Während die Regierung in Pretoria Israel auf internationaler Bühne scharf kritisiert, ist Südafrika gleichzeitig zum wichtigsten Kohlelieferanten des Landes aufgestiegen.
Anti-Israel-Aktivisten ziehen seit Jahren bevorzugt Parallelen zwischen dem heutigen Israel und dem Südafrika der Apartheid, um international gegen den jüdischen Staat zu mobilisieren. Das geht so weit, dass ein verurteilter Mörder zum »palästinensischen Mandela« stilisiert wird.
Der Vergleich mit dem Apartheidregime soll strategisch wirkungsvoll sein, weil die Apartheid weltweit als historisch eindeutig verurteilt gilt und Boykott-, Sanktions- und Isolationsforderungen von einer breiten Gemeinschaft getragen wurden. So soll auch Israel isoliert, geächtet und an den Pranger gestellt werden, wenn es nach den Boykottaktivisten geht.
Da trifft es sich aus deren Sicht gut, dass in Südafrika mit dem ANC eine Partei regiert, die sich seit etwa dem Jahr 2000 und der zweiten Intifada der radikalen Opposition gegen Israel verschrieben hat. Dies fiel in dieselbe Phase, in der die Partei durch Korruptionsskandale, wirtschaftlichen Niedergang und Vertrauensverlust an Legitimität in der Bevölkerung verlor.
Sündenbockpolitik gegen Israel – insbesondere mit Verweis auf Apartheid-Analogien – entwickelte sich damit zunehmend auch zu einem politischen Ersatznarrativ, das Aufmerksamkeit band und innenpolitische Defizite überlagerte. Eine ähnliche Funktion also, wie die Anti-Israel-Propaganda auch zum Beispiel für die Assad-Dynastie in Syrien hatte. Das zeigt, dass man geografisch kein Frontstaat sein muss, um so zu tun, als sei man im Krieg mit Israel.
Ausgerechnet Südafrika?
Auch auf der internationalen Bühne spielt Südafrikas Regierung eine Hauptfigur bei der Anklage Israels. Dabei gehört Südafrika selbst zu den gewalttätigsten Nicht-Kriegsstaaten der Welt. Im Jahreszeitraum vor dem 31. März 2024 wurden nach Angaben der südafrikanischen Polizei mehr als 27.600 Menschen ermordet, darunter 5.578 Frauen und 1.656 Kinder. Weltweit wurden im Jahr 2023 nach Angaben des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) etwa 1,3 Frauen pro 100.000 Einwohnerinnen von einem Intimpartner oder einem Angehörigen getötet. Der Südafrikanische Medizinische Forschungsrat (SAMRC) stellte fest, dass die Rate im ersten Jahr der Covid-19-Pandemie bei 5,5 lag.
Cameron Kasambala, Community-Manager der Advocacy-Gruppe Women For Change, sagt: »Frauen sterben, egal, was sie tun. Sie wurden im Schlaf erstochen, am helllichten Tag erschossen und ihre Häuser von früheren Partnern niedergebrannt.«
Gleichzeitig erlebt das von korrupten Cliquen regierte Südafrika seit Jahren einen schleichenden, inzwischen offen zutage tretenden Niedergang seiner öffentlichen Infrastruktur, der weite Teile des Alltags und der Wirtschaft erfasst hat. Regelmäßige Stromabschaltungen, marode Schienennetze, ineffiziente Häfen sowie undichte Wasser- und Abwassersysteme sind nicht länger Ausnahmen, sondern Symptome eines strukturellen Staatsversagens.
Besonders sichtbar ist die Krise beim staatlichen Energieversorger Eskom, dessen veraltete Kraftwerke und jahrelang vernachlässigte Wartung zu anhaltendem »Load Shedding« führen, dem Abschalten von Netzlast- zur Laststeuerung im Stromnetz. Doch auch auf kommunaler Ebene bröckeln Straßen, Müllabfuhr und Abwasserentsorgung. Analysten führen den Verfall vor allem auf Korruption, politische Kaderpolitik und chronischen Investitionsmangel zurück – mit der Folge, dass sich immer mehr wohlhabende Haushalte und Unternehmen in private Parallelstrukturen wie Solaranlagen, Generatoren oder eigene Sicherheitsdienste zurückziehen, während der öffentliche Raum weiterhin verfällt.
