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Antizionisten übernehmen Wikipedia immer stärker

Wikipedia gerät immer wieder in die Kritik, ein israelfeindliche und antizionistische Schlagseite zu haben
Wikipedia gerät immer wieder in die Kritik, ein israelfeindliche und antizionistische Schlagseite zu haben (© Imago Images / Future Image)

Berichten zufolge zahlen auch Staaten Geld dafür, Wikipedia-Einträge zu beeinflussen, was aufgrund der Verbreitung der Online-Enzyklopädie zum Problem wird.

Aaron Bandler

Der Vorsitzender des Louis D. Brandeis Center for Human Rights Under Law und ehemalige stellvertretender US-Bildungsminister für Bürgerrechte Kenneth L. Marcus wird im Wikipedia-Artikel zum Thema Weaponization of Antisemitism [zu deutsch etwa: »Instrumentalisierung des Antisemitismus«] viermal und in den Anmerkungen fünfmal zitiert. »Während er 2010 davor warnte, Antisemitismus zu leugnen oder zu verharmlosen, warnte der Anwalt und Wissenschaftler Kenneth L. Marcus auch vor dem übermäßigen Gebrauch der ›Antisemitismus-Karte‹ und schloss sich damit den Bedenken von Richard Thompson Ford hinsichtlich des allgemeinen Missbrauchs der ›Rassenkarte‹ an«, heißt es in dem Beitrag auf einer der meistbesuchten Websites im Internet.

Gegenüber Jewish News Syndicate erklärte Marcus, Wikipedia offenbare seine Voreingenommenheit allein schon dadurch, dass es überhaupt eine Seite über die »Instrumentalisierung« von Judenhass habe und die dort befindlichen Verweise auf seine Gedanken aus dem Zusammenhang gerissen seien. »Die sogenannte ›Instrumentalisierung‹ ist in Wirklichkeit eher eine Verleumdung jüdischer Vertreter und sollte auch als solche erkannt werden. Sie denken vielleicht, dass sie durch das Zitieren meiner Arbeit ein gewisses Maß an Ausgewogenheit schaffen, aber das Gegenteil ist der Fall. Ich habe zuvor davor gewarnt, Antisemitismus entweder zu verharmlosen oder zu übertreiben, genauso wie ich die gleiche Warnung in Bezug auf andere Formen der Voreingenommenheit ausgesprochen habe.«

Der Wikipedia-Eintrag zitiert seine Arbeit solcherart aus »dem Zusammenhang gerissen, als würde sie die unangemessene Anschuldigung einer Instrumentalisierung stützen«, so Marcus. Dabei habe er im Gegenteil versucht, die Vorstellung von als Waffe eingesetzten Antisemitismusvorwürfen zu widerlegen. »Fürsprecher der jüdischen Gemeinschaft wie ich sind sich der Gefahren der Übertreibung sehr bewusst und haben deutlich gemacht, dass objektive Bewertungen notwendig sind. Dies sollte als Hinweis darauf gesehen werden, dass Vorwürfe der Instrumentalisierung bestenfalls übertrieben oder verzerrt und schlimmstenfalls erfunden sind.«

Der Wikipedia-Artikel erklärt, dass einige die Antisemitismusvorwürfe gegen Israelkritiker mit »der sowjetischen Zensur, dem McCarthyismus und den rhetorischen Strategien gegen die südafrikanische Anti-Apartheid-Bewegung« verglichen haben. Eine der Quellenangaben zu diesem Satz ist ein Artikel aus dem Jahr 2024 von Marshall Ganz, Dozent an der Harvard Kennedy School.

Im Mai 2024 reichte das Brandeis Center eine Klage gegen Harvard ein, in der es erklärte, die Hochschule selbst habe Ganz für die Schaffung eines feindseligen Umfelds gegenüber drei israelischen Studenten für verantwortlich befunden, aber nichts gegen diese Situation unternommen. »Angesichts seiner eigenen Positionen und der Tatsache, dass er israelische Studenten diskriminiert hat, ist Ganz kaum eine geeignete Autorität in dieser Angelegenheit«, konstatiert Marcus. »Dies ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass Wikipedianer, die vorgeben, eine objektive Bewertung abzugeben, sich in Wirklichkeit in übermäßigem Maße auf fragwürdige Zahlen stützen.«

Durchsichtige Methode

Aktivisten forcieren auf Wikipedia bestimmte Narrative, wobei es laut Marcus Anzeichen dafür gibt, dass einige Länder sogar für voreingenommene Bearbeitungen von bestimmten Seiten bezahlen. Der Ausschuss für Aufsicht und Regierungsreform des US-Repräsentantenhauses untersucht derzeit, ob es »systematische Bemühungen« gibt, judenfeindliche und antiisraelische Inhalte auf der Website zu fördern. »In Wikipedia-Communities entstehen Konflikte, die genauso intensiv sind wie die Kriege im Nahen Osten, sodass vernünftige Menschen oft abgeschreckt werden. Das Ergebnis ist, dass die Seiten von extremistischen, antizionistischen Vertretern übernommen werden.«

