Der Islamgelehrte Tariq Ramadan gerierte sich als Brückenbauer zwischen Islam und dem Westen, bevor Vorwürfe von sexuellem Fehlverhalten und Vergewaltigung sein Image erschütterten.
Iram Ramzan
In einem Interview aus dem Jahr 2009 auf einem kanadisch-islamischen Sender sprach Tariq Ramadan über seine Ansichten zu den Frauenrechten im Islam. »Ich glaube nicht, dass der Islam ein Problem mit Frauen hat – die Muslime haben eines«, sagte er damals.
Ramadan, damals Professor an der Universität Oxford, argumentierte, dass muslimische Gesellschaften sich vor allem mit den Rollen und Funktionen von Frauen befassen, während »der Ausgangspunkt die Beziehung zu Gott sein sollte«. Muslime müssten »über Frauen als Menschen sprechen«, sagte er, und der Hidschab dürfe nicht erzwungen werden. »Es widerspricht dem Islam, einer Frau das Tragen des Kopftuchs aufzuzwingen, und es widerspricht den Frauenrechten, ihr das Ablegen aufzuzwingen.«
Dies geschah auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Zu dieser Zeit war Ramadan ein Star in der muslimischen Welt; sein Charisma und seine progressiv scheinenden Ansichten zum Islam zogen ein Publikum in Konzertgröße an. Viele Frauen sahen in ihm einen Verteidiger ihrer Rechte, und das Time-Magazin zählte ihn 2004 zu den hundert einflussreichsten Menschen der Welt.
Das änderte sich 2017, als Ramadan wegen sexueller Nötigung angeklagt wurde. Im vergangenen Monat verurteilte ein Pariser Gericht Ramadan dann – in Abwesenheit – zu achtzehn Jahren Haft wegen Vergewaltigung von drei Frauen, nachdem er bereits 2024 er in der Schweiz wegen eines anderen Vergewaltigungsfalls verurteilt worden war. Ramadans Anwälte gaben an, der 63-Jährige werde in Genf wegen multipler Sklerose behandelt, und verurteilten den Prozess als Farce. Bis heute behauptet er, die Anklagen seien politisch motiviert, und führt Islamophobie als Grund an.
Obwohl ein Haftbefehl gegen Ramadan erlassen wurde, besteht zwischen der Schweiz und ihrem westlichen Nachbarland kein Auslieferungsabkommen. Ramadan droht nun ein dauerhaftes Einreiseverbot für französisches Hoheitsgebiet.
Doppelzüngigkeit
Die lang erwartete Verurteilung markiert den jüngsten Sturz eines Mannes, der sich trotz seines familiären Hintergrunds als führende »moderate« Persönlichkeit ausgab. Ramadans Großvater mütterlicherseits war Hassan al-Banna, der 1928 in Ägypten die Muslimbruderschaft gründete, und sein Vater, Said Ramadan, war eine der führenden Persönlichkeiten der Organisation.
Die Herausbildung seines öffentlichen Images lässt sich bis in die 1990er Jahre zurückverfolgen, als er während seines aufkeimenden Interesses am Islam intensive Religionsstudien in Ägypten absolvierte, bevor er in die Schweiz zurückkehrte. In seinem 2009 erschienenen Buch What I Believe beschreibt Ramadan sein spirituelles Erwachen als den Wunsch, Brücken zwischen der westlichen und der islamischen Welt zu bauen. Er erklärte, er bevorzuge eine interpretative statt einer wörtlichen Lesart des Korans.
Westliche Liberale begrüßten Ramadan als Brücke zwischen den Kulturen. In der Schweiz geboren und fließend Französisch und Englisch sprechend, wirkte er auf ein westliches Publikum als charmanter und liberaler Mann, behielt dabei aber eine gewisse Autorität in der muslimischen Welt.
Obwohl er betonte, dass er sich von den Ansichten seines fundamentalistischen Großvaters distanziere, merkten einige Beobachter an, dass seine in den 1990er Jahren entstandene Dissertation über das Werk von Hassan al-Banna zu wohlwollend war. Sein Hauptbetreuer Charles Genequand sagte, Ramadans Dissertation habe »versucht, Hassan al-Banna in eine reformistische Bewegung des Islam des 19. Jahrhunderts einzuordnen, während sie seine sehr konservative Vision verschleierte«.
