Befeuert eine genealogische Datenbank den Rassismus in der Türkei?

Wandspruch gegenüber einer armenischen Kirche: „Du bist entweder Türke oder ein Bastard!“ (Quelle: By Murad Mihci, CC BY-SA 3.0)

„Lange Zeit galt als offizielle Linie, dass die Türken in der Türkei eine einheitliche ethnische Identität hätten. Doch vor knapp zwei Wochen, am 8. Februar, wurden die Einwohnerregister der Öffentlichkeit über eine genealogische Datenbank offiziell zugänglich gemacht. Das System stürzte angesichts der Nachfrage rasch ab. Manche, die stets mit ihrer ‚rein’ türkischen Herkunft geprahlt hatten, waren schockiert herauszufinden, dass sie tatsächlich andere ethnische oder religiöse Wurzeln haben. Bedrohlich ist allerdings, dass Kommentare wie ‚Kryptoarmenier, Griechen und Juden im Land werden nun enttarnt’ oder ‚Verräter werden endlich etwas über ihre Herkunft erfahren’ in den sozialen Medien weit verbreitet sind. Die Genealogie ist in der türkischen Gesellschaft stets ein beliebtes Gesprächsthema gewesen, wurde aber auch wiederholt als ein Mittel zur gesellschaftlichen und politischen Spaltung eingesetzt. Familien haben oft im privaten Rahmen eingeräumt, dass sie armenischer Abstammung seien, oder dass ein längst verstorbener Verwandter zum Islam übergetreten sei, doch derlei Unterhaltungen blieben vertraulich. Konvertit zu sein, war in der Türkei ein nicht zu behebender Makel. (…)

Die gesellschaftliche Einstellung wurde dramatisch illustriert, als Präsident Recep Tayyip Erdogan sich einst beschwerte, dass ‚wir beschuldigt werden, Juden, Armenier oder Griechen zu sein’. Manche befürchteten, die in den Einwohnerregistern ermittelten Daten könnten als Munition bei politischen Rufmordkampagnen eingesetzt werden, oder um berühmte Persönlichkeiten zu stigmatisieren. Als die Datenbank abstürzte, sprachen sie sich dafür aus, sie nicht wieder zugänglich zu machen. Zu ihnen gehört Tayfun Atay, ein Kolumnist bei der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet. (…) Während die Debatte noch tobte, wurde das System am 14. Februar plötzlich wieder hochgefahren. (…) Diejenigen, die sich gegen das System aussprechen befürchten, der ohnehin schon vorhandene Rassismus in der Gesellschaft werde noch zunehmen. Andere halten dagegen, die Konfrontation mit der Wirklichkeit könne einen Schock bewirken und vielleicht zur Überwindung des Rassismus beitragen. (…) Agos hatte 2013 berichtet, die Regierung würde die Minderheiten in den Bevölkerungsregistern heimlich kennzeichnen: Griechen mit einer 1, Armenier mit einer 2 und Juden mit einer 3. Diese verdeckte Kennzeichnung religiöser Minderheiten löste weit verbreitete Empörung aus.“ (Fehim Tastekin: „Turkish genealogy database fascinates, frightens Turks“)

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