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Arabismus, Islamismus und iranische Hegemonie

Der Nahe Osten ist zusehneds in einen sunnitischen und einen schiitschen Teil zersplittert
Der Nahe Osten ist zusehneds in einen sunnitischen und einen schiitschen Teil zersplittert (© Imago Images / YAY Images)

Das Bestreben des Iran, den Nahen Osten zu dominieren, stößt bei den sunnitischen arabischen Staaten auf starken Widerstand.

Jacques Neriah

Der sogenannte Arabische Frühling 2011 sollte die nach dem Ende des Kolonialismus etablierten arabischen Regime stürzen und durch Regierungen ersetzen, die an die Realität des 21. Jahrhunderts angepasst sind. Die neuen Regime sollten sozial attraktiv sein und eine arabische und islamische Identität haben. Sie sollten auch eindeutig antiwestlich sein.

Dieser Wandel ist nicht eingetreten. Stattdessen sahen sich die arabischen Regime mit zwei Hauptbedrohungen konfrontiert: dem radikalen Islam und dem Streben des Iran nach regionaler Hegemonie. Im Kampf gegen den islamischen Radikalismus zögerten einige arabische Regime nicht, ausländische Mächte (Russland, China oder die Vereinigten Staaten) um Hilfe zu bitten, die keine koloniale Vergangenheit in der Region hatten. Einige wandten sich sogar an frühere Kolonialmächte wie Frankreich und das Vereinigte Königreich, um die ansteigende Welle des radikalen Islams zu überleben.

Einige gingen sogar so weit, benachbarte arabische Mächte und Randmächte im Nahen Osten wie die Türkei und den Iran um Hilfe zu bitten, um den Angriff der radikalen Islamisten, die mit Al-Qaida, dem Islamischen Staat und der Muslimbruderschaft in Verbindung stehen, abzuwehren.

Kampf gegen den Islamismus

Ein Jahrzehnt später ist Libyen das einzige arabische Land, dessen Regime nicht überlebt hat [während in Ägypten das Regime nach einem kurzen Intermezzo durch die Muslimbrüder zurückgekehrt ist und Tunesien sich auf einem neuen Weg in den Autoritarismus befindet; Anm. Mena-Watch]. Libyen hat sich in einen gescheiterten Staat verwandelt, der zwischen rivalisierenden Fraktionen gespalten ist und dessen Süden hauptsächlich von radikalen Islamisten kontrolliert wird.

Libyen ist allerdings nicht der einzige gescheiterte Staat. Auch der Libanon ist aus unterschiedlichen Gründen in diesen Status abgerutscht und hat sich dem zweifelhaften Club angeschlossen. Das Land kämpft um sein Überleben als Nation.

Die Hauptgründe für den Zerfall Libyens sind der Kampf zwischen den beiden großen geografischen Teilen des Landes – Tripolitanien und Cyrenaica – um die Kontrolle des Staates sowie Konflikte zwischen konkurrierenden Stämmen, durch die ausländische Mächte versuchen, ihren Einfluss geltend zu machen. Der Libanon hingegen ist das Opfer seiner konfessionellen und sektiererischen Politik, gepaart mit Korruption, Misswirtschaft und der Unfähigkeit, der Subversion des Staates von außen zu begegnen.

Der Islamische Staat wurde von einer multinationalen Koalition besiegt, zu der auch Erzfeinde und eingeschworene Rivalen wie der Iran, die Vereinigten Staaten und die Türkei gehörten. Der IS ist jedoch weiterhin in der Region präsent und wird auch durch die historische Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten genährt und gefördert. Dies gilt insbesondere für Syrien und den Irak, wo der IS immer noch einen sicheren Hafen unter der sunnitischen Bevölkerung und der früheren politischen Elite genießt, die sich weigert, sich von schiitisch-iranisch orientierten Regimen regieren zu lassen.

Im Zusammenhang mit der sunnitischen Reaktion auf den Regimewechsel im Irak, der einer der Auslöser für die Entstehung des Islamischen Staates war, hat die arabische Welt versucht, die Muslimbruderschaft, die für den politischen Islam eintritt, zu zerschlagen.

Die Bruderschaft galt – neben den radikalen sunnitischen Randbewegungen, die mit Al-Qaida oder dem Islamischen Staat in Verbindung stehen – einst als dominante Kraft, die sogar von der Obama-Regierung als berechtigt angesehen wurde, die schwankenden und korrupten arabischen Regime zu beerben. Die arabischen Regime haben sich erhoben, um die radikal-islamische Welle zu überwinden und ihre traditionelle Herrschaft aufrechtzuerhalten, mit Ausnahme des von den USA eingesetzten Regimes im Irak und eines zerfallenden Libyens.

Heute ist die Muslimbruderschaft besiegt, ja, sogar dezimiert, und ihre Führer befinden sich entweder im Exil oder sind in Gefängnissen und Internierungslagern inhaftiert. In Tunesien, wo der Arabische Frühling seinen Anfang nahm, fand sich die Muslimbruderschaft in der Opposition, wurde vom Regime verfolgt und sieht sich mit Hochverratsprozessen konfrontiert.

Die alte …

Es ist wichtig festzustellen, dass es in der modernen Geschichte des Nahen Ostens und der arabischen Welt noch nie eine Situation gab, in der der Iran so allgegenwärtig und einflussreich war und die Politik der lokalen Regierungen bis zu dem Punkt diktierte, dass iranische Delegierte Parlamentswahlen überwachen und über die Wahl von Präsidenten und Premierministern entscheiden. In dieser neuen Phase mischt sich der Iran in regionale Kriege ein, an denen er sich durch militärische Hilfe und Intervention sowie durch finanzielle und politische Unterstützung beteiligt. Iranische Politiker brüsten sich offen damit, dass die Hauptstädte des Libanon, Syriens, des Irak und des Jemen unter ihrer Hegemonie stünden.