Die von Hassan al-Banna gegründete Muslimbruderschaft, deren Slogan »Der Islam ist die Lösung« lautet, ist als terroristische Vereinigung eingestuft und in Ägypten, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten verboten. Die US-Regierung hat Schritte unternommen, um bestimmte ausländische Ableger der Muslimbruderschaft als terroristische Organisationen einzustufen.
Ramadans Verbindung zu Yusuf al-Qaradawi, einem prominenten Geistlichen der Muslimbruderschaft mit Sitz in Katar, sorgte ebenfalls für Stirnrunzeln. Der in Ägypten geborene al-Qaradawi hatte in der Vergangenheit Selbstmordattentate verteidigt und behauptet, der Holocaust sei eine »Strafe« für die Juden gewesen.
Während einer im Fernsehen übertragenen Debatte über Säkularismus und Islam wurde Ramadans Doppelzüngigkeit weiter offengelegt. Der damalige französische Innenminister Nicolas Sarkozy versuchte, den Islamgelehrten dazu zu bringen, die islamische Strafe der Steinigung für Ehebruch zu verurteilen. Stattdessen sagte Ramadan, der zu einem solchen Zugeständnis nicht bereit war, es solle ein »Moratorium« für solche Praktiken geben.
Kein Wunder, dass die französische Autorin Caroline Fourest argumentierte, Ramadan präsentiere sich dem westlichen Publikum als moderat, während er der muslimischen Welt andere Botschaften vermittle.
Immer mehr Opfer
Trotz dieser sich abzeichnenden Widersprüche setzte Ramadans Aufstieg fort. Im Jahr 2005 erhielt er ein Stipendium am St Antony’s College in Oxford, und 2009 wurde er auf den von Katar finanzierten Lehrstuhl für zeitgenössische Islamwissenschaft an der Universität Oxford berufen. Ramadan schien unantastbar. Letztendlich war es sexuelles Fehlverhalten, das ihn zu Fall brachte, wie es schon so viele andere mächtige Männer getroffen hat.
Im Jahr 2017 holte die #MeToo-Bewegung ihn ein, als mehrere Vorwürfe sexueller Übergriffe in Frankreich und der Schweiz gegen ihn erhoben wurden. Eines der Opfer war Henda Ayari, eine ehemalige salafistische Muslimin. Sie sagte, sie habe sich an Ramadan gewandt, als sie sich in einer Phase ihres Lebens »verloren und schwach« fühlte. Ayari lebte getrennt von ihrem Ehemann und hatte die Aufforderung erhalten, ihren islamischen Schleier abzulegen, um Arbeit zu finden.
Nachdem sie Ramadan online um Rat gefragt hatte, willigte die Mutter von drei Kindern 2012 ein, sich in seinem Pariser Hotelzimmer zu treffen. Er »küsste« sie, »würgte mich so fest, dass ich dachte, ich würde sterben«, schlug, beschimpfte und »demütigte« sie, bevor er sie vergewaltigte. »Er stürzte sich auf mich wie ein wildes Tier«, sagte Ayari später. Zuerst gab sie sich selbst die Schuld dafür, dass sie sich allein mit ihm getroffen hatte, und schwieg viele Jahre lang, da er angeblich ihre Kinder bedroht hatte.
Eine weitere Frau – eine behinderte muslimische Konvertitin namens »Christelle« – erklärte, sie sei 2009 in einem Hotel in Lyon von Ramadan vergewaltigt und geschlagen worden. Sie legte den Ermittlern Nachrichten vor und identifizierte eine Narbe an einer intimen Stelle an Ramadans Körper. Danach meldeten sich weitere Frauen, von denen mehrere aussagten, Ramadan habe sexuelle Beziehungen mit ihnen gehabt, als sie minderjährige Schülerinnen in Genf waren. Ein Mädchen, das seine Annäherungsversuche zurückwies, war vierzehn Jahre alt.
