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Antisemitismus und die Grenzen des Sagbaren

Die Presse druckte einen Leserbrief ab, der außer reinem Antisemitsmus nichts enthielt.
Die Presse druckte einen Leserbrief ab, der außer reinem Antisemitsmus nichts enthielt.

Die Presse veröffentlichte einen Leserbrief, der außer reinem Antisemitismus buchstäblich nichts enthielt.

Vergangene Woche war ich in Graz zu Gast, um über Völkerrecht, internationale Gerichte und den »Fall Israel« zu sprechen und zu diskutieren. Einer der Veranstalter verwies bei seiner Eröffnung der Veranstaltung freundlicherweise auf die zwei Bücher, die ich zusammen mit Alex Feuerherdt veröffentlicht habe.

Mir wurde dabei schlagartig klar, wie unterschiedlich Bücher altern können. Unser erstes Buch, Vereinte Nationen gegen Israel. Wie die UNO den jüdischen Staat delegitimiert, ist 2018 erschienen. Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 hat dieses Buch leider dramatisch an Aktualität gewonnen, ist doch die darin ausführlich analysierte israelfeindliche Obsession der Vereinten Nationen eindrücklich bestätigt worden.

Das Verhalten von UN-Generalsekretär António Guterres, UN-Hochkommissar für Menschenrechte Volker Türk und der berüchtigten »Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete«, Francesca Albanese, hätte jedenfalls reichlich Anschauungsmaterial geliefert, um diesem Buch ein weiteres, durchaus umfangreiches Kapitel hinzuzufügen.

Dem anderen Buch, Die Israel-Boykottbewegung. Alter Hass in neuem Gewand (veröffentlicht 2020), ist es dagegen ganz anders ergangen. Die darin analysierte antisemitische BDS-Bewegung gibt es zwar noch immer, aber sie wurde gewissermaßen von dem Tsunami an antisemitischem Hass überholt, der seit 2023 große Teil der Welt überrollt. Angesichts der fast täglichen Meldungen über neue antisemitische Gewalttaten sind die Forderungen der BDS-Kampagne zwar kein bisschen weniger antisemitisch, wirken mittlerweile aber geradezu altbacken.

Wie sehr sich in den letzten zweieinhalb Jahren die Maßstäbe verschoben haben, hat letztens ein Leserbrief in der Tageszeitung Die Presse gezeigt (10. April 2026). Darin ließ ein »Dr. David Reisinger« aus Wien die Presse-Leser an seinen Gedanken über den Nahen Osten teilhaben und kam zu folgendem Schluss: »Eine der Ursachen des Problems ist der religiöse Glaube, bei den Juden handle es sich um ein von Gott auserwähltes Volk«. Und weil die Wurzel des Übels in der religiösen DNA der Juden zu finden sei, würde auch eine »Abwahl von Premier Netanjahu und seiner Bündnispartner« nichts zum Besseren verändern.

Nun kann es nicht überraschen, dass es Leute gibt, die wie Dr. Reisinger antisemitische Ressentiments pflegen. Seit Jahrzehnten weist die empirische Antisemitismusforschung nach, dass knapp ein Drittel der Österreicher empfänglich für derartigen Unsinn ist.

Aber vor dem 7. Oktober 2023 und allem, was seitdem geschehen ist, wäre kaum vorstellbar gewesen, dass die Presse einen Leserbrief abdruckt, der außer astreinem antisemitischem Müll buchstäblich nicht den Funken irgendeines Arguments enthält. So weit haben sich die Grenzen des Sagbaren verschoben, dass dies für die Presse offenbar ein diskussionswürdiger Beitrag war. Man fragt sich, was als Nächstes zur Debatte gestellt wird. Dass die Juden Brunnen vergiften? Dass der jüdische Glaube Ritualmorde an christlichen Kindern fordert?

Nicht nur auf europäischen Straßen, auf denen tagtäglich wieder Juden attackiert werden, sind alle Dämme gebrochen, sondern offenbar auch in den Redaktionen an sich respektabler Medien. Dass es so weit kommen würde, konnten wir uns nicht vorstellen, als wir 2020 über den Antisemitismus der BDS-Kampagne schrieben.

Das ist ein Auszug aus dem jüngsten Mena-Watch-Newsletter vom 22. April. Wenn Sie unseren Newsletter künftig immer schon am Mittwochnachmittag erhalten wollen, melden Sie sich hier an.

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