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»Wir müssen Begegnungen schaffen und Desinformation entgegentreten«

Anika Schmütz im Mena-Watch-Interview: »Wir müssen Begegnungen schaffen und Desinformation entgegentreten«
Anika Schmütz im Mena-Watch-Interview: »Wir müssen Begegnungen schaffen und Desinformation entgegentreten« (© Lasse Schauder)

Anika Schmütz ist seit Kurzem Bundesvorsitzende des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und beruflich für einen Abgeordneten des Hessischen Landtags tätig. Im Gespräch mit Elisa Mercier spricht sie über ihre Ziele für die Amtszeit, die Bedeutung des deutsch-israelischen Austauschs und die Projekte, die sie gemeinsam mit den rund 1.700 Mitgliedern des Jungen Forums voranbringen möchte.

Elisa Mercier (EM): Sie haben gerade den Bundesvorsitz des Jungen Forums (JuFo) der Deutsch-Israelischen Gesellschaft übernommen. Welche Themen und Projekte möchten Sie besonders voranbringen?

Anika Schmütz (AS): Wir haben verschiedene große Themenfelder, auf die wir uns verstärkt konzentrieren wollen. Ein zentraler Bereich sind Begegnungen und der Austausch mit Israel. Wo immer möglich, möchten wir Delegationsreisen fördern und bilaterale Austauschprogramme zwischen jungen Erwachsenen aus Deutschland und Israel unterstützen. Dort, wo direkter Austausch nicht möglich ist, setzen wir auf kulturelle Formate wie Kulturabende, Musikveranstaltungen oder Vorträge.

Zudem wollen wir unsere Ortsgruppen dabei unterstützen, israelische Künstlerinnen und Künstler sowie Referentinnen und Referenten einzuladen und so Begegnungen zu ermöglichen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Unterstützung von Projekten vor Ort, die Verbindungen nach Israel schaffen. Das JuFo ist in mehr als fünfzig Städten vertreten. Die meisten Menschen finden nicht über die Bundesebene zu uns, sondern über lokale Aktivitäten, Social Media und insbesondere über engagierte Gruppen vor Ort. Deshalb wollen wir diese Arbeit gezielt stärken.

EM: Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich die Debatte über Israel und Antisemitismus in Deutschland spürbar verändert. Welche Auswirkungen beobachten Sie besonders an Universitäten und unter jungen Erwachsenen?

AS: Ich habe kürzlich den Satz gelesen, Gaza sei das Vietnam der heutigen Generation von Studierenden. Das kann ich aus meiner Erfahrung durchaus nachvollziehen. An meiner Universität habe ich erlebt, dass man an diesem Thema kaum vorbeikommt, auch wenn man selbst nicht stark politisiert ist. Studierende werden quasi gezwungen, Position zu beziehen. Das ist auch in vielen politischen Organisationen so, eben auch in solchen, die sich nicht mit Außenpolitik beschäftigen. Gleichzeitig erleben wir seit dem 7. Oktober 2023 eine starke Welle von Propaganda und antisemitischem Hass, die sich vor allem über soziale Medien verbreitet.

Gesellschaftliche Herausforderung

EM: Welche Narrative über Israel begegnen Ihnen unter jungen Menschen derzeit besonders häufig? Und wie wollen Sie ihnen begegnen?

AS: Häufig begegnen mir Begriffe wie »Genozid«, »Apartheid«, »Siedlerkolonialismus« oder »Nakba«. Oft handelt es sich um Schlagworte, hinter denen wenig historisches oder politisches Hintergrundwissen steht. Wenn ich von meinem Engagement in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft erzähle und mit jungen Menschen ins Gespräch komme, begegnen mir häufig genau diese Begriffe. Aussagen wie »Es ist doch ein Genozid« werden oft übernommen, ohne dass sie auf wirklichem Wissen beruhen.

Ein weiteres verbreitetes Narrativ lautet: »Beide Seiten sind problematisch.« Dieses »beide Seiten« unterstellt die Symmetrie zweier vermeintlich geleichartiger Konfliktparteien. Daraus folgt eine implizite Gleichsetzung zwischen dem israelischen Staat und der Terrororganisation Hamas, die Israel offen vernichten will und das Leid der eigenen Bevölkerung strategisch in Kauf nimmt. Diese vermeintlich neutrale Haltung relativiert in Wahrheit den Terrorismus der Hamas. Deshalb ist Aufklärung für mich zentral. Wir müssen Narrative aufgreifen, ihren möglichen Wahrheitskern prüfen, aber auch klar benennen, wo Propaganda beginnt und wie Desinformation wirkt.

EM: Viele junge Menschen informieren sich heute vor allem über soziale Medien. Welche Rolle spielen Plattformen wie Instagram oder TikTok bei der Verbreitung von Fehlinformationen über Israel – und wie kann man gegensteuern?

