Belagertes Hoceima: Zwei Jahre nach den Massenprotesten in Marokko

Proteste 2016 in Hoceima (Quelle: Twitter)

„Der erste Eindruck aus der Ferne: Hoceima muss gefährlich sein. Dass die Küstenstadt näher rückt, merkt man daran, dass die Straßensperren der Polizei immer dichter stehen. Die Berge des Rif im Norden Marokkos waren schon immer eine aufrührerische Gegend. (…) Die Behörden fahren hier größtmögliche Sicherheitsmaßnahmen auf. Ein Zeltlager aus schwarzen Militärjurten mitten in der Stadt vermittelt das Gefühl: Polizei und Militär haben alles unter Kontrolle. (…) Bis zum Sommer 2017 gingen in Hoceima Tausende von Menschen auf die Straße. Dann führten die Behörden Verhaftungswellen durch. Heute sitzen die meisten Mitglieder des Hirak [der ‚Bewegung‘]  im Gefängnis oder sind auf der Flucht. Die letzten Aufrührer auf freiem Fuß sind nicht sehr furchteinflößend: ein Haufen Studentinnen und Studenten. (…) Eine der ersten Anschuldigungen, um die Bewegung im Rest des Landes zu diskreditieren, war die des Separatismus. (…)

Der Student Mohammed Annaimi sagt ganz klar: ‚Wir sind alle Marokkaner. Punkt. Was wir wollen, können alle Leute in Marokko fordern.‘ So wie er denken viele der jüngeren Aktivisten des Hirak. Sie durchschauen die Versuche, die Gesellschaft zu spalten. Bei den Protesten trugen einige von ihnen die marokkanische Nationalflagge und Porträts des Königs mit sich, um keinen Zweifel an ihrer Gesinnung aufkommen zu lassen. Verhaftet wurden sie dennoch.

Das ist das eigentliche Problem, das der Makhzen [die, die in Marokko die Macht haben] mit der Bewegung hat: Sie ist in großen Teilen gar nicht Rif-typisch. Ihre politischen Anliegen sind solche, wie sie Leute überall in Marokko haben. Deshalb sprang der Funke der Massenproteste ab 2016 auch schnell auf die großen Städte über, auf Casablanca, Rabat, Tanger, Fes. Überall solidarisierten sich die Leute mit den Rifianerinnen und Rifianern. Aktivistinnen genauso wie einfache Leute, Junge, Alte, Arme und Reiche. Menschenrechtsorganisationen bekannten sich zum Hirak, auch solche, die sich für politische Minderheiten einsetzen, oder die, die am Arabischen Frühling von 2011 beteiligt gewesen waren. Sogar die marokkanische #MeToo-Bewegung unterstützt den Hirak.

‚Neue Proteste könnten ins ganze Land strahlen, wie 2016‘, das denkt auch der Philosophielehrer Jamal Mahdali. Denn im Grunde bewegt viele Marokkanerinnen und Marokkaner dasselbe: Sie fordern grundsätzliche Rechte und Freiheiten für alle. So grundsätzlich wie ein Ende der Polizeigewalt, ein Spital, eine Universität und ein paar Fabriken.“ (Susanne Kaiser: „In Hoceima schlägt das Herz der Protestbewegung Marokkos. Deshalb lässt die Regierung die Stadt seit zwei Jahren vom Militär belagern“)

Schreiben Sie einen Kommentar


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login