Die iranischen Proteste im Januar wurden auf schreckliche Weise niedergeschlagen. Das Ziel der Repression war nicht die Zerstreuung der Menschenmengen; die Schergen des Regimes schossen auf die Menschen in der Absicht, Menschenjagd zu betreiben.
Negar Jokar
Die Menschen im Iran erleben derzeit Tage, von denen sie nie gedacht hätten, dass solche Ereignisse eintreten würden. Das Internet ist nur sehr schwach, weswegen viele noch immer keine Verbindung zur Außenwelt herstellen konnten. Doch selbst mit diesem tröpfchenweise funktionierenden Internet zeigen die Erzählungen, Videos und Bilder, die täglich veröffentlicht werden, dass das Ausmaß der Unterdrückung weit über das hinausgeht, das man sich in seinen schlimmsten Albträumen vorstellen kann.
In diesen Tagen warten alle darauf, dass Freunde und Familienmitglieder eine Internetverbindung herstellen und mitteilen, dass sie noch am Leben sind. Viele, die nach Tagen absoluter Dunkelheit online gehen konnten, erklärten, dass sie sich schämen, noch am Leben zu sein. Das Ausmaß des Tötens und des Massakers ist so hoch, dass jeder Mensch mindestens einen anderen kennt, der getötet oder verletzt wurde. Die Städte riechen nach Blut und Tod.
In diesen Tagen sagen alle das Gleiche: »Die Unterdrücker kamen nicht auf die Straßen, um die Menschenmengen zu zerstreuen. Sie alle hatten den Schießbefehl. Ihr Ziel war das Töten im höchstmöglichen Ausmaß. Wir haben Szenen gesehen, von denen wir nicht wissen, wie wir sie für den Rest unseres Lebens verarbeiten sollen. Sie haben getötet, sehr viele getötet. Es war, als wären sie gekommen, um Menschen zu jagen.«
Gleichzeitig blickt ein Moderator in einer Sendung des staatlichen TV-Senders Ofogh mit spöttischem Ton in die Kamera und fragt die Zuschauer: »Wo bewahrt die Islamische Republik die Leichen auf? Im Side-by-Side-Kühlschrank, in der Eismaschine oder in der Supermarkt-Gefriertruhe?« Diese Äußerungen fallen zu einer Zeit, in der es ausreicht, nur wenige Minuten in den sozialen Medien zu suchen, um die Bilder ihrer getöteten Angehörigen zu finden, die unzählige Familien geteilt haben.
Den Erzählungen der Überlebenden dieses Massakers zuzuhören, ist quälend; aber genau diese Erzählungen sind es, die bestehen bleiben und verhindern, dass das Leben von Menschen zu einer bloßen Zahl degradiert wird.
Unvorstellbare Verbrechen
Augenzeugen aus der Stadt Rascht, die vor Kurzem den Iran verlassen haben, berichten mit tiefer Trauer über das, was sie gesehen haben:
»Alles begann zunächst mit einem Streik der Ladenbesitzer aus Protest gegen die Teuerung. Jeden Tag kamen mehr Menschen auf die Straßen als am Tag zuvor. Aber ab Donnerstag, dem 8. Januar, war die Menge, die auf die Straße gekommen war, unglaublich – diesmal wollten alle auf die Straßen gehen, um zu protestieren. Das Ausmaß der Repression in den ersten Tagen der Proteste war vergleichsweise gering, aber sehr schnell änderte sich alles. Das Internet wurde immer schwächer und war schließlich ganz weg. Sogar der Handyempfang war ausgefallen. Die Möglichkeit, zu telefonieren oder SMS zu schreiben, wurde den Menschen entzogen. Das Land war in absolute Dunkelheit eingetreten.
Zugleich wurden in Rascht enorme Mengen an Ausrüstung zur Unterdrückung der Menschen herbeigebracht; jeder, der diese Ausrüstung sah, dachte, der Iran würde in einen Krieg mit einem fremden Land eintreten. Sie steckten den Basar in Brand, einen Ort, an dem einst das Leben pulsierte. Viele Ladenbesitzer hatten anlässlich des bevorstehenden Norouz (iranisches Neujahr) große Mengen an Waren gekauft und in ihren Läden gelagert. All das verbrannte, und das Vermögen der Menschen wurde im Feuer vernichtet.
In diesen Augenblicken befanden sich Menschen aller Art im Basar: Kunden, Kinder, Frauen, Männer, Demonstranten. Für die Regierungskräfte spielte das überhaupt keine Rolle. Sie zündeten den Markt an und kesselten die Menschen im Feuer ein. In diesem Feuer nahmen sie alle unter Dauerbeschuss. Jeder, der aus diesem Brand flüchten konnte, wurde zum Ziel direkter Schüsse. Genau dort gaben sie vielen Verletzten den ›Gnadenschuss‹. Doch die Menschen wichen nicht zurück. Es war eine blutige Nacht. Am nächsten Tag waren keine Repressionskräfte auf der Straße. Die Menschen waren glücklich und dachten, die Regierungskräfte seien tatsächlich zum Rückzug gezwungen worden und diesmal sei es wirklich das Ende der Regierung.
