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»Antisemitismus, fürchte ich, ist ein Wachstumsmarkt«

Stephan Trüby im Mena-Interview: »Antisemitismus, fürchte ich, ist ein Wachstumsmarkt« (Quelle Verena Müller)
Stephan Trüby im Mena-Interview: »Antisemitismus, fürchte ich, ist ein Wachstumsmarkt« (Quelle Verena Müller)

Im Interview mit Jasmin Arémi spricht der Architekturtheoretiker und Professor Stephan Trüby von der Universität Stuttgart über das Klima an deutschen Hochschulen seit dem 7. Oktober 2023.

Jasmin Arémi (JA): Wie schätzen Sie das aktuelle Klima an den Universitäten ein, insbesondere seit dem 7. Oktober 2023?

Stephan Trüby (ST): Unterschiedlich. Technische und technisch geprägte Universitäten erscheinen mir insgesamt eher ruhig; Ausnahmen in Berlin oder Zürich bestätigen die Regel. Hochschulen mit starkem geisteswissenschaftlichem Profil stehen hingegen stärker im Fokus der Auseinandersetzungen, nicht nur in Deutschland. Das gilt auch für Kunstakademien.

Gleichzeitig beobachte ich ein wachsendes Entfremdungsgefühl vieler im Wissenschaftsbetrieb von ihrer eigenen Disziplin im internationalen Kontext. Vor allem Menschen, die sich intensiv mit Antisemitismus befassen, erleben den 7. Oktober als Bruch, auch innerhalb ihres Fachs. Das betrifft nicht nur die politisierten Teile der Architekturtheorie und der Kunstwissenschaften, sondern beispielsweise auch die Amerikanistik oder die internationalen Rechtswissenschaften. Interessanterweise ist die Soziologie davon vielleicht am wenigsten betroffen, was sicherlich damit zusammenhängt, dass die Antisemitismusforschung aus der Soziologie heraus entstanden ist.

Verschleierte Grenze

JA: Beobachten Sie Veränderungen in der Offenheit oder Aggressivität antisemitischer beziehungsweise antiisraelischer Positionen im akademischen Raum?

ST: Sehr deutlich, und zwar vor allem innerhalb linker und linksliberaler Milieus. Alte innerlinke Konfliktlinien, oft verkürzt auf Gegensätze wie »antiimperialistisch« versus »antideutsch«, werden neu konturiert, auch wenn diese Begriffe heute kaum noch im Zentrum stehen. 

JA: Nach einem Artikel von Ihnen in der NZZ über antisemitische Tendenzen am Architekturdepartement der ETH Zürich standen Sie eine Zeit lang unter Beschuss aggressiver antiisraelischer und antisemitismusverharmlosender Milieus. Auch propagandistisch arbeitende Journalisten beteiligten sich daran, wie etwa kürzlich die Onlineplattform Das Lamm.

ST: Man muss vielleicht nicht jedes Schweizer Randmedium mit einer Reaktion beehren, aber das allgemeine Feedback auf den Text war sicherlich nicht durchweg vergnügungssteuerpflichtig. Ich empfehle jedoch, auch das Positive zu sehen: Mit einem Artikel, der in enger Zusammenarbeit mit ETH-Lehrenden entstanden ist, die sich von dieser Entwicklung schon seit Längerem bedroht fühlten, sich aber nicht zu exponieren trauten, geriet ein dominanter, ressentimentgeladener Diskurs plötzlich in die Defensive. Er musste anfangen, über eigene blinde Flecken nachzudenken. Freilich strengte dann eine der kritisierten Personen – Samia Henni – mit viel Tamtam eine Klage gegen die NZZ und auch mich persönlich an, aber erwartungsgemäß ging die juristische Auseinandersetzung für die Zeitung und mich sehr erfreulich aus.

JA: Der Text konnte so bleiben wie er ist?

ST: Ja, weil klar wurde, dass alles stimmt. Wie bei Vergleichen vor Schweizer Handelsgerichten üblich, wurde zur Befriedung noch eine kurze »Klarstellung« angefügt, in der betont wird, dass der Text ihr keine »antisemitischen Positionen« vorwirft, was er tatsächlich so explizit auch nicht tut.

JA: Sie bekennt sich in der Klarstellung auch zum Existenzrecht Israels.

