnt es ab, das Programm zum Sprachrohr für einseitige Agitation zu machen.

Auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat sich nun aktiv in diese Debatte eingeschaltet. Er verteidigt die Haltung von Tuttle und Wenders mit Nachdruck gegen die Angriffe der Aktivisten. Für Weimer sei die Berlinale »keine NGO mit Kamera und Regie«, sondern muss ein Ort bleiben, an dem sich Filmschaffende frei entfalten können.

Als mehrjährige Übersetzerin der Berlinale (Pressebüro und die Filmsektion Generation) habe ich die Entwicklung des Festivals aus nächster Nähe begleitet. 2020 saß ich ich in der Dolmetscherkabine mit meinen für Farsi zuständigen Kolleginnen, als der regimekritische iranische Film Es gibt kein Böses den Goldenen Bären gewann. Der Regisseur Mohammad Rasoulof, damals unter Hausarrest im Iran, telefonierte mit seiner Tochter Baran, die in Berlin den Preis entgegennahm. Wir übersetzten das zutiefst rührende Gespräch für das Publikum. Von einem politischen Moment kann durchaus die Rede sein, aber er war, wie Rasoulofs ergreifender Streifen, ohne jegliche ideologische Stimmungsmache.

Ebenfalls bewegend war 2022 der Auftrag der Berlinale, die Studie des Instituts für Zeitgeschichte über die NS-Vergangenheit des ersten Berlinale-Direktors Alfred Bauer ins Englische zu übertragen. In einem Geist der Aufklärung wagte man sich spät, aber immerhin konsequent an das lange verdrängte Thema der nationalsozialistischen Einflüsse im deutschen Nachkriegsfilmbetrieb.

Umso tiefer saß der Schmerz, als die Berlinale 2024 gleichsam mit der Kufiya auf Tuchfühlung ging. Pro-palästinensische Akteure trugen antisemitische Antipathien wie eine Monstranz vor sich her. Zwar war ich nicht mehr für die Berlinale tätig, aber ein von mir ins Englische übersetzter österreichischer Film wurde auf dem Festival uraufgeführt, sodass ich als Anwesende zehn Tage lang miterlebte, wie der Gazastreifen das Künstlerische verdrängte.

Die Rolle von Filmfestivals in der Mitgestaltung öffentlicher Debatten ist ohne jede Frage zu begrüßen. Dazu gehören aber auch Sensibilität und ein historisch versiertes Verantwortungsgefühl. Performativer Aktivismus mit Hamas-Dreiecken und dem Symbol der blutigen Hände ist auf dieser Bühne vollkommen fehl am Platz. Solange die Berlinale auf dem roten Teppich des Zeitgeistes tanzt, tritt sie die Staatsräson mit Füßen, sodass zu hoffen bleibt, dass das Trio aus Tuttle, Weimer und Wenders nun eine echte Wende herbeiführen kann. Dieser Akt der Neuausrichtung könnte zur Vorlage für eine längst überfällige Rückkehr aus der Postkompetenz in die Professionalität des gesamten Kulturbereichs werden.

Update: Eklat bei der Abschlussgala

Natürlich müssen auf Worte auch Taten folgen. Diesbezüglich scheint es bei der Berlinale doch noch Nachholbedarf zu geben. Denn beim Eklat während der Abschlussgala am Samstagabend zeigte sich erneut das bedenkliche Antlitz der Agitprop: Abdallah Alkhatibs Film Chronicles From the Siege erhielt die Auszeichnung für das beste Spielfilmdebüt. Der Filmeschaffende prangerte auf der Bühne die deutsche Regierung an, denn sie sei Partner »des Völkermords im Gazastreifen« und drohte: »Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.«

Umweltminister Carsten Schneider (SPD) reagierte, indem er den Saal frühzeitig verließ. »Bundesminister Schneider hält diese Aussagen für nicht akzeptabel«, teilte sein Sprecher mit. Dieser Vorfall belegt, dass die Grenze zwischen Dokumentation und politischer Agitation – nicht nur – auf dem Festival längst überschritten ist. Wenn solche Entgleisungen ohne Konsequenzen bleiben, verkommt die Berlinale doch noch endgültig zum Instrument der Desinformation. Man könnte das Festival dann auch gleich umbenennen: Das Kürzel IFF Berlin kann bleiben, steht dann aber nicht mehr für »Internationale«, sondern für »Islamistische Filmfestspiele Berlin«.

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