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Antisemitismus trennt, was „Sport verbindet“

Ulrich W. Sahm und Elisabeth Lahusen

Im fernen Japan wurde der Israeli Sagi Muki Weltmeister bei den Judo-Wettkämpfen und erlangte so die Goldmedaille. Israel ist Weltmeister. Für die Israelis ein Anlass für Stolz und Begeisterung. Doch die israelische Freude beim Erfolg in internationalen Wettkämpfen wird in vielen Ländern nicht geteilt. Der Grund ist der Hass auf den Juden unter den Völkern, der Hass auf Israel.

Antisemitismus trennt, was „Sport verbindet“
Quelle: Twitter

Nachdem sich Sagi und Mohamed auf der Judo-Matte in Japan nach allen Regeln der Kampfsportart umarmt und geschubst hatten, weigerte sich Mohamed, nach dem Kampf die ausgestreckte Hand seines Judo-Widersachers zu schütteln. Wäre das ein privater Impuls gewesen, müsste man Mohamed „schlechtes Benehmen“ bescheinigen und könnte ansonsten den Vorfall schnell wieder vergessen. Aber es ging da nicht um Sagi und Mohamed sondern um einen Juden/Israeli und einen Araber/Ägypter. Der verschmähte Handschlag reiht sich in eine lange Kette antisemitischer oder anti-israelischer Vorfälle ein und ist ein Ereignis von „politischer Bedeutung“ mit einer langen Vorgeschichte.

Wettkampf im Schatten der National-Flaggen

Bei sportlichen Wettbewerben geht es um die Leistungen der einzelnen Sportler oder Mannschaften. Die Teilnehmer ringen um Gold, Silber oder Bronze. Doch es geht nie nur um den sportlichen Erfolg eines Einzelnen. Es ist ein Wettstreit der Länder. Das wird schon deutlich bei den vermeintlich „unpolitischen“ olympischen Spielen. Bei der Eröffnungsfeier marschieren die jeweiligen Mannschaften im Gefolge ihrer Nationalflaggen ins Stadion. Auf den Siegertafeln werden nicht die Namen der Sportler angezeigt, sondern ihre Nationalsymbole. Und gesiegt haben dann nicht namentlich genannte Sportler, sondern Belgien, Polen oder Japan.

Den berühmtesten politischen Missbrauch der olympischen Spiele inszenierte 1936 das Nationalsozialistische Deutschland. Die Sommerspiele wurden als Propagandaplattform benutzt. Obgleich sich Deutschland gegenüber dem Ausland verpflichtet hatte, Juden nicht zu diskriminieren, hatte der Reichssportführer festgestellt, dass: „Juden die moralische Qualität fehle, Deutschland zu vertreten.“

Mord bei der Olympiade München 1972

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Attentäter in München 1972 (Source, Fair use)

Der schlimmste Vorfall bei einer Sportveranstaltung war zweifellos der Überfall von Palästinensern auf die israelische Mannschaft 1972 bei den olympischen Spielen in München. 11 israelische Sportler wurden dabei von Mitgliedern der Organisation „Schwarzer September“ getötet.

Dieser Überfall hat Nachwirkungen bis heute. Nicht nur hatte sich das olympische Komitee damals geweigert, die sportliche Veranstaltung zu unterbrechen. Bis heute wird immer wieder darüber diskutiert, ob eine Schweigeminute für die ermordeten Sportler eingelegt werden sollte. Problematisch war damals auch das Verhalten der deutschen Regierung unter Willy Brandt. Die überlebenden Attentäter wurden umgehend freigelassen und ins Ausland geflogen. Die deutsche Presse hat sich übrigens mehrheitlich darüber ausgeschwiegen, dass hier sadistische Mörder der Justiz entzogen wurden.

Rassismus als offizielle Politik

Seitdem werden israelische Sportler immer wieder mit Hass und Diskriminierung konfrontiert. Die Weigerung des Ägypters Mohamed Abdelaal, dem Israeli Sagi Muki in Japan – wie bei Judo nach Wettkämpfen vorgeschrieben – die Hand zu drücken, war lediglich der jüngste Vorfall. Ähnliches widerfuhr dem Israeli Or Sasson 2016 bei olympischen Spielen in Rio, nach dem Wettkampf gegen Islam El Shehaby. Der Ägypter musste daraufhin die Spiele verlassen und heimreisen.