Das iranische Element hat den arabischen Nahen Osten polarisiert und ihn in zwei Pole geteilt: Der nördliche erstreckt sich vom Libanon bis zum Irak (einschließlich Jemen im Süden und bis vor einigen Jahren auch noch der Sudan): eine Region mit schiitischer Mehrheit. Der andere Teil ist die südliche Subregion, die eine sunnitische Mehrheit hat und zutiefst anti-iranisch eingestellt ist.

Die vom Iran beherrschte nördliche Region ist innenpolitisch zunehmend destabilisiert, wird von sektiererischer Politik beherrscht und ist vor allem durch eine gelähmte politische Sphäre gekennzeichnet, die nicht in der Lage ist, staatliche Kontinuität, eine gerechte Machtverteilung, die Konsolidierung einer stabilen Wirtschaft und die Verteidigung gegen ausländische Interventionen zu gewährleisten.

Über seinen Auslandsarm, die Quds-Truppe, die Teil der Revolutionsgarden ist, ist es dem Iran gelungen, in jedem der von ihm beherrschten Staaten Stellvertreterkräfte zu schaffen, die ihm eine überragende Stellung in der lokalen Politik sichern. Dies gilt für die Hisbollah im Libanon, die Volksmobilisierungskräfte (Hashd al-Shaabi) im Irak, die Huthis im Jemen und die Fremdenlegion mit pakistanischen und afghanischen Milizen in Syrien, die dem Assad-Regime als Vorhut dienen.

Historisch waren Perser und Araber erbitterte Rivalen, auch wenn die persische Kultur in das arabische Reich eindrang und tief in das arabische Erbe integriert wurde. Schiitische Gemeinschaften sind über die gesamte arabische Welt verstreut, vor allem aber in der arabischen Levante, wo der Kontakt mit Persien/Iran mehrere Jahrhunderte zurückreicht. Die Interaktion zwischen diesen Gemeinschaften und dem Iran erstreckte sich auf alle Aspekte des Lebens und die schiitischen Gemeinschaften in den verschiedenen Ländern dienten auch immer wieder als Zufluchtsort für iranische politische oder religiöse Persönlichkeiten, die von den Behörden in Teheran verfolgt wurden.

Zu keinem Zeitpunkt bestand jedoch eine iranische Absicht, die arabische Politik zu dominieren. Dies änderte sich radikal mit dem Aufkommen des Ajatollah-Regimes im Iran, dem Sturz des Schahs und der Gründung der Islamischen Republik im Jahr 1979, die den Proselytismus und den Revolutionsexport zur offiziellen Politik machte und ihre Absichten unter dem Deckmantel des Pan-Islamismus verbarg.

… und die neue Rolle des Iran

Mit dem wachsenden Einfluss der Islamischen Republik in verschiedenen arabischen Staaten und der Vorherrschaft Teherans im sogenannten »Fruchtbaren Halbmond« begannen die Spannungen zwischen den Arabern und dem Iran zu wachsen. Diese Spannungen sind nicht auf den historischen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten beschränkt. Sie erstrecken sich auch auf die christliche Gemeinschaft im Libanon und, was noch viel wichtiger ist, auf die wachsende Kluft im schiitischen Lager im Irak zwischen Schiiten, die sich ganz dem Iran verschrieben haben, und solchen, die ihre arabische, irakische, unabhängige Identität schützen wollen.

Diese Spaltung zwischen den Schiiten hat nicht nur zu einer Lähmung des politischen Systems geführt, da sich die schiitischen Fraktionen seit den Parlamentswahlen im Oktober 2021 nicht auf die Wahl eines Präsidenten, eines Ministerpräsidenten oder die Einberufung des Parlaments einigen konnten, sondern sie hat auch die Wahrscheinlichkeit eines umfassenden Bürgerkriegs im Irak erhöht.

Arabische Proteste erschüttern auch den geteilten Libanon, wo der iranische Agent und Stellvertreter Hisbollah von seinen sunnitischen politischen Rivalen und Teilen der christlichen Gemeinschaft für seinen lähmenden Einfluss auf die Politik kritisiert wird, der letztlich iranischen Interessen dient und den Libanon in eine Konfrontation mit Israel treibt.

Von größerer Bedeutung ist das faktische Bündnis zwischen den verschiedenen arabischen Staaten mit sunnitischer Mehrheit, die beschlossen haben, der verdeckten Expansion des Iran entgegenzutreten, entweder durch Wirtschaftssanktionen wie im Falle des Libanon oder durch die Schaffung eines politischen Netzwerks, das iranischen Initiativen im Nahen Osten und in Afrika entgegenwirken soll.

Es ist erwähnenswert, dass vom 10. bis zum 12. Jahrhundert Teile der arabischen Welt von den schiitischen Fatimiden beherrscht wurden, die ein Sultanat errichteten, das sich vom Atlantik im Maghreb bis zum Roten Meer erstreckte. Erst Salahuddin (Salah el-Din), ein in Kurdistan geborener Sunnit, besiegte die Fatimiden und ersetzte sie durch die sunnitische Dynastie der Ayyubiden. Der Kampf zwischen Arabismus und iranischer Hegemonie ist noch lange nicht vorbei.

Oberst a. D. Dr. Jacques Neriah, Sonderanalytiker für den Nahen Osten am Jerusalem Center for Public Affairs, war früher außenpolitischer Berater von Premierminister Yitzhak Rabin und stellvertretender Leiter für die Beurteilung des israelischen Militärgeheimdienstes. (Der Artikel erschien auf Englisch beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)

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