ST: Was bei einer Autorin, die in ihrer Dissertation die 1955 gegründete israelische Stadt Lachisch in einem »occupied territory of Palestine« verortet, diverse Veranstaltungen mit Israel delegitimierendem Impetus in Cornell und in Zürich begleitete und BDS-Aufrufe unterstützte, durchaus überraschend war. Aber es ist doch erfreulich, wenn Artikel zu veränderten Sichtweisen führen! Wer die Langfassung des NZZ-Textes mit allen Nachweisen nachlesen will, kann dies übrigens neuerdings in der aktuellen Ausgabe von OnCurating tun.

JA: Die Gegenseite, zu der auch Teile des Architekturdepartements der ETH Zürich zählen, verkauft das juristische Resultat auch als Erfolg. Sind das postfaktische Dynamiken?

ST: Ich würde schon sagen, dass das Kommunikationsgebaren des ETH-Architekturdepartements weit über Gesichtswahrung hinausgeht. Problembewusstsein sieht anders aus. Dass die Schieflage fortbesteht und sich de facto auch noch als viel heikler entpuppt hat als in meinem NZZ-Text beschrieben, wurde einer großen Öffentlichkeit mit der Skandalkonferenz »Der große Kanton: The Rise and Fall of the BRD« deutlich. Sie war von Philip Ursprung, Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH, co-organisiert worden. Er war auch Doktorvater von Henni.

Im Vorfeld von »Der große Kanton« hatte das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender einen Protestbrief veröffentlicht, weil befürchtet wurde, dass sich hinter der scheinbaren Kritik an der deutschen Staatsräson ein Angriff auf Israel, seine Legitimität und die Erinnerungskultur nach der Shoah verbirgt. Und so kam es dann ja auch, wie vielfach berichtet wurde.

Konformismus statt Erkenntnis

JA: Welche Rolle spielt der akademische Habitus, das vermeintlich »kritische Denken«, bei der Legitimierung oder Verschleierung antisemitischer Muster?

ST: Eine große. Antisemitismus und antisemitismusverharmlosende Tendenzen gibt es in politischen Milieus jeglicher Couleur, auch unter Menschen, die sich als »progressiv« und linksaktivistisch verstehen. Ich kann mir das nur so erklären, dass diese Kräfte vor immensen Herausforderungen in den Bereichen Klimapolitik und soziale Gerechtigkeit stehen, gleichzeitig angesichts rechtspopulistischer und neofaschistischer Gegenbewegungen kaum einen Schritt vorankommen, und sich dann auf den symbolischen Ersatzkampf gegen das vergleichsweise winzige Israel als vermeintlich teuflisches Land im Schnittpunkt aller Probleme verlegen. Das sieht man an Greta Thunberg sehr gut. Im Feld der Architektur könnte man in diesem Zusammenhang beispielsweise auch an Charlotte Malterre-Barthes denken.

Dazu kommt, dass es gerade in der jüngeren Generation zwar ein großes – und natürlich sehr berechtigtes Interesse – an den Themen Rassismus und Kolonialismus gibt, sich aber deutlich weniger Menschen für die zweitälteste Diskriminierungsform der westlichen Welt nach der Unterdrückung der Frau interessieren, nämlich für den mindestens 2000 Jahre alten Antijudaismus bzw. Antisemitismus. Er hat bereits lange vor Beginn des Kolonialismus und lange, bevor westliche Gesellschaften überhaupt einen Begriff von »Rasse« hatten, die gesamte kulturelle Produktion Europas geprägt. Gleichzeitig ist er international kaum erforscht. Wer sich mit dieser Geschichte befasst, weiß, dass die »lange Dauer« des Antijudaismus/Antisemitismus immer auch eine Geschichte der Umwegkommunikation war. Heute trifft es eben vor allem den Staat Israel, wenn man »die Juden« diskriminieren will.

JA: Wie sollten Universitäten reagieren, wenn Lehrkräfte öffentlich mit antisemitischen oder verschwörungsideologischen Inhalten auffallen?

ST: Eine allgemeingültige Handlungsanweisung kann es nicht geben. Da die Wissenschaftsfreiheit ein hohes Gut ist, sollte nicht immer reflexhaft gecancelt werden. Gleichzeitig sägen Wissenschaftlerinnen, die antisemitische Narrative und Gerüchte über Israel verbreiten, an dem Ast, auf dem sie sitzen. Wissenschaft beruht auf einem Prozess der Verifikation und Falsifikation. Eine diskursgetriebene Konfrontation entsprechender Protagonistinnen sollte daher auf jeden Fall erfolgen.