Was tut Südafrikas Regierung? Sie beschuldigt Israel und hat Ende 2023 vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) Klage gegen Israel eingereicht und wirft dem Land einen Verstoß gegen die Völkermordkonvention im Gaza-Krieg vor. Die Klage wurde von mehreren Staaten politisch unterstützt, darunter zunächst auch Nicaragua, das sich demonstrativ an die Seite Pretorias stellte. Anfang 2025 zog Nicaragua seine Unterstützung jedoch wieder zurück – offiziell ohne ausführliche Begründung, faktisch aber nach wachsender internationaler Kritik an der juristischen Substanzlosigkeit der Vorwürfe und an der Politisierung des Verfahrens. Der Rückzug unterstrich, dass es selbst unter Israels schärfsten Kritikern keine geschlossene Front für den südafrikanischen Vorstoß gab.
Handel mit dem »Feind«
Aber Südafrika zumindest steht noch fest an der Seite der Israelfeinde – oder doch nicht? Nicht, wenn es um Kohle geht. Nachdem Kolumbien im Jahr 2024 seine Kohleexporte nach Israel aus politischen Gründen ausgesetzt hat, ist Südafrika zum wichtigsten Lieferanten des Landes aufgestiegen. Handels- und Schifffahrtsdaten zeigen, dass südafrikanische Produzenten die entstandene Lücke rasch füllten und ihre Lieferungen deutlich ausweiteten, während die Regierung in Pretoria Israel auf internationaler Bühne scharf kritisiert.
Diese Entwicklung macht die Widersprüchlichkeit der südafrikanischen Israel-Politik sichtbar: Während der ANC die Klage vor dem Internationalen Gerichtshof vorantreibt und sich rhetorisch an die Spitze der Israel-Kritiker stellt, profitiert die südafrikanische Kohleindustrie zugleich wirtschaftlich vom Wegfall kolumbianischer Exporte.
Im August 2024 kündigte der kolumbianische Präsident Gustavo Petro, der für seine Anti-Israel-Tiraden gern pseudobiblische Bilder wie das von Jesus als Palästinenser und Netanjahu als Herodes benutzt, an, seine Regierung werde die Kohleexporte nach Israel offiziell einstellen. Zur Begründung verwies er darauf, dass kolumbianische Kohle bei der Herstellung von Waffen verwendet werde, die Israel bei seinen Militäroperationen im Gazastreifen einsetze. »Kolumbianische Kohle wird benutzt, um Bomben herzustellen, mit denen palästinensische Kinder getötet werden«, schrieb Petro damals auf X.
Doch dann geschah ein Wunder. Nachdem Kolumbien im August 2024 den Export von Kohle nach Israel vollständig eingestellt hatte, stieg ausgerechnet Südafrika zum wichtigsten Lieferanten des Landes auf. Südafrikanische Kohleexporte nach Israel wuchsen in Folge um 87 Prozent auf etwa 474.000 Tonnen, nachdem kolumbianische Lieferungen in diesem Zeitraum auf null gesunken waren. Insgesamt erreichten Israels Kohleimporte in diesem Zeitraum 667.442 Tonnen, den höchsten Stand seit 2017, wobei ein großer Teil dieser Lieferungen aus Südafrika stammte. Für das Gesamtjahr 2025 wird erwartet, dass Südafrika rund 55 Prozent von Israels seebasiertem Kohlebedarf deckt, mehr als dreimal so viel wie noch 2024.
Ein anderes Beispiel für erklärte Feinde Israels, die dennoch gern mit dem jüdischen Staat Handel treiben, ist die Türkei. Sie war 2024 hinter China, den USA, Deutschland und Italien der weltweit fünftgrößte Exporteur von Waren nach Israel mit einem Volumen von fast drei Milliarden Dollar.
Schon der als Begründer der klassischen Nationalökonomie geltende Adam Smith (1723–1790) schrieb dem Handel eine zivilisierende und friedensfördernde Wirkung zu, allerdings nicht in romantischer, sondern in nüchtern-ökonomischer Weise. Seine zentrale Idee war, dass die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit Gewalt zügelt, Regelbindung fördert und rohe Macht durch Interesse ersetzt. In The Wealth of Nations (1776) beschrieb er, dass Handel die Menschen dazu bringt, die Interessen anderer zu berücksichtigen, weil Wohlstand nicht mehr durch Raub oder Zwang entsteht, sondern durch freiwilligen Tausch: »Nicht aus dem Wohlwollen des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers erwarten wir unser Abendessen, sondern aus ihrem Blick auf ihr eigenes Interesse.«






