Assad tut alles, damit die Menschen nicht zurückkehren können

„Der syrische Staat ist ein gründlicher wie auch bürokratischer Meister des Todes. Akribisch verzeichnen seine Schergen, wer von den geschätzten 80.000 Insassen seiner Folterknäste dort sein Leben gelassen hat: Ort, Datum, Todesursache. Nur dass die Angehörigen der meist aus politischen Gründen Inhaftierten nichts davon wussten. Seit sieben oder mehr Jahren warten Tausende von ihnen auf Nachricht ihrer Väter, Mütter, Söhne, Töchter, Enkel. Ein Recht auf Gewissheit? Auf Abschied? Auf Trauer? Das räumt Damaskus den Familien nicht ein.

Jedenfalls bis jetzt nicht. Eher zufällig finden Angehörige nun heraus, dass sie mitunter Jahre vergeblich auf ein Wiedersehen gehofft haben. In vielen Zivilregistern des Landes sind plötzlich die Namen der Verschollenen hinterlegt – mit dem Zusatz, wann und wo sie gestorben sind. Viele dieser Dokumente zeigen, dass die Menschen bereits zu Beginn des Krieges, als er noch die Züge einer Revolution trug, ermordet wurden. Oft mehrere an einem Tag, am selben Ort. Ein relativ sicheres Anzeichen für Massenexekutionen. (…)

In Damaskus beginnt man, an die Zeit nach dem Krieg zu denken – in dem man sich als Sieger sieht. Anders ist es nicht zu erklären, dass das Regime plötzlich den Tod Tausender zugibt. Die Botschaft an die Familien, an den zivilen Widerstand: Ihr habt verloren. Eure Angehörigen und Freunde sind tot – deal with it. Das Kapitel der Revolution ist geschlossen. Sühne? Aufarbeitung? Gerechtigkeit? Auf diese Kategorien ist der unerbittliche Polizeistaat des Assad-Regimes nicht angewiesen. Zu sicher ist er sich seiner Sache. (…)

Nun muss man sich nicht einbilden, dass Moskau über Nacht zu einer humaneren Außenpolitik gefunden hat und selbstlos dafür eintritt, syrische Familien mit ihrer Heimat wiederzuvereinen. Es geht vielmehr um Finanzielles. Russland hat Syrien in großen Teilen zu Schutt und Asche gebombt. Der Wiederaufbau eines so zerstörten Landes ist teuer. Die Rechnung dafür möchte Moskau nicht alleine bezahlen. (…) Putin tritt daher mit dem Faustpfand der Flüchtlingsrückkehr auch an die EU-Verhandlungstische, wo er humanitäre Hilfe für Syrien einfordert. (…)

Dabei hat das syrische Regime alles dafür getan, dass die Menschen nicht zurück in ihr Land können. Wer als Gegner des Regimes auf schwarzen Listen vermerkt ist, dem drohen Verhaftung, Folter, Tod. Ans Ausland gerichtet mag Damaskus die große Erzählung von Versöhnung bemühen – nach Innen spricht es von den Geflüchteten weiterhin als Terroristen. Und denen droht es mit Eliminierung.“ (Eva Maria Kogel: „Assad tut alles, damit die Menschen nicht zurückkehren“)

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