Bekennender Homosexueller will Tunesiens nächster Präsident werden

Quelle: Facebook

„Trotz der aufgeheizten Stimmung bleibt [Mounir] Baatour der erste offen schwule Mann, der in einem muslimischen Land für das Präsidentenamt kandidiert und sich unnachgiebig auf die bevorstehende Aufgabe konzentriert. Der Weg, der zur Wahl im November führt, verspricht kein leichter zu werden. Homosexualität selbst ist in Tunesien nicht illegal, deren Ausübung jedoch schon. Diese Unterscheidung hat es dem Anwalt Baatour ermöglicht, die Interessengruppe Shams zu gründen. Zusammen mit anderen, setzt sich die Gruppe für die Aufhebung des französischen Kolonialrechts ein, das Analverkehr verbietet.

Ebenso werden rechtliche Beschränkungen, die ‚Verbrechen gegen den öffentlichen Anstand‘ unter Strafe stellen, häufig zur Verfolgung der LGBT-Bevölkerung des Landes herangezogen. Diese Gesetze verbleiben im Visier von Baatour und anderen Menschenrechtsaktivisten. Darüber hinaus nutzt die Polizei die bestehenden Erlasse, um beispielsweise erzwungene Analuntersuchungen zum Beweis für sexuelle Handlungen durchzuführen. Dies wird durch eine Justiz und ein politisches Establishment unterstützt, die seit langem in der Kunst des Wegsehens geübt sind. Im Februar erhielt ein junger Mann aus der Küstenstadt Sfax eine achtmonatige Haftstrafe wegen der Ausübung homosexueller Handlungen, nachdem gemeldet wurde, dass er von zwei anderen Männern vergewaltigt wurde. Derlei Vorfälle finden in Tunesie sehr häufig statt. ‚Ich bin offen homosexuell,‘ sagt Baatour. ‚Ich hatte vor 20 Jahren mein Coming-Out. Ich wurde im Jahr 2013 wegen Sodomie zu drei Monaten Gefängnishaft verurteilt. Es ist keine Schande für mich. Es ist keine Schande für irgendjemanden von uns.’

Baatour, seine Vereinigung und seine relativ randständige liberale Partei sind Kinder der Revolution in Tunesien. In den Jahren unmittelbar nach 2011, bildeten sich eine Reihe von Schwulenrechtsgruppen, angeführt von Baatours eigener Vereinigung Shams und forderten die Aufhebung der Gesetze gegen Homosexuelle. Doch sogar hier hat das Auftreten von Shams zu Spaltungen geführt. Die tunesische Koalition für LGBT-Rechte hat im vergangenen Jahr eine Erklärung abgegeben, in der sie sich von Shams und seinem Präsidenten distanziert – ein Schisma, das Baatour seiner Offenheit gegenüber einer möglichen Normalisierung der Beziehungen zu Israel zuschreibt. Dies ist ein Vorschlag, der für viele tunesische Linke ein Gräuel ist.

Ironischerweise fand gleichzeitig zum Aufschwung der meisten dieser LGBT-Gruppen auch ein Aufschwung des Islamismus in Tunesien statt, im Zuge dessen die gemäßigte islamistische Ennahda-Partei, mit der radikalen Ansar al-Sharia um die politischen Seelen der religiösen Mehrheit Tunesiens wetteiferte. (…) In Bezug auf Homosexualität reichen die konservativen Gefühle tiefer [als bloß in die islamistische Bevölkerungsgruppe]. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Arab Barometer vom Juni 2019 ergab, dass nur 7 Prozent der Tunesier Homosexualität gutheißen. Dies spiegelt sich in der Rhetorik einiger populistischer Rivalen Baatours um die Präsidentschaft wider. Der Rechtsprofessor Kais Saied – der in den Wahlumfragen knapp den zweiten Platz belegt – deutete an, dass es eine ausländische Verschwörung gäbe, die die Förderung der Verbreitung von Homosexualität im Land zum Ziel habe.(Simon Speakman Cordell: „Meet the man hoping to become the Muslim world’s first openly gay president“)

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