Freitagnacht kamen deshalb noch mehr Menschen auf die Straße – und das Regime verübte ein Massaker, wie wir es in unserem Leben noch nicht gesehen hatten. Bis zum nächsten Morgen hörte man ununterbrochene Schüsse, Schreie und Rufe aus allen Gassen und Straßen. In Rascht lag der Geruch von Blut in der Luft. Es flossen Bäche aus Blut in den Straßen. Wo immer man hinging, sah man die Spuren des vergossenen Blutes auf dem Boden. Als Familien bei den Sicherheitsbehörden und Leichenhallen nach ihren Verwandten suchten, wurden sie mit Bergen von Leichen konfrontiert. Die Leichen von Mädchen und Jungen lagen blutig übereinander. Es ist unbeschreiblich; solange man nicht selbst dort ist, kann man sich nicht vorstellen, womit die Familien konfrontiert wurden.«
Der ebenfalls getötete Omid Norouzi, ein 35-jähriger Künstler aus Gilan, hinterließ in einer Audiodatei, bevor er sich den Protesten angeschlossen hatte, die Nachricht: »Wenn ich nicht mehr da bin und nicht zurückkehre, falls der Iran frei wird, freut euch auch für mich.« Er habe seit vielen Jahren auf diesen Tag gewartet, sagte er mit erstickter Stimme.
Bevor in Teheran das Internet abgeschaltet wurde, wurde ein Video vom Punak-Platz veröffentlicht, das zeigt, wie Demonstranten ein Feuer entzündet hatten und junge Männer um das Feuer herum den kurdischen Tanz Kordi tanzten. Einer von ihnen, der 38-jährige Siavash Shirzad aus Bukan, sagte: »Diesmal ist es eine Revolution. Trump hat auch versprochen, uns zu helfen.« Genau in dem Moment wurde aus nächster Nähe auf die Menschen geschossen und zweiundzwanzig Personen getötet, darunter Siavash Shirzad, der in die Gerichtsmedizin von Kahrizak gebracht wurde. Nach einigen Tagen Nachforschung war die Familie schockiert, als sie in Kahrizak eintraf und dort mit Tausenden leblosen Körpern konfrontiert war.
Bäche aus Blut
Ein anderer, kürzlich aus dem Iran geflohener Berichterstatter, beschrieb seine Erlebnisse in Kahrizak so:
»Wir gingen am Samstagmorgen zur Gerichtsmedizin in Kahrizak, um einen unserer Freunde zu identifizieren. Tausende und Abertausende Menschen waren dort, um ihre Liebsten zu identifizieren. Die Menge war so groß, dass wir in den ersten Momenten nicht wussten, was geschehen war. Ich sah einen Lastwagen, aus dem Leichen entladen wurden. Ich sah mehrere kleine schwarze Hüllen. Ich war so unter Schock, dass ich nicht wusste, was diese kleinen Hüllen waren; nach ein paar Minuten begriff ich, dass in diesen kleinen Leichensäcke die leblosen Körper von Kindern lagen.