Zunächst bestritt Ramadan, sexuelle Beziehungen mit der Frau gehabt zu haben. Doch nach seiner Verhaftung 2018 in Frankreich brachte eine Untersuchung Textnachrichten ans Licht, die zwischen ihm und »Christelle« ausgetauscht worden waren und die ihre Darstellung der Ereignisse zu bestätigen schienen. »Ich habe gespürt, dass es dir unangenehm war … Entschuldige meine ›Gewalt‹. Mir hat es gefallen … Willst du mehr? Bist du nicht enttäuscht?«, schrieb er ihr am Tag nach dem Vorfall. Ein paar Stunden später schrieb er: »Es hat dir nicht gefallen … Es tut mir leid [Christelle]. Entschuldige.«
Ramadan musste zugeben, dass er Affären mit mindestens fünf Frauen gehabt hatte, beharrte jedoch darauf, dass diese einvernehmlich gewesen seien Kein Wunder, dass der verheiratete Vater von vier Kindern ein »Moratorium« für körperliche Züchtigung forderte – nach islamischem Recht ist die Strafe für Ehebruch die Steinigung.
Als der rechtliche Druck zunahm, wurde Ramadan immer wieder wegen multipler Sklerose ins Krankenhaus eingeliefert. Sein Anwalt argumentierte, sein Gesundheitszustand sei »mit einer Inhaftierung unvereinbar«, und er wurde nach zehn Monaten gegen Kaution freigelassen.
Verschwörungstheorien
Während der gesamten Zeit stellte der Islamgelehrte die Vorwürfe gegen ihn als politisch motiviert dar und behauptete, das meiste davon sei auf Islamophobie zurückzuführen. In seinem 2019 erschienenen Buch Devoir de vérité (»Pflicht zur Wahrheit«) verglich er seine rechtlichen Schwierigkeiten mit der Dreyfus-Affäre aus dem 19. Jahrhundert und behauptete, er sei Opfer einer politischen Hexenjagd. So wie der französische Hauptmann Alfred Dreyfus aufgrund seiner jüdischen Herkunft zu Unrecht wegen Hochverrats verurteilt wurde, sei auch Ramadan, so sagte er, Opfer einer »antimuslimischen« Verschwörung. In einigen Medienberichten konnte Ramadan weitgehend unwidersprochen behaupten, er sei das Opfer einer »Hexenjagd« und seine Feinde hätten »mit den Zionisten zusammengearbeitet«, um ihn zu Fall zu bringen.
Seine Anklägerinnen wiederum befürchteten, dass sie unter einer öffentlichen Gerichtsverhandlung leiden würden. Eine Frau gab an, von seinen Anhängern angespuckt, geschlagen, beleidigt und verfolgt worden zu sein. Zudem reagierten die Institutionen alles andere als umgehend. Die Universität Oxford erlaubte Ramadan, drei Wochen lang weiter zu unterrichten, bevor sie eine Beurlaubung aussprach. Der Direktor des Oxford Middle East Centre, Eugene Rogan, erklärte, dass einige Studierende das Gefühl hätten, dies sei »eine weitere Art und Weise, wie sich Europäer gegen einen prominenten muslimischen Intellektuellen verbünden. Wir müssen muslimische Studierende schützen, die an ihn glauben und ihm vertrauen, und dieses Vertrauen bewahren.«
Dies weckte die Sorge, dass Ramadan aufgrund seiner Religion nach anderen Maßstäben beurteilt werden würde. Dann, im September 2024, verurteilte ein Schweizer Berufungsgericht in Genf den Gelehrten wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung und hob damit einen früheren Freispruch aus dem Jahr 2023 auf. Ramadan wurde zu drei Jahren Haft verurteilt, mit einem Jahr unbedingt, weil er 2008 eine Frau in einem Genfer Hotel angegriffen hatte. Zwei Jahre später befand ihn ein Pariser Gericht der Vergewaltigung von drei Frauen für schuldig. Da Ramadan in der Schweiz im Krankenhaus lag, wurde er in Abwesenheit verurteilt. Die Schweiz liefert ihre Staatsbürger in der Regel nicht aus, sodass es unwahrscheinlich ist, dass er seine Strafe tatsächlich verbüßen wird. Ramadan hat zudem angekündigt, Berufung einzulegen.
Viele Jahre lang wurden Tariq Ramadans Widersprüche und seine Doppelzüngigkeit von einem westlichen Publikum beschönigt, das verzweifelt an einen Islam glauben wollte, der mit den europäischen Gesellschaften vereinbar sein könnte. Leider ging dies auf Kosten der Würde der Frauen, die dieser zu Unrecht verehrte Islamwissenschaftler ironischerweise zu verteidigen vorgab.
Der Text erschien auf Englisch zuerst bei Middle East Uncovered. (Übersetzung von Alexander Gruber.)






