Latest News

Antisemitismus und Autoritarismus: Ein Linker warnt vor Linken

Heute erscheint Nicolas Potters Buch »Die neue autoritäre Linke«
Heute erscheint Nicolas Potters Buch »Die neue autoritäre Linke« (© Olga Blackbird, Nutzungsrechte: honorarfrei)

Taz-Autor Nicholas Potter deckt in einem Buch auf, wie Teile der linken Szene in Deutschland durch islamistische und russische Propaganda unterwandert sind.

Judith Theulé

Die Gefahr erlebte der Journalist Nicholas Potter selbst hautnah. Davon erzählt er auf den ersten Seiten seines gerade erschienenen Buchs Die neue autoritäre Linke – eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft. Er befand sich im Dezember 2024 in einem Bus auf dem Rückweg vom Kibbuz Be’eri nach Jerusalem. Den Ort des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 hatte er gerade besucht und versuchte nun, seine Eindrücke zu verarbeiten. Da entdeckte er die ersten Social-Media-Beiträge gegen sich auf seinem Handy.

Die Angriffe starteten mit einem Post aus neun Kacheln mit Foto von ihm und Screenshots. Sie prangerten ihn als Teil der »Propagandamaschine Israels« an. Er würde vom deutschen und israelischen Staat bezahlt und nicht, wie tatsächlich, von der taz-Redaktion. Zur Last wurde ihm gelegt, einmal für die »stramm zionistische« Zeitung Jüdische Allgemeine geschrieben und für die Amadeu Antonio Stiftung gearbeitet zu haben, die als »staatlich finanziertes Kraftwerk zionistischer Propaganda« und damit ebenfalls als Feind markiert wurde.

Nachhall in den Kommentaren: Potter sei ein »ZioNazi«, ein »Faschist« und »kein unschuldiger Zivilist«. Deswegen werde er zur Rechenschaft gezogen werden, wurde gedroht. Auf der Plattform X schrieb jemand, er sehe israelisch genug aus, um ihn an die Front zu schicken – dort könne er sich vom »Widerstand« in Bratwurst verwandeln lassen.

Im Visier

Es war nicht der erste Shitstorm, den der Journalist erlebte, da er schon seit längerer Zeit über Nazis, Querdenker oder Reichsbürger recherchiert. Aber es war »mit Abstand der intensivste« und komme »von Menschen, die sich wie ich für links halten«. Darüber äußert sich der 36-jährige, britisch-deutsche Autor besonders betroffen: »Das schlägt anders auf einen ein, es hat eine andere Wirkung. Es fühlt sich so persönlich, so nah an.«

An einer anderen Stelle des Buchs beschreibt er seine bisherige und noch anhaltende Zugehörigkeit zur Linken. Er sei in alternativen subkulturellen Räumen sozialisiert worden, von Technopartys über Punkkonzerte bis zu selbstverwalteten Zentren, sei auf die Straße gegangen, um Nazis aufzuhalten und sich für eine gerechtere Welt einzusetzen. Und er schreibe weiterhin als taz-Journalist. Doch hätten sich »große Teile dieser Linken« spätestens seit dem 7. Oktober 2023 verrannt. Das erlebte er noch stärker, als sich die Online-Hasswelle ab April 2025 in eine Art Hetzjagd verwandelte.

Unter der Überschrift »Wanted« fand sich sein Foto auf Plakaten neben der Humboldt-Universität in Berlin, darüber das rote Dreieck der Hamas. Dazu der Aufruf auf Deutsch, Arabisch und Englisch: »Lass uns denjenigen, die den Völkermord in Palästina ideologisch ermöglichen, keine Sekunde der Sicherheit gönnen.« Das rote Dreieck benutzt die Hamas, um Feinde zu markieren, die zum Abschuss freigegeben werden. Die neuen autoritären Linken hätten dieses Symbol übernommen, so Potter, deswegen stehe es auch auf dem Cover seines Buch. Es zeuge von einer begeisterten Bereitschaft, sich der Bildsprache einer islamistischen Terrororganisation anzueignen.

In den Monaten nach dem Auftauchen des Plakats stand Potters Wohnhaus unter Polizeischutz. Die Eskalation ging weiter: Wie eine Art Fahndung klebten Sticker mit seinem Gesicht und Ausdrucken der gegen ihn gerichteten Online-Kacheln an Litfaßsäulen, Ticketautomaten, Mülleimern und Laternen in Berlin.

Die Kampagne gegen Potter startete die englischsprachige Internetseite Red Media. Über sie hatte der später angegriffene Autor zum ersten Mal im Oktober 2024 für die taz berichtet. Mit Sitz in Istanbul agierte Red Media von Berlin aus und wurde im Mai 2025 als Medium der russischen Propaganda von der EU sanktioniert. Die Website bezeichne sich als »revolutionär« und »antiimperialistisch«, so Potter. »Das Narrativ: Deutschland sei ein Polizeistaat, der jeglichen Protest gegen Israel niederknüppele, Solidarität mit Palästina sei so gut wie verboten.« Zum ersten Jahrestag des 7. Oktobers 2023 veröffentlichte das Medium eine Reihe von Interviews mit Vertretern der Terrororganisationen Hamas, Hisbollah, PFLP und der Huthi, die sich selbst als Teil der »Achse des Widerstands« betrachten.