Der Eintrag der Online-Enzyklopädie über die Bewegung zum Boykott Israels, die Marcus als »antisemitische Hassbewegung« betrachtet, besagt etwa, dass BDS eine »gewaltfreie, von Palästinensern geführte Bewegung« sei, die darauf dränge, dass der jüdische Staat das Völkerrecht einhält. Wäre Wikipedia genauer, würde es sich stärker auf die Art und Weise konzentrieren, wie die Bewegung zum Boykott Israels aus dem Boykott des jüdischen Staates durch die Arabische Liga hervorgegangen ist, der »mit dem früheren Boykott durch die Nationalsozialisten sowie antijüdischen Boykotten in früheren Jahren in Verbindung steht«, erklärte Marcus gegenüber Jewish News Syndicate.

Der Eintrag stelle »die BDS-Bewegung fälschlicherweise als Menschenrechtskampagne dar anstatt als einen umbenannten antisemitischen Boykott. Es ist nicht so sehr, dass sie den Boykott der Arabischen Liga und andere Boykotte Israels nicht erwähnen, als dass sie diese zugunsten einer anderen Erzählung herunterspielen, die von den Wikipedianern vorangetrieben wird.« Der Eintrag »nimmt die eigennützigen Beschreibungen der Mitglieder dieser [Boykott-]Bewegung für bare Münze anstatt sie in einem objektiveren Licht zu betrachten«.

Es sei Methode, eine »relativ kleine Anzahl von etablierten, vernünftigen Kommentatoren« zu zitieren, die von einer »sehr großen Anzahl von stark voreingenommenen, antizionistischen Persönlichkeiten und Plattformen überschattet werden. Eine sehr große Anzahl wichtiger Persönlichkeiten, darunter auch Amtsträger, hat auf den antisemitischen Charakter der Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung hingewiesen«, untermauerte Marcus seine Einschätzung. »Der Eintrag sollte zumindest eine Diskussion über die wichtigsten Persönlichkeiten enthalten, die erklärt haben, warum BDS antisemitisch ist.«

PR für Antizionisten

Die ersten Zeilen des Wikipedia-Eintrags zur Aktivistengruppe Students for Justice in Palestine  (SJP) »hätten nicht positiver geschrieben werden können, wären sie von einer PR-Agentur im Auftrag von SJP verfasst worden«, so Marcus. Die Gruppe sei eine »propalästinensische Aktivistenorganisation von Collegestudenten«, die »Veranstaltungen zu Israels Menschenrechtsverletzungen organisiert«, heißt es in dem Eintrag, der die New York Times zitiert, die sie als »die führende pro-palästinensische Stimme auf dem Campus« bezeichnet. Wikipedia erwähnt zwar die Vorwürfe, darunter auch vom Brandeis Center, dass die Studentengruppe antisemitisch sei, aber »diese Anschuldigungen sind relativ geringfügig im Vergleich zu der offenbar positiven Darstellung dieser höchst umstrittenen Organisation«.

Jewish News Syndicate befragte Marcus auch zu den Wikipedia-Einträgen über antiisraelische Proteste an der University of California, Los Angeles (UCLA), und an der Columbia University im Jahr 2024. Das Brandeis Center hat in beiden Fällen aktive Gerichtsverfahren angestrengt. Obwohl die Klage des Zentrums gegen Aktivisten, die das Protestcamp an der UCLA errichtet haben sollen, in den Medien Beachtung gefunden hat, »bleiben die in der Klage angeführten Fakten« im Wikipedia-Artikel zur UCLA weitgehend unerwähnt. »Das ist bestenfalls faul, aber die Tatsache, dass die Auslassung einseitig ist, wirft eine wichtige Frage auf«, meint Marcus.

Der Eintrag über Columbia stellt die Universität als »Austragungsort einer friedlichen Studentenprotestaktion dar; im Gegensatz zu einer Reihe von hasserfüllten, gewalttätigen Aktionen, die das Ergebnis von externen Organisationen, externen Agitatoren und, ja, auch einigen Studenten waren«, fasste Marcus zusammen. »Es wird der Eindruck vermittelt, dass es sich weitgehend um einen friedlichen Protest handelte, der eine heftige Reaktion der Trump-Regierung provozierte, ohne jedoch ein wirkliches Verständnis für den Antisemitismus zu vermitteln, der eine Reaktion erforderlich machte.«

Das Beängstigende an diesen Texten sei nicht nur, dass sich die Leser so sehr auf Wikipedia verlassen, sondern dass sich mittlerweile auch Systeme künstlicher Intelligenz in hohem Ausmaß darauf stützen, sagte Marcus abschließend. Die Website könne »Vorwürfe« aus antiisraelischen Quellen »weißwaschen« und sie in ausgewogen wirkende »Enzyklopädie-Einträge verwandeln«, die »zur Grundlage für KI-generierte Materialien werden, die wiederum die Grundlage für alle Arten von Bildungsangeboten und Entscheidungsfindungen bilden, was uns allen Angst machen sollte«.

Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

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