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Associated Press revidiert eigene Berichterstattung über Gaza-Opferstatistiken 

Weniger zivile Opfer als immer angegeben: Palästinenser beobachten einen israelischen Präzisionsluftschlag
Weniger zivile Opfer als immer angegeben: Palästinenser beobachten einen israelischen Präzisionsluftschlag (© Imago Images / APAimages

Ende vergangener Woche veröffentlichte die Nachrichtenagentur Associated Press einen Bericht, der nicht nur die Hamas-Behauptung, sondern auch ihre eigene Berichterstattung widerlegt, nach denen über zwei Drittel der palästinensischen Opfer Frauen und Kinder gewesen seien.

Andrew Bernard 

Laut der neuen Analyse der kolportierten Hamas-Zahlen durch die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press (AP) zeigen die »detaillierten Berichte« und Opferstatistiken der Terrorgruppe eine viel geringere Anzahl an mutmaßlichen zivilen Opfern als von den Islamisten behauptet.

»Unter den vollständig identifizierten Opfern zeigen die Aufzeichnungen einen stetigen Rückgang des Gesamtanteils von getöteten Frauen und Kindern von 64 Prozent Ende Oktober über 62 Prozent Anfang Januar und 57 Prozent Ende März auf 54 Prozent Ende April«, heißt es in dem Bericht. »Während des gesamten Kriegs hat das Gesundheitsministerium [der Hamas] jedoch behauptet, etwa zwei Drittel der Toten seien Frauen und Kinder gewesen. Diese Zahl wurde von internationalen Organisationen und vielen ausländischen Medien, einschließlich der AP, wiederholt wiedergegeben.«

David Adesnik, Senior Fellow bei der Foundation for Defense of Democracies, erklärte, eine Überprüfung der von der Hamas veröffentlichten Angaben sei längst überfällig gewesen. »Das ist ein ziemlich verblüffendes Eingeständnis. Es ist zwar keine Entschädigung für ihre monatelangen Falschmeldungen, aber ich denke, besser spät als nie«.

Unklare Statistiken

Da die Hamas mehrere, verschieden definierte Listen über die im Gazastreifen Verstorbenen und deren Todesursachen führt, kommt es immer wieder zu statistischen Unklarheiten. Ihr Gesundheitsministerium veröffentlicht sowohl tägliche Opferzahlen ohne Angaben zu einzelnen Personen als auch, wie es die AP beschreibt, »detaillierte Berichte«, die in unregelmäßigen Abständen publiziert und in denen die angeblichen Opfer einzeln aufgelistet und identifiziert werden. 

Das Medienbüro der Hamas wiederum veröffentlicht zusätzlich gesonderte, höhere Angaben, die ebenfalls häufig in Medienbeiträgen bzw. von Menschenrechtsgruppen und anderen ungeprüft wiedergegeben werden.

Der Prozentsatz der getöteten Frauen und Kinder wird als grober Annäherungswert für die Zahl der getöteten Zivilisten verwendet, obwohl die Hamas auch Frauen und Kinder rekrutiert und nicht alle Männer Mitglieder der Terrorgruppe sind. Die Hamas selbst unterscheidet in ihren Daten nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern oder zwischen denjenigen, die bei israelischen Angriffen getötet wurden, und der beträchtlichen Zahl von Palästinensern, die durch fehlgegangene palästinensische Raketen im Gazastreifen getötet wurden.

Die stets wiederholten Angaben der Hamas stimmen laut Analyse der US-Nachrichtenagentur zunehmend nicht mehr mit den von ihr selbst herausgegebenen Zahlen überein. »Ende Oktober entfielen 64 Prozent der 6.745 vom Gesundheitsministerium vollständig identifizierten Toten auf Frauen und Personen unter siebzehn Jahren«, heißt es in dem Beitrag. »Da die Intensität der Kämpfe nachgelassen hat, ist die absolute Zahl der Todesopfer zwar weiter gestiegen, allerdings langsamer als zuvor, und es scheint weniger Zivilisten zu geben, die ins Kreuzfeuer geraten. Im April machten Frauen und Kinder nur noch 38 Prozent der neu und vollständig identifizierten Todesopfer aus, wie die jüngsten Daten des Gesundheitsministeriums zeigen.«

Trotz dieses eindeutigen Trends erklärte die Hamas auch im Februar und März, über siebzig Prozent der Toten seien Frauen und Kinder gewesen; ein Wert, der laut AP »von den detaillierten Berichten nie bestätigt wurde, obwohl die zugrunde liegenden Daten eindeutig zeigten, dass der Prozentsatz weit darunter lag«.

Associated Press zählt zu den weltweit größten und renommiertesten Nachrichtenagenturen, deren Berichte laut eigenen Angaben täglich von vier Milliarden Menschen konsumiert werden. Noch Anfang Mai führte sie selbst die nun in ihrer eigenen Analyse als falsch erwiesene Behauptung des Gesundheitsministeriums der Hamas an, nach der zwei Drittel der Opfer in Gaza Frauen und Kinder seien.

An der kurzen Leine der Hamas

Berichte der Hamas über Opfer unter der Zivilbevölkerung werden in den Medien, von NGOs sowie Vertretern der Vereinten Nationen und den USA häufig wiederholt, darunter auch vom amerikanischen Präsidenten Joe Biden, der sich bei seiner Rede zur Lage der Nation im März auf die Daten des Hamas-Gesundheitsministeriums berief.

Befürworter der Hamas-Statistiken argumentieren, dass die Angaben des Gesundheitsministeriums in der Vergangenheit im Großen und Ganzen mit israelischen und unabhängigen UN-Einschätzungen übereingestimmt haben. Bei früheren Operationen gab das Gesundheitsministerium jedoch vor, Daten zu publizieren, die es in palästinensischen Krankenhäusern gesammelt hatte, während es sich im aktuellen Kriegsverlauf seit November, als die Hamas die Kontrolle über medizinische Einrichtungen zu verlieren begann, nach eigenen Angaben auf »zuverlässige Medienquellen« stützt, um seine Daten über Opfer zu erheben.

David Adesnik erklärte, der neue AP-Bericht decke nun zwar die Unwahrheiten der Hamas in Bezug auf deren eigene Zahlen auf, untersuche aber nicht, warum die Methodik des Gesundheitsministeriums, sich auf ungenannte Medienquellen zu stützen, größere Zweifel an der Richtigkeit seiner Behauptungen in diesem Konflikt im Vergleich zu früheren Kampfrunden aufkommen lassen muss. Der AP-Bericht gehe nämlich nicht darauf ein, »wie viele der vom Hamas-Ministerium angeführten Todesopfer auf den angeblich ›zuverlässigen Medienquellen‹ beruhen und nicht auf Krankenhausberichten oder anderen wirklich zuverlässigeren Quellen. Ich denke, eine diesbezügliche Untersuchung würde der Glaubwürdigkeit des Gesundheitsministeriums wirklich schaden«, fasst Adesnik zusammen.

»Im ersten Quartal 2024 wurden 75 Prozent der neuen Todesfälle diesen Medienquellen entnommen«, fügte er hinzu, wobei nie erklärt worden sei, »wer oder was diese Medien sind und warum wir sie für glaubwürdig halten sollten. Ich weiß nicht, auf welche unabhängigen Medien man sich im Gazastreifen stützen soll, wo die Hamas natürlich alle an der kurzen Leine hält. Und die westlichen Medien waren in dieser Hinsicht bemerkenswert leichtgläubig.«

Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

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