Was ich wahrnehme, ist ein massives strukturelles Problem. Die starke Neoliberalisierung der Hochschulen hat eine ausgeprägte Konsensorientierung in der Wissenschaft hervorgebracht. Forschung ist heute vor allem von Drittmitteln, Review-Verfahren und der Zustimmung der eigenen Community abhängig. Das erzeugt einen Homogenisierungs- und Anpassungsdruck. In bestimmten Fächern und in bestimmten Ländern bedeutet das, dass eine kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Israelhass faktisch zur Exkommunikation führen kann. Man läuft Gefahr, bei diesem Thema zum »verfemten Teil« der eigenen Peer Group zu werden.

»Antisemitismus im kulturellen Feld«

JA: Sie haben an der Universität Stuttgart nun schon zum zweiten Mal eine Konferenz zum Thema »Antisemitismus im kulturellen Feld« ausgerichtet. Was sind zentrale Erkenntnisse?

ST: Die erste Konferenz, die anlässlich des ersten Jahrestages von 7. Oktober 2024 stattfand, war nach künstlerischen Gattungen wie Architektur, Bildender Kunst, Film, Literatur und Theater sortiert. Sie zeigte, dass Antisemitismus und Israelhass in allen Disziplinen einen so massiven Einfluss haben, dass alle Beteiligten über das Ausmaß schockiert waren. Bezüglich meines eigenen Faches, der Geschichte und Theorie der Architektur, wurde mir klar, dass Antisemitismus nicht einmal in der Historiografie nationalsozialistischer Architektur ein zentraler Begriff ist. Stattdessen redet man irgendwie von »Macht«.

Bei der zweiten Konferenz, die im November 2025 stattfand, standen nicht mehr die Gattungen, sondern kulturelle Techniken wie das Forschen, das Verfertigen, das Aufführen, das Schreiben und das Beraten im Vordergrund. Sie zeigte vor allem, dass man die eigene Disziplin ein Stück weit hinter sich lassen und sich unter anderem in Religionsgeschichte vertiefen muss, um das Thema Antisemitismus anzugehen. Dann bekommt man auch die kryptoreligiösen Bestände der Kunstwelt, und damit die Anfälligkeit für Diabolisierungen, schärfer gestellt.

JA: Sie waren auch Gesprächspartner von »Antisemitismus als Kulturtechnik« (ASK), einem wachsenden Interviewarchiv und Recherchetool des Forums demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst (Forum DCCA). Und sprachen dort unter anderem von einem strukturellen Israelhass bei Architekturbiennalen. Woran lässt sich das konkret festmachen?

ST: Mein Beispiel ist die Architekturbiennale 2023, kuratiert von Lesley Lokko, die einerseits eine durchaus verdienstvolle Ausstellung war, weil sie zum ersten Mal in der Geschichte der Biennale den afrikanischen Kontinent ins Zentrum rückte. Gleichzeitig stellte die Schau auch eine bis dato nie dagewesene Normalisierung antiisraelischer Agitation dar, verantwortet ausgerechnet von einer Kuratorin, die Tochter einer jüdisch-schottischen Mutter (und eines ghanaischen Vaters) ist.

Im Rahmen der Ausstellung wurde der Goldene Löwe an Sandi Hilal und Alessandro Petti von Decolonizing Architecture Art Research (DAAR) vergeben, die mit vielen ihrer Aktivitäten und Publikationen Israel delegitimieren. Teil der Ausstellung war auch Léopold Lambert, ein Pariser Architekturaktivist, der in sozialen Medien den 7. Oktober feierte, die Geiselnahmen verteidigte und als Macher von The Funambulist breite Unterstützung in der postkolonialen Architekturszene erfährt.

JA: Gab es Proteste?

ST: Nein, komplettes Schweigen in allen Architekturmedien. Höchstens betretenes Räuspern hinter den Kulissen. Auffällig war auch, dass es im Gegensatz zur documenta fifteen bis auf einen Artikel von mir in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung keinerlei zivilgesellschaftliche Kritik gab. Ich habe diesen Text auch diversen italienischen, französischen und englischsprachigen Medien angeboten, es gab kein Interesse. Man wisse viel zu wenig über den israelisch-palästinensischen Konflikt, war die häufige Antwort. Gleichzeitig werden die krassesten antiisraelischen Positionen publiziert.