In den Hallen, in denen die Leichen aufbewahrt werden, waren die Körper in zwei Schichten übereinandergestapelt. Es war grauenhaft. Regierungsbeamte sagten zu den Familien: ›Komm und such deinen Bastard.‹ Die Familien waren gezwungen, unter Hunderten von Leichen nach dem Körper ihrer Verwandten zu suchen, was eine zusätzliche Folter für sie war. War ein Körper identifiziert, wurde er zur Waschung und Vorbereitung für die Beisetzung in das Waschhaus gebracht. Wurde ein Körper aus dem Waschhaus herausgebracht, riefen alle wie aus einem Mund: ›Tod für Khamenei!‹
Es war Mittag geworden und wir hatten unseren Freund begraben. Als wir nach Hause zurückkehren wollten, wurden immer noch Leichen mit Lastwagen herbeigebracht und die Menschenmenge vor Ort hatte sich vervielfacht. Die Regierungsbeamten genossen es, die Qual zu beobachten, die den Familien auferlegt wurde. Ich kann sie wirklich nicht als Menschen bezeichnen.«
Ein Berichterstatter aus Bandar Abbas berichtete: »Die Menschen wurden hier mit Maschinengewehren beschossen. Alle Repressionskräfte waren bewaffnet. Den Menschen wurde gedroht, dass sie ihre Häuser nicht verlassen dürften. Bandar Abbas glich einem Schlachtfeld: Auf der einen Seite protestierende Menschen mit leeren Händen und auf der anderen Seite Regierungskräfte, die bewaffnet waren und keine Gnade kannten.«
Ein Bewohner der Stadt Shahriar erlebte Ähnliches: »Die Menge an Blut, die am 8. Januar auf den Straßen von Shahriar vergossen wurde, war so groß, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes Bäche aus Blut sahen. Ich las es nicht mehr in Büchern und Geschichten, ich sah mit eigenen Augen das Blut der Kinder und der Menschen auf dem Asphalt, das eins geworden war und sich in einen Strom verwandelte. Am nächsten Tag kam die Stadtverwaltung und wusch die Straße. Das Blut wurde weggewaschen, aber die Menschen kehrten nicht mehr zurück.«
In Chorramabad war es nicht anders: »Was in Chorramabad geschah, war im wahrsten Sinne des Wortes ein Blutbad. Die Revolutionsgarde schoss in die Menge der Demonstranten und tötete viele von ihnen. Personen, denen in diesem Moment die Flucht gelang, wurden verfolgt und ebenfalls getötet. Sogar Kinder wurden getötet. Aus Maschhad und Sabzevar gab es ähnliche Berichte. Tagelang wurde den Menschen nicht erlaubt, nachts ihre Häuser zu verlassen. Tatsächlich war eine Art Kriegsrecht verhängt worden. Verließ jemand aus irgendeinem Grund das Haus, selbst um nur den Müll zu entsorgen, wurde er zum Ziel direkter Schüsse der Regierungskräfte.«
Den Berichten zufolge befanden sich viele Agenten unter den Demonstranten, die gemeinsam mit ihnen Parolen riefen, aber nach einer Weile begannen sie, aus der Menge heraus aus kürzester Distanz auf die Menschen zu feuern. Außerdem waren zahlreiche Scharfschützen in den Städten stationiert und schossen gezielt auf die Menschen.
Beispielloses Massaker
Die Regierungskräfte setzten verschiedene Arten von Kriegswaffen zur Niederschlagung der Proteste ein. Familien wurden von Sicherheitsbehörden unter Druck gesetzt, wenn sie die Leichen ihrer Verwandten zurückerhalten wollten. So verlangten Regierungsbeamte von ihnen horrende Summen als »Kugelgeld«. In vielen Fällen wurden die Familien zudem gezwungen, Dokumente zu unterschreiben, wonach ihr Angehöriger ein »Basidschi«, also ein Mitglied der Regimemiliz, gewesen sei. Einige Familien bewahrten die Leichen die ganze Nacht über in ihren Häusern auf, damit sie nicht von den Regierungskräften geraubt wurden und begruben sie zum Teil heimlich in ihren Gärten.
Der iranisch-deutsche Augenchirurg und Leiter des Augenzentrums München Amir Mobarez Parasta, dessen Berichte von Nachrichtenagenturen und Zeitungen wie der Sunday Times und Sky News herangezogen wurden, legte eine sehr vorsichtig kalkulierte Statistik vor, laut der mindestens 33.000 Demonstranten getötet wurden, wobei diese Zahl auf bis zu 60.000 ansteigen könnte. Wie Parasta erklärte, habe er Informationen und Statistiken über Hinrichtungen aus Teheran, Maschhad, Schiras und Qom erhalten, wo, basierend auf den bisher gesammelten Informationen, von Beginn der Proteste an bis heute Hunderte Menschen hingerichtet wurden.
Was im Iran geschehen ist, ist ein beispielloses Massaker. Unter den leblosen Menschen, die in den Leichenhallen aufbewahrt werden, sind auch verbrannte Körper zu sehen. Zudem ist offensichtlich, dass viele Verletzte, während sie noch am Leben waren, aus den Krankenhäusern entführt und durch einen Schuss in den Kopf getötet wurden. An diesen Körpern sind zum Teil noch medizinische Gerätschaften wie Elektroden usw. befestigt.
Die dokumentierten Berichte und die von dem Netzwerk ehrenamtlicher Ärzte und Amir Parasta vorgelegten Statistiken enthüllen die grauenhaften Dimensionen einer Katastrophe, bei der Menschen zu Zielen für Schießübungen und Hetzjagden wurden. Die Erzählungen der Überlebenden von den Bächen aus Blut in Shahriar, dem in Flammen stehenden Basar in Rascht und den Lkw-Ladungen voller Leichen in Kahrizak sind Zeugnis für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Diese Erzählungen sind mehr als bloße Zahlen; sie sind der Schrei des erwachten Gewissens einer Gesellschaft, die Widerstand gegen das Vergessen leistet, damit das auf dem Straßenpflaster vergossene Blut niemals aus dem Gedächtnis der Geschichte gelöscht wird.