Im Fall von Sagi Muki gab es auch noch ein anderes „Opfer“ dieser antiisraelischen Politik. Der iranische Judoka Saeid Mollaei hätte eigentlich gegen den Israeli antreten müssen, schied aber aus, obgleich der Iran angekündigt hatte, israelische Widersacher bei sportlichen Wettbewerbern nicht mehr durch seine Sportler boykottieren zu lassen. Was genau mit Mollaei vorgefallen ist, ist noch unklar. Der ehemalige Judo-Weltmeister habe bewusst eine Niederlage gegen den Belgier Matthias Casse hingenommen, um nicht gegen den Israeli Sagi Muki antreten zu müssen. Auf Befehl aus Teheran habe er eine Verletzung vortäuschen müssen, hieß es im israelischen Rundfunk. Weil er wegen seiner Kritik an der erzwungenen „technischen“ Niederlage in seinem Heimatland Diskriminierung befürchtete, floh er nach dem Wettbewerb in Japan nach Deutschland. Dort habe er um politisches Asyl ersucht.

Nach Angaben der Jerusalem Post habe der Internationale Judobund dem iranischen Judoka Schutz angeboten und hoffe, dass er bei den olympischen Spielen 2020 im Rahmen einer 2015 eingerichteten „Flüchtlingsmannschaft“ antreten möge.

Wikipedia listet Boykott-Maßnahmen gegen Israel auf

Bei Wikipedia findet man eine ganze Liste von anti-israelischen Boykotts und Maßnahmen, nicht nur gegen einzelne Sportler, sondern ganze Sportarten.

Von 1954 bis 1994 war der israelische Fußballbund bei der FIFA als Teil des Asiatischen Fußballbundes (AFC) eingeordnet. Wegen des Israel-Boykotts der Arabischen Liga und einzelner arabischer wie muslimischer Nationen gewannen die Israelis 1958 die Meisterschaft für Asien und Afrika, ohne auch nur ein einziges Spiel gespielt zu haben. 1974 wurde Israel infolge einer Resolution von Kuwait mit einem Mehrheitsbeschluss aus dem AFC geworfen. Die FIFA suchte daraufhin eine Alternative und bewirkte, dass Israel 1992 ein „assoziiertes Mitglied“ der UEFA wurde, also der europäischen Fußballvereinigung. 1994 wurde es Vollmitglied.

Ein ähnliches Konstrukt gibt es auch bei der UNO, wo jedes Land einer Staatengruppe angehören muss. Obgleich Israel geografisch in Asien liegt, dort aber nicht wohlgelitten ist, wurde es bei den UNO-Organisationen Europa zugeordnet. Die anti-israelische BDS Organisation hat erfolglos versucht, Israel auch aus dem europäischen Verein zu entfernen.

Aussperrungen und Geldstrafen

Antisemitismus trennt, was „Sport verbindet“2018 wurde die palästinensische Fußball-Vereinigung PFO unter der Führung von Jibril Rajoub für ein Jahr von Spielen im Rahmen der FIFA gesperrt, weil sie versucht hatte, ein Freundschaftsspiel Argentiniens gegen Israel zu unterbinden. Dabei wurden auch Morddrohungen gegen den Argentinier Lionel Messi und seine Familie ausgesprochen. Radschoub erhielt bei der Gelegenheit eine Geldstrafe in Höhe von SFR 20.000.

2007 verlor der aus Kenja stammende Marathonläufer Mushir Salem Jawher seine bahrainische Staatsbürgerschaft, weil er an einem Marathon in Tiberias am See Genezareth teilgenommen hatte. 2009, infolge des Gaza Krieges, wurden mehrere israelische Sportler boykottiert. Der Tennis-Star Schahar Peer erhielt kein Visum für Dubai, um dort gegen Serena Williams anzutreten. Dubai erhielt eine hohe Geldstrafe. Nach Druck der Tennis-Vereinigung erteilten die Arabischen Emirate daraufhin dem Israeli Andy Ram doch eine Einreisegenehmigung.

Nicht nur in arabischen Staaten, die grundsätzlich Krieg gegen Israel führen, stießen Israelis auf Widerstand. Sogar im vermeintlich so liberalen Europa kam es zu Zwischenfällen. Die Tennisbehörden in der schwedischen Stadt Malmö wollten 2009 im Rahmen des Davis Cup ein Spiel von Israel gegen Schweden absagen lassen, weil sie einen Aufstand der Bürger von Malmö befürchteten. Den Schweden wurde angedroht, vom Davis Cup ausgeschlossen zu werden. Daraufhin beschlossen sie, das Spiel ohne Zuschauer stattfinden zu lassen. Die Stadt Malmö durfte 5 Jahre lang keine Davis Cup Spiele in ihren Grenzen mehr austragen lassen und erhielt eine Geldstrafe in Höhe mehrerer Tausend US-Dollars.

Die BDS-Organisation versuchte ohne Erfolg, Israel von den olympischen Spielen 2012 in London und 2016 in Rio ausschließen zu lassen.