Die Ignoranz antisemitischer und gegen Israel gerichteter Gewalt hat meines Erachtens aber nicht nur mit blinden Flecken des internationalen Architekturbetriebs zu tun, sondern auch mit dem konkreten Ausstellungsort. In Italien sind solche Positionen deutlich stärker gesellschaftlicher Mainstream. Sie stehen dort in einer langen historischen Kontinuität, von der Zerstörung des Zweiten Jüdischen Tempels durch die Römer über den christlichen Antijudaismus bis in die Gegenwart. Hinzu kommt, dass antisemitische Tendenzen, auch die aus der Zeit des italienischen Faschismus, die gesellschaftlich kaum aufgearbeitet wurden.

Es ist auch eine schreckliche Ironie der Geschichte, dass dies alles ausgerechnet in Venedig passierte. Denn der Begriff »Ghetto« leitet sich von der gleichnamigen venezianischen Insel im Sestiere Cannaregio ab. Dort befand sich ab dem 16. Jahrhundert das abgeschlossene Wohngebiet für die jüdische Bevölkerung der Stadt, bis zu seiner Aufhebung 1796 unter Napoleon.

JA: Woher kommt die Ignoranz gegenüber Antijudaismus und Antisemitismus? 

ST: Antijudaismus und Antisemitismus entstehen oft, wenn zwei gesellschaftliche Gruppen ihre Antagonismen nicht lösen können und sich stattdessen einen Alternativschauplatz für das Ausagieren ihrer Aggressionen suchen. So war das in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Herzogtum Württemberg, als es Konflikte zwischen der katholischen Aristokratie und der protestantischen Mehrheitsbevölkerung gab. Als der Herzog 1737 starb, entlud sich bestialische Vernichtungslust an seinem jüdischen Hoffaktor Joseph Süß Oppenheimer. Er wurde in Stuttgart vor Tausenden festlich gestimmter Menschen erdrosselt, danach wurde sein Leichnam sechs Jahre lang in einem Käfig öffentlich zur Schau gestellt. Auch der islamistische Antisemitismus lässt sich in Teilen aus der Konkurrenz von Sunniten und Schiiten erklären.

Die Figur des diskriminierten Dritten taucht in transformierter Form aktuell auch in den Metropolen von Einwanderungsgesellschaften auf, in denen Dekolonisierungserwartungen früher oder später an ihre politischen und ökonomischen Grenzen stoßen. Obwohl sich Israel mindestens so sehr Dekolonisierungs- wie Kolonisierungsprozessen verdankt, fordern viele zwar, Tel Aviv zu »dekolonisieren«, also de facto zu zerstören, aber bloß nicht Rom, Madrid, Amsterdam, Paris, London oder Berlin. Da sollen halt ein paar Objekte aus ethnologischen Museen restituiert und ein paar Straßen umbenannt werden, und das war’s. Was da zu Hunderttausenden gegen Israel protestiert, sind Ersatzhandlungskollektive. Sie kanalisieren ihre kleinen und großen Enttäuschungen in Richtung des jüdischen Staates, zugleich scheut man zu Hause jedoch die Konsequenzen von Dekolonisierung, also die radikale Infragestellung der eigenen Städte, Institutionen und materiellen Grundlagen.

JA: Was könnte man dagegen tun? Und was könnte das für die Architekturtheorie heißen?

ST: Aufklärung ist relevant. Aber ich stelle immer wieder fest, dass Bildungsprogramme an ihre Grenzen kommen, weil die antisemitischen und antiisraelischen Affekte bei vielen Menschen so stark sind. Ansonsten vernünftige Personen können bei diesem Thema wie besessen agieren. Da hilft einerseits nur ein stabiles Rechtssystem und andererseits eine Kultur der Selbstbeobachtung, die manichäische Welteinteilungen in Gut und Böse zugunsten komplexerer Analysen aufgibt. Letzteres wird aber in Zeiten von Klimawandel und Polykrisen nicht einfach werden, und die Suche nach Sündenböcken wird dadurch eher zunehmen. Antisemitismus, fürchte ich, ist ein Wachstumsmarkt.

Für mein Fach heißt das, dass die interdisziplinäre Weite der Kulturtheorie der Enge der Architekturtheorie immer vorzuziehen ist. Erst in der Auseinandersetzung mit Religionsgeschichte und anderen Disziplinen lässt sich der blinde Fleck namens Antisemitismus in der Architektur, und darüber hinaus, besser verstehen.

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