Die wirtschaftliche Lage der Islamischen Republik war schon vor dem Krieg desaströs. Im schlimmsten Fall droht jetzt der völlige Zusammenbruch.
In einem aufschlussreichen Artikel auf Iran International stellt der Saeed Ghasseminejad, Iran-Experte der amerikanischen Foundation for Defense of Democracies, drei Szenarien für die kurzfristige ökonomische Perspektive der Islamischen Republik vor.
Die iranische Wirtschaft stand schon vor dem am 28. Februar begonnenen Krieg am Rande des Abgrunds. Ende 2025 lag die Inflation bei über 50 Prozent, die staatliche Währung Rial hatte erheblich an Wert verloren, und das Bankensystem stand unter sichtbarer Belastung, insbesondere durch den Zusammenbruch der Bank Ayandeh. Diese Belastungen hatten die Kaufkraft der Haushalte bereits geschwächt und die Wirtschaftstätigkeit stark beeinträchtigt.
Die anhaltende Abwertung der Währung, bei der der Rial bis Ende 2025 in weniger als 20 Tagen mehr als 20 Prozent an Wert verlor, sowie die sich verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen gehörten zu den Auslösern der breiten Anti-Regime-Proteste im Jänner 2026, die nur mit brutaler Gewalt niedergeschlagen werden konnten Schätzungen zufolge ermordete das Regime im Zuge dessen binnen nur zweier Tage rund 30.000 Menschen.
Auswirkungen des Krieges
In dieser angespannten Lage hat der Krieg eine weitere drastische Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation bewirkt. Der zunehmende Druck durch Inflation, Währungsabwertung und die massiven Schäden in Schlüsselindustrien hat die schon zuvor herrschende Krise dramatisch verschärft.
Der Krieg hat Ghasseminejad zufolge vor allem die wichtigsten Einnahmequellen des Landes schwer getroffen. In der petrochemischen und der Metallindustrie kam es zu erheblichen Schäden an Infrastruktur und Produktionsanlagen. Diese Branchen hatten zuvor Exporterlöse in zweistelliger Milliardenhöhe erzielt, sind nun jedoch stark eingeschränkt.
Doch dies sind keineswegs die einzigen Branchen, die vom Krieg betroffen sind. In der Landwirtschaft führen Engpässe bei Düngemitteln und gestörte Lieferketten zu sinkender Produktion. Der Bausektor verlangsamt sich deutlich, während die Automobilindustrie unter Rohstoffmangel leidet. Zusätzlich verschärfen innenpolitische Maßnahmen die Lage, die das Regime gesetzt hat, um ein Wiederaufflammen von Protesten im Land im Keim zu ersticken. Die weitgehende Blockierung des Internets beeinträchtigt Unternehmen massiv und verursacht täglich hohe wirtschaftliche Verluste. Gleichzeitig gerät das Finanzsystem weiter unter Druck, da Banken Kredite einschränken und das Vertrauen sinkt.
Für die Bevölkerung verschlechtert sich die Lage spürbar. Steigende Preise, sinkende Einkommen und eingeschränkter Zugang zu Krediten führen dazu, dass viele Haushalte ihre Ausgaben reduzieren. Da der private Konsum etwa die Hälfte der Wirtschaftsleistung ausmacht, verstärkt dies den wirtschaftlichen Abschwung zusätzlich. Die Folge sind steigende Arbeitslosigkeit und ein deutlicher Rückgang des Lebensstandards im ganzen Land.
Drei Szenarien
Iran-Experte Ghasseminejad geht für die nächsten zwei bis vier Monate von einer weiteren Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der Islamischen Republik aus. Diese wird von hoher Inflation, steigender Arbeitslosigkeit, sinkenden Realeinkommen und erheblichen Belastungen in Schlüsselindustrien, im Außenhandelssektor und im Finanzsystem charakterisiert.
Die möglichen Zukunftsszenarien sind davon abhängig, was in den nächsten Wochen geschehen wird: Ob der Waffenstillstand hält oder aber es zu einer Wiederaufnahme des Krieges kommen wird, beeinflusst selbstverständlich die Prognosen.
Ghasseminejad stellt drei mögliche Szenarien vor.
Szenario Nummer 1: Bliebe es bei einem Waffenstillstand mit einer Öffnung der Straße von Hormus, dürfte sich die wirtschaftliche Lage weiter, allerdings schrittweise, verschlechtern. Die Ölexporte würden eingeschränkt weiterlaufen und für begrenzte Deviseneinkünfte sorgen. Die Inflation bliebe aufgrund der Währungsschwäche und wegen Versorgungsengpässen auf dem derzeit hohen Niveau.
Die Kriegsschäden und Nachschubprobleme würden dafür sorgen, dass die industrielle Produktion weit unterhalb der Kapazitätsgrenze bliebe. Das Bankensystem würde weiter unter Druck stehen, aber nicht vor einem unmittelbaren Zusammenbruch. Verfügbare staatliche Ressourcen würden nicht in erster Linie zur Stärkung der Wirtschaft, sondern für die Wiederaufrüstung investiert werden.
Szenario Nummer 2: Bliebe der Waffenstillstand bestehen, aber die Straße von Hormus durch eine amerikanische Seeblockade gesperrt, würde sich die wirtschaftliche Lage im Iran deutlich verschärfen. Die Islamische Republik könnte kaum noch Öl exportieren, Deviseneinnahmen würden stark einbrechen und die Inflation deutlich steigen. Die Wirtschaft würde schneller und stärker unter Druck geraten, auch wenn ein vollständiger Zusammenbruch kurzfristig nicht sicher sei.
Szenario Nummer 3: Im Falle einer Kombination aus einer Seeblockade und einer erneuten militärischen Eskalation drohe im Gegensatz zu den anderen beiden Szenarien ein weitgehender Stillstand der Wirtschaft. Handel und Importe würden massiv eingeschränkt werden und Versorgungsengpässe würden zunehmen, die Inflation völlig außer Kontrolle geraten. Unter diesen Bedingungen wäre ein wirtschaftlicher Zusammenbruch des Landes binnen weniger Monate nicht ausgeschlossen.
Keines der von Ghasseminejad vorgestellten Szenarien geht von einer möglichen Verbesserung der wirtschaftlichen Situation aus, sie unterscheiden sich nur im Ausmaß, in dem sich die Krise weiter verschärfen wird. Alles hängt davon ab, welche Prioritäten die von den Revolutionsgarden beherrschte Führung setzen wird. Treffen Ghasseminejads Einschätzungen zu, könnte just der von den ihr dem Anschein nach bevorzugte Weg der Kompromisslosigkeit derjenige sein, der einen regelrechten Zusammenbruch der Islamischen Republik wahrscheinlicher machen würde.