AS: Soziale Medien sind für viele junge Menschen die wichtigste Informationsquelle. Deshalb wollen wir als Junges Forum verstärkt Social Media nutzen, auch mit Videoformaten, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Gleichzeitig fördern ihre Algorithmen oft Polarisierung, während differenzierte Inhalte weniger Aufmerksamkeit erhalten. Das ist ein strukturelles Problem. Daher habe ich nicht die Illusion, dass wir der gezielten Desinformation durch große islamistische Akteure, wie die Muslimbruderschaft und ihre Netzwerke oder Staaten wie den Iran, vollständig etwas entgegensetzen können.

Glücklicherweise wird das Thema Desinformation im Zusammenhang mit Russland inzwischen häufiger diskutiert. Weniger Aufmerksamkeit erhält hingegen weiterhin die gezielte Verbreitung von Antisemitismus und Israelhass über digitale Kanäle. Das sollte stärker als gesamtgesellschaftliche Herausforderung verstanden werden, die auch Fragen der Plattformregulierung betrifft. Trotzdem lohnt sich die Arbeit. Wenn wir als Junges Forum einzelne Menschen erreichen, die ihrerseits andere zum Nachdenken anregen, ist bereits etwas gewonnen.

EM: Wie könnten Themen wie Völkerverständigung und die deutsch-israelische Freundschaft für junge Menschen ohne direkten Bezug zu Israel wieder greifbarer werden?

AS: Für junge Menschen ohne familiären oder persönlichen Bezug zu Israel gibt es verschiedene Ansatzpunkte. Wichtig ist zunächst, die historischen und kulturellen Verbindungen zwischen jüdischem Leben und Deutschland sichtbarer zu machen. In vielen Städten gibt es entsprechende Anknüpfungspunkte, die stärker ins Bewusstsein gerückt werden sollten. Auch kulturell und intellektuell bestehen zahlreiche Bezüge. Ich habe Philosophie studiert und wer sich etwa mit deutscher Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigt, erkennt schnell, wie eng sie mit jüdischen Denktraditionen verbunden ist.

Darüber hinaus brauchen wir konkrete Begegnungen. Viele deutsche Städte haben bereits Partnerschaften mit israelischen Kommunen. Diese sollten stärker mit Leben gefüllt werden – durch Projekte, Austauschprogramme und persönliche Begegnungen. Der wichtigste Faktor bleibt aus meiner Sicht der direkte Austausch. Junge Menschen sollten wieder stärker die Möglichkeit haben, Israel kennenzulernen. Gleichzeitig müssen israelische Perspektiven und Kultur in Deutschland sichtbarer werden.

Im Gewand des Mitgefühls

EM: Sie sind aktives Mitglied der Grünen. In Teilen der politischen Linken wird der Umgang mit Israel sehr kontrovers diskutiert. Warum fällt es manchen Linken schwer, antisemitische Narrative zu erkennen, wenn sie sich auf Israel beziehen?

AS: Das ist eine komplexe Frage. Ich möchte mich auf einen Aspekt fokussieren: Was mir seit dem 7. Oktober besonders auffällt, ist die starke Emotionalisierung durch sichtbares Leid, etwa in Gaza. Das ist zunächst nichts Negatives. Problematisch wird es, wenn dieses Leid durch Fehlinformationen oder bestimmte Narrative so gerahmt wird, dass sehr schnell ein eindeutiges Täterbild entsteht und so die spontane Empörung echtes Urteilen ersetzt.

Im linken politischen Spektrum gibt es oft ein starkes, ehrenwertes Selbstverständnis als Anwalt der Schwachen und Unterdrückten. Wird Israel dabei vor allem als militärisch starke Macht wahrgenommen, entsteht leicht das Narrativ, Israel trage die Verantwortung für sämtliche Entwicklungen im Konflikt. Das Schwierige dabei ist, dass Antisemitismus heute kaum noch offen auftritt, sondern im Gewand der Israelkritik, manchmal sogar des Mitgefühls. Deshalb ist er oft schwerer zu erkennen. Aufmerksam werden sollte man immer dann, wenn die Empörung nur eine Richtung kennt, wenn beispielsweise die Hamas in der Kritik gar nicht mehr vorkommt.

EM: Wenn Sie in fünf Jahren auf Ihre Amtszeit zurückblicken: Woran würden Sie erkennen, dass Ihre Arbeit erfolgreich war?

AS: Erfolg definiert sich für mich weniger über einzelne Projekte. Der Kampf gegen Antisemitismus und Israelhass ist ein sehr großes Feld. Entscheidend ist für mich, Verbindungen zu schaffen und bestehende Strukturen zu stärken – sowohl innerhalb des JuFo als auch im Netzwerk der Organisationen und Bündnisse gegen Antisemitismus in Deutschland. Wenn ich es schaffe, andere bei Projekten zu unterstützen und Kooperationen anzustoßen, die sie oder ich allein nicht hätten verwirklichen können, wäre das für mich definitiv ein Erfolg. Ebenso, wenn ich Menschen dazu inspirieren kann, sich intensiver mit Israel auseinanderzusetzen und sich Antisemitismus entgegenzustellen.

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