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Antizionistischer Antisemitismus: Der Stolperstein der Linken (Teil 1)

Erich Fried befeuerte den linken Antisemitismus, Jean Améry kritisierte ihn
Erich Fried befeuerte den linken Antisemitismus, Jean Améry kritisierte ihn (© Imago Images / SKATA, Allstar)

Die Linke ist – wie alle anderen ideologischen Strömungen – nicht gefeit vor Antisemitismus und Antizionismus. Dazu ein Beitrag einer links-liberalen, sozialen Demokratin in zwei Teilen. (Teil 2 finden Sie hier.)

Barbara Serloth

Die Linke (als Konglomerat vieler Gruppierungen gesehen) ist, wie alle anderen ideologischen Strömungen auch, vor Antisemitismus und Antizionismus nicht gefeit. Sie ist jedoch aufgrund ihrer ideologischen Grundausrichtung eine der wenigen politischen Bewegungen, die diesen, wenn er der Agitation dient, vor sich und den anderen ins Legitimierbare transformieren muss. Mit der Legitimierung gehen nicht selten Verharmlosungen, Ausblendungen und Marginalisierungen genauso einher wie intellektuelle Bequemlichkeit und Redlichkeit.

 

Über die (Un-)Verträglichkeit des linken Antizionismus mit der linken Redlichkeit: Fried versus Améry

Erich Fried nannte einen seiner Gedichtbände Einbruch der Wirklichkeit. Fried war, im Unterschied zu vielen anderen, ein humorvoller Mann, der sich der Tragweite von Ambivalenzen – und wohl auch ihrer Unausweichlichkeit – bewusst war. Bei Israel war jedoch alles anders. Bei diesem Thema war auch ein Fried nicht mehr humorvoll, nicht mehr abwägend, nicht mehr wachrüttelnd, sondern nur noch trotzig; da vermied er alles, was einen Einbruch der Wirklichkeit in seine Wahrnehmungen erlauben hätte können.

In seinem berühmten, antizionistischen Gedicht Höre, Israel, das er 1967 nach dem Sechstagekrieg geschrieben hat, klagt er den Verlust der Unschuld, das Einordnen in die Täterphalanx Israels an. Der Sechstagekrieg, jener Krieg, in dem Jean Améry, der grüblerische Intellektuelle, den Beginn des linken Antizionismus verortete, wurde für Fried zum großen Sündenfall. Améry sah eher den »als Anti-Israelismus sich gerierenden Antisemitismus der Linken« als solchen Sündenfall an.

Fried irrte, durchaus öffentlichkeitswirksam, im großen Stil. 1976 veröffentlichte er in der Zeitschrift Merkur seine gegen Améry gerichtete Widerrede Ist Antizionismus Antisemitismus? und dokumentierte gleich mit seinem ersten Satz, in welchem Ausmaß er gewillt war, die Realität zurechtzurücken. In einem Deutschland, in dem er die Mehrheit der Deutschen als antisemitismusverabscheuende Zeitgenossen betrachtete, fand er es »furchtbar, wenn hier die Antisemitismusbeschuldigung missbraucht« werde.

Die linken Antisemiten waren begeistert; die rechten und konservativen wohl ob der Gesamteinschätzung etwas erstaunt. Ein Einspruch wäre allerdings politisch höchst unklug gewesen, ergo wurde er unterlassen. Im Endeffekt waren die Kritiker ins Eck der ewigen Nörgler gedrängt, denen niemand etwas Recht machen kann. Wäre es um eine professionelle PR-Aktion gegangen, müsste man dem handwerklichen Können seine Hochachtung aussprechen. Das war es jedoch nicht. Auch deshalb sollte Frieds Widerrede, ohne inhaltliche Verharmlosung, als veritabler Selbstbetrug eines gerade noch Davongekommenen gesehen werden.

Erich Fried ist nicht nur bis heute eine Ikone des linken Antizionismus. Er hat auch die wesentlichen Schutzbehauptungen bereits sehr früh mitgetragen und durch die Macht seiner literarisch-öffentlichen Autorität ihre Zitier- und Vertretbarkeit nachhaltig vor Angriffen geschützt.

Jean Améry hat der Linken im Gegensatz dazu keine Ausrede gewährt. Der Fragenkomplex, wie mit antikapitalistischen, antifaschistischen, antikolonialistischen ideologischen Grundausrichtungen im Falle Israels umzugehen sei, komprimierte er auf die Frage der Ehrbarkeit. Améry klagte ausdrucksstark an, dass »die Allianz des antisemitischen Spießer-Stammtisches mit den Barrikaden« Sünde wider den Geist sei; um letztlich, als Linker – im Wissen um die bunte Verlockung von Einfachheit und die Mannigfaltigkeit des Judenhasses – die Linke zu bitten, redlich zu sein, denn es gäbe keinen ehrbaren Antisemitismus. Seine Reflexion beendete er letztendlich allerdings nicht mit einem Aufruf an das Gute, sondern mit den Worten des gekonnt harschen Sartres, der schnörkellos erklärte:

»Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod des Juden.«

Dr. Barbara Serloth ist Politikwissenschaftlerin, Senior Parliamentary Advisor im österreichischen Parlament und langjährige Lektorin am Institut für Staatswissenschaft. Der Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich Demokratie/Parlamentarismus, Nationalismus und Antisemitismus. Alle Publikationen stellen ausschließlich die Privatmeinung der Autorin dar.

Zu Teil 2: »Europäischer Antizionismus im 21. Jahrhundert: Links, antisemitisch, global«

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