Bei Wikipedia finden sich auch lange Listen mit den Namen iranischer und arabischer Sportler, die von Wettbewerben ausgeschieden sind, wegen „Bauchschmerzen“, „Verletzungen“ und anderen Gründen. Aufgelistet sind da Tunesien, Algerien, Saudi-Arabien und sogar Ägypten, das immerhin als erstes arabisches Land einen Friedensvertrag mit Israel unterzeichnet hat. Ausdrücklich erwähnt wird der Ägypter Islam El Shehaby weil er sich wie sein Kollege Mohamed Abdelaal geweigert hat, die Hand seines israelischen Widersachers Or Sasson nach einem Judo-Kampf zu schütteln.

Erfindungsreiche andere Methoden des Boykotts

Neben den Einreiseverboten und der Weigerung, gegen israelische Athleten anzutreten, gibt es noch eine Vielzahl anderer Varianten, Sportlern aus dem jüdischen Staat zu schaden. So wurde in Qatar bei einem im Fernsehen übertragenen Schwimm-Wettbewerb der Davidstern aus der israelischen Flagge ausgeblendet. Gezeigt wurde eine weiße Flagge mit zwei blauen Streifen. Anstelle des Landesnamens „Israel“ wurde IRS eingeblendet, also der Name der Schwimmer-Vereinigung. Bei verschiedenen Gelegenheiten wurde die israelische Hymne nicht gespielt, wenn ein Israeli auf dem Siegerpodium stand.

2017 in Katar durften die Israeli nicht einmal ihre nationalen Uniformen tragen, sondern traten in der Uniform der Internationalen Judo-Vereinigung auf. Weder durfte die Flagge gezeigt, noch wurde die Hymne bei der Siegerehrung gespielt.

Antisemitismus trennt, was „Sport verbindet“
Liel Levitan (Screenshot via Hadashot TV)

Im Dezember 2017 verweigerten die Saudis sieben Israelis das Visum. Sie wollten dort an einem Schach-Wettbewerb teilnehmen. Wegen des Flaggenstreits wurden Tunesien und Abu Dabi daran gehindert, 2019 den Schachwettbewerb auszutragen. Sogar dem 7 Jahre alten israelischen Mädchen Liel Levitan wurde die Einreise verweigert. Der Fantasie sind offenbar keine Grenzen gesetzt, auch in den Sportstadien, den politischen Krieg gegen Israel fortzuführen.

Fußball „Wir-Gefühl“ anfällig für Ausgrenzung

Bei Fußballspielen ist stets eine mächtiges „Wir-Gefühl“ präsent, wenn sich die Fans der beiden gegeneinander spielenden Vereine auf den Tribünen begegnen. Immer wieder wird da auch Rassismus mit Grölen und Handgreiflichkeiten gefeiert. Jüngst traf es den israelischen Schiedsrichter Orel Grinfeld bei einem Spiel von Eintracht-Frankfurt gegen Racing Straßburg. Er wurde von den Frankfurter Tribünen aus als „Judensau“ beschimpft.

Rassismus auch in Israel

Aber rassistische Vorfälle kommen auch in Israel vor. Berüchtigt ist der Jerusalemer Verein Beitar, wo sich anti-arabisch eingestellte Fans als „La Familia“ zusammengeschlossen haben. Im März 2012 griffen hunderte Beitar-Anhänger nach einem verlorenen Spiel arabische Angestellte eines Einkaufszentrums an und riefen rassistische Parolen. Die Ausschreitungen wurden in Israel selbst vielfach als Pogrom bezeichnet. Zuletzt beschimpften die Fans einen frisch eingestellten Spieler aus Niger mit den Vornamen Ali Mohammad, weil sie vermuteten, er sei Moslem. Ali Mohammad ist trotz seines muslimischen Namens Christ. Aber das nur am Rande. Und den Rassisten unter den Fans war es letztlich sowieso egal.

Es wird vermutlich nie ganz gelingen, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit abzuschaffen. Es bleibt letztlich Aufgabe von Politik und Zivilgesellschaft, dafür zu sorgen, dass die olympische Idee sich durchsetzt:

„Der Olympismus ist eine Lebensphilosophie, die gleichsam die Bildung von Körper und Geist anstrebt. In der Verbindung des Sports mit Kultur und Erziehung soll ein Lebensstil entwickelt werden, der Freude an der Leistung mit dem erzieherischen Wert des guten Beispiels und dem Respekt vor universalen und fundamentalen ethischen Prinzipien verbindet.“
(Pierre de Coubertin, Gründer des Internationalen Olympischen Komitees)

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