Red Media stellt terroristische Gewalt als legitimen Widerstand dar. Dennoch könne sich das Portal auf einen treuen Unterstützerkreis innerhalb der Linken verlassen, so Potter. Der Autor erwähnt die vorbestrafte Aktivistin Yasemin Acar, die zweimal mit Greta Thunberg nach Gaza zu segeln versuchte, und den Aktivisten Hasan Özbay. Die Hasskampagne gegen ihn hätten außerdem die documenta-Künstlerin Hamja Ahsan, die MERA25-Partei-Spitzenkandidatin Melanie Schweizer, die antiisraelische US-Aktivistin Abier Khatib und der britische Autor Alan MacLeod geteilt.

Mosaiksteine

Der autoritäre linke Aktivismus erreiche viele junge Menschen im linken Spektrum, meint Potter. Er gebe sich progressiv, werde zum Vibe und lasse eine politische Atmosphäre entstehen, in der demokratiefeindliche Tendenzen mit aggressiven Störaktionen, Fahndungsplakaten und Mordaufrufen normalisiert werden – auch gegen Menschen aus den eigenen Reihen, die nicht auf Linie seien. Das verstärke die extremistischen Ränder und destabilisiere die liberale Demokratie, was der Kreml-Strategie entspreche.

Potter zitiert außerdem einen offenen Brief des kürzlich getöteten Obersten Führers des Irans, Ayatollah Ali Khamenei, aus dem Mai 2024 bezüglich der Gaza-Proteste an westlichen Hochschulen. Die Studenten hätten einen »neuen Zweig der Widerstandsfront« gegen den jüdischen Staat eröffnet, applaudierte er.

Im besten journalistischen Stil entlarvt Potter akkurat Namen, Orte und Fakten, die den autoritären Wandel der Linken in den letzten Jahren verdeutlichen. Er weist zum Beispiel darauf hin, dass die in Deutschland verbotene Organisation Samidoun nun unter dem Namen Masar Badil agiere. Detailliert beschreibt er das Handeln der autoritären Linken in aktivistischen Netzwerken, an Hochschulen, in der Popkultur und in sozialen Medien.

Potter betont selbst, dass er damit nur »Mosaiksteine« und kein komplettes Bild der autoritären Linken liefere. Jedoch schafft es sein Buch, das Problem sehr greifbar zu machen. Außerdem hat es den großen Verdienst, einen Begriff für diesen Trend zu prägen. Auch Linke und weitere politische Kräfte, die bisher keine Gefahren witterten, dürften alarmiert werden.

Potter betont, er habe nicht vor, alle Linke in Verruf zu bringen, sondern nur vor den extremistischen und antidemokratischen Auswüchsen zu warnen. Er habe lange überlegt, ob er das Buch schreiben sollte und habe sich dafür entschieden, auch weil er sich dadurch gegen die Angriffe wehre. Außerdem würde nicht nur er, sondern viele Menschen aus Politik und Medien durch die autoritäre Linke eingeschüchtert. Damit werde »an den Fundamenten der liberalen Demokratie gerüttelt«.

Alle im Buch genannten Personen bat Potter vor der Veröffentlichung um eine Stellungnahme. Größtenteils bekam er keine Antwort. In ähnlichem Stil hat die französische Journalistin Nora Bussigny gearbeitet. Ein Jahr lang recherchierte sie verdeckt. Im September 2025 erschienen ihre Informationen über die Unterwanderung der linksextremen Partei La France Insoumise durch terroristische Netzwerke in ihrem Buch Les nouveaux antisémites. Auch sie brauchte danach Polizeischutz.

Sorge und ein bisschen Hoffnung

Eher pessimistisch endet Potters Buch mit der Überschrift »Vorhang zu, alle Fragen offen«, obwohl es auch zeigt, dass der Autor längst nicht isoliert ist. Er baut Zitate und Interviews von Linken ein, die sich ähnlich wie er »Riesensorgen« um ihre politische Heimat machen.

Die ehemalige Bundestagsabgeordnete der Linken, Martina Renner, weist auf viele Linke aus der Zivilgesellschaft hin, die wie sie aus der antifaschistischen Recherche kommen. Auch sie würden die Entwicklung der autoritären Linken als problematisch sehen, da Antisemitismus und Demokratiefeindschaft dort wachsen. Renner kritisiert außerparlamentarische Gruppen, die linke Themen für ihr eigenes autoritäres Projekt instrumentalisieren. Potter erwähnt die Gruppe Young Struggle, die mit der Untergruppe Pride Rebellion an queere Strukturen andocke, und die Gruppe Zora, die feministische Themen kapere.

Ganz zum Schluss äußert der Autor doch noch einen Funken Hoffnung. In undogmatischen Teilen der Linken sei eine Debatte über autoritäre Tendenzen und antisemitische Weltbilder längst im Gange – zumindest in Deutschland. International würden gewaltbereite Gruppen wie Palestine Action leider im Aufwind sein. Deswegen plädiert Potter für klare Grenzen gegenüber den autoritären Linken und für die Stärkung derjenigen, die sich ihnen mutig entgegenstellen.

Gerade jetzt sei eine emanzipatorische, undogmatische Linke wichtig, um eine Brandmauer gegen die Feinde der Demokratie zu bilden. Diese seien, so Potter, rechtsextreme Kräfte wie die AfD, autoritäre Staaten wie Russland, Autokraten wie Donald Trump und seine Anhänger. Zu den wertvollen Eigenschaften der Linken zählt er weiterhin utopisches Denken, kreative Protestformen, ein radikales Infragestellen von Machtstrukturen und den Glauben, dass man alles auch besser machen könne.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!