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Türkische Autorin: „Mir wurden vom Staat dreieinhalb Jahre meines Lebens genommen“

Die Autorin Asli Erdogan (imago images/epd)
Die Autorin Asli Erdogan (imago images/epd)

Die türkische Publizistin Aslı Erdoǧan wurde überraschend vom Vorwurf freigesprochen, Mitglied einer terroristischen Organisation zu sein.

Der berufliche Werdegang von Aslı Erdoǧan, die zu den berühmtesten Publizistinnen der Türkei zählt, lässt sich kurz umreißen: Bereits als Schülerin begann sie zu schreiben, studierte Informatik und Physik, als einzige Frau forschte sie am europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf über das Higgs-Boson. Und das im Alter von 24 Jahren. Die Arbeitsbedingungen in dem Männer-Team in einer ausgesprochenen Männer-Domäne waren für die junge Naturwissenschaftlerin unerträglich. Ihre Zeit in Genf fasste sie einmal mit dem Satz zusammen: „Es war hart“.

Erdoǧan widmete sie sich vollständig der Schriftstellerei, auch um die Gründe für ihren Ausstieg am CERN literarisch zu verarbeiten. Zudem arbeitete sie für die links-liberale Zeitung Radikal sowie die pro-kurdische Özgür Gündem (freie Tagesordnung/Agenda).

Publizistisch widmete sich Erdoǧan vor allem dem Thema Frauenrechte. Laut EMMAbekam sie ihren ersten Drohanruf, nachdem sie in einer Kolumne in der Radikal „über drei kurdische Mädchen berichtet hatte, die von Milizionären vergewaltigt worden waren. Das Schicksal des einen Mädchens schilderte sie im literarischen Ton, das des zweiten journalistisch, bei der dritten zitierte sie den Autopsiebericht: Das Mädchen war 15, geistig zurückgeblieben, für die Vergewaltigung benutzten die Täter ein Bajonett.“

Nach dem vereitelten Putschversuch im Juli 2016 wurde sie, wie viele andere Journalistinnen und Journalisten auch, verhaftet. Ihr wurden die „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ sowie „Volksverhetzung“ vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft fordert neun Jahre Haft. Nach 132 Tagen im Gefängnis ohne medizinische Betreuung wurde die chronisch kranke Frau am Tag ihres Prozessbeginns am 29. Dezember 2016 aus der Haft entlassen, zusammen mit zwei Mitangeklagten, der Übersetzerin Necmiye Alpay und dem stellvertretenden Chefredakteur der Özgür Gündem, Zana Kaya. Sie bekamen allerdings die Auflage, die Türkei nicht zu verlassen. Im Klartext bedeutete das für die betroffenen Personen, dass ihnen ihr Pass entzogen wurde.

Exil in Deutschland

Das Ausreiseverbot für Aslı Erdoǧan wurde im September 2017 jedoch aufgehoben. Deshalb konnte sie „Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis“, der ihr am 22. September 2017 in Osnabrück verliehen wurde, auch persönlich entgegennehmen.

Erdoǧan kehrte nicht in die Türkei zurück. Die Stadt Frankfurt gewährte ihr ein zweijähriges Stipendium im Rahmen des Programms „Stadt der Zuflucht“. Seither lebt sie in Deutschland.

In einem Interview mit Standard sprach sie über ihre Haftzeit: von den Schlägen und Erniedrigungen, denen sie ausgesetzt war; von der Solidarität der vorwiegend kurdischen Mitgefangenen, denen sie ihr Überleben verdanke; und von der internationalen Solidarität, die sie erfahren, aber während der Haft nur am Rande mitbekommen habe. Inzwischen sei ihr bewusst, dass sie dieser Solidarität die Entlassung aus der Haft zu verdanken habe. Während der Haft habe sie „Shoah“ gelesen, so die Publizistin, „die Vorlage für den Film, Zeugenberichte aus Treblinka und Sobibor. Ich saß in Haft und weinte über die ermordeten Juden.“

Am vergangenen Freitag wurde Erdoǧan von einem Istanbuler Gericht überraschend vom Verdacht der „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ und von „Zersetzungsversuchen“ freigesprochen, auch ein Verfahren wegen „Terrorpropaganda“ wurde eingestellt. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor bis zu neun Jahre Haft für die Autorin gefordert.

Schreiben könne sie derzeit noch nicht, sagte sie in dem Interview vom Januar 2018. Dazu müsse sie sich dem Trauma stellen, das die Haft bei ihr ausgelöst habe. Ein Teil dessen sei, dass sie sich nicht erinnern könne.

Dass die Zeit der Inhaftierung und die Tatsache, im Exil leben zu müssen, tiefe Spuren bei ihr hinterlassen haben, lässt sich auch an ihrer Reaktion auf den unerwarteten Freispruch ablesen. Gegenüber der Deutschen Welle sagte sie: „Dreieinhalb Jahre meines Lebens wurden mir genommen!“

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