Hamas und Palästinensischer Dschihad geben mittlerweile selbst zu, dass im Gazakrieg gefallene Journalisten zugleich Mitglieder, Kämpfer oder gar Kommandeure von Terrororganisationen waren.
Am 10. Juli 2025 tötete ein israelischer Drohnenangriff im Flüchtlingslager Nuseirat im Zentrum des Gazastreifens einen Mann namens Ahmed Abu Eisha. Für viele Medien war der Fall schnell eingeordnet: ein weiterer Journalist, der von Israel umgebracht worden war. Das Committee to Protect Journalists (CPJ) führte Abu Eisha entsprechend in seiner Statistik, und die Kollegen beschrieben ihn als einen freundlichen, zurückhaltenden Menschen, der frisch promoviert war. Der Fall wurde zunächst überwiegend als Tötung eines Journalisten eingeordnet.
Wenige Wochen später veröffentlichte jedoch der militärische Arm des Palästinensischen Islamischen Dschihad (PIJ) eine Erklärung, in der Abu Eisha nicht als Journalist auftauchte, sondern als Kommandeur einer Einheit und Mitglied einer sogenannten »Central Information Unit«. Also als Teil jener Organisation, die für Raketenbeschuss, Anschläge und den Krieg gegen Israel mitverantwortlich ist. Bemerkenswert daran ist weniger die Information selbst als ihre Quelle, denn es handelte sich nicht um Angaben des israelischen Militärs. Die Selbstauskunft kam von eben jener Organisation, deren Mitglied hier öffentlich betrauert wurde.

In den vergangenen Monaten haben sowohl die Hamas als auch der Palästinensische Islamische Dschihad damit begonnen, ihre im Krieg getöteten Mitglieder systematisch zu benennen. Das stellt einen Bruch mit ihrer langjährigen Praxis dar, eigene Verluste möglichst zu verschleiern. Auffällig ist dabei, wie viele der nun veröffentlichten Namen zuvor von internationalen Organisationen und Medien als Journalisten oder zumindest als Zivilisten geführt worden waren.
Eine Auswertung der Times of Israel zeigt, dass mehrere dieser Fälle nachträglich korrigiert werden mussten. Auch das CPJ hat inzwischen acht Namen aus seiner Datenbank entfernt, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Betroffenen an Kampfhandlungen beteiligt waren. Aus ursprünglich 276 gelisteten getöteten Medienschaffenden wurden so 259. Korrigiert wurde also durchaus – nur ohne nennenswerte öffentliche Aufmerksamkeit. Die ursprünglichen Schlagzeilen hingegen bleiben bestehen.
Die Beispiele sind zahlreich. Mohammed Nasser Abu Huwaidi wurde nach seinem Tod im Dezember 2023 zunächst als Journalist beschrieben, seine Tötung sogar von der UNESCO verurteilt. Monate später fand sich sein Name in einer Liste des Islamischen Dschihad wieder – als Mitglied der »militärischen Medieneinheit«. Yaqoub Anan al-Bursh galt lange als Journalist, bis die Hamas ihn als Teil eines Bataillons ihrer Nordbrigade identifizierte. Maysara Salah wiederum wurde zunächst als Medienarbeiter geführt, später jedoch als Angehöriger eines militärischen Verbandes der Hamas.
Gleichzeitig bleiben viele dieser Namen in anderen Datenbanken unverändert erhalten, wie etwa bei der Internationalen Journalisten-Föderation oder in Projekten wie »Stop Murdering Journalists«. Die zugrundeliegenden Definitionen fallen dabei großzügig aus: Journalist ist demnach, wer von irgendeiner palästinensischen Organisation als solcher bezeichnet wird. Ob diese Person zugleich Mitglied einer Terrororganisation ist oder aktiv an Kampfhandlungen teilnimmt, scheint für die Kategorisierung keine entscheidende Rolle zu spielen.
Mehr als nur Statistik
Doch die Zahl getöteter Journalisten ist bekanntlich mehr als eine statistische Größe. Sie fungiert als ein politisches Argument und als moralischer Maßstab und ist ein zentraler Baustein der internationalen Kritik an Israel. Wenn jedoch ein nicht unerheblicher Teil dieser vermeintlichen Journalisten zugleich Kämpfer oder Funktionäre terroristischer Organisationen war, verliert die Zahl ihre Aussagekraft oder sollte zumindest erklärungsbedürftig werden.
Eine Studie des Meir Amit Intelligence and Terrorism Information Center kommt zu einem Ergebnis. Rund sechzig Prozent der 266 untersuchten Fälle von als »Journalisten« bezeichneten Toten wiesen Verbindungen zur Hamas oder dem Islamischen Dschihad auf. Selbst wenn man diese Zahl mit einiger Vorsicht betrachtet, verweist sie doch auf ein strukturelles Problem, das sich nicht durch Einzelfallkorrekturen beheben lässt.
Denn im Gazastreifen existiert strukturell keine klare Trennung zwischen Medien, politischer Kommunikation und militärischen Strukturen. Sender wie Palestine Today oder Quds News Network sind eng mit Organisationen wie dem Palästinensischen Islamischen Dschihad oder der Hamas verbunden. Wer dort arbeitet, agiert nicht zwangsläufig als unabhängiger Journalist im Sinne der internationalen Standards. Das bedeutet nicht, dass jeder getötete Medienarbeiter ein legitimes militärisches Ziel gewesen wäre. Es bedeutet aber sehr wohl, dass die pauschale Einordnung als »Journalist« häufig mehr verschleiert als erklärt.
Problematisch ist dabei weniger, dass Fehler passieren, sondern wie mit diesen umgegangen wird. Korrekturen erfolgen möglichst unauffällig, beinahe beiläufig, während die ursprünglichen Narrative gegen Israel fortwirken. So entsteht ein Bild, das mit jeder neuen Zahl an vermeintlich getöteten Journalisten weiter gefestigt wird.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob es getötete Journalisten in Gaza gibt, denn die sind ohne Zweifel vorhanden. Die Frage ist vielmehr, wie belastbar die jeweiligen Zuschreibungen im Einzelfall sind. Wie viele der vermeintlich eindeutigen Fälle halten einer genaueren Prüfung stand? Und warum wird diese Prüfung so selten mit der gleichen Vehemenz eingefordert wie die ursprüngliche Anklage?
Wer diese Fragen nicht stellt, verzichtet auf analytische Präzision und trägt dazu bei, dass politische Narrative an die Stelle überprüfbarer Realität treten. Gerade in einem Krieg, in dem Informationen selbst Teil der Auseinandersetzungen sind, wäre das Gegenteil dringend notwendig: mit begrifflicher Klarheit statt moralischen Verkürzungen.






