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Antisemitismus by Proxy 

Immer mehr Menschen sind vollkommen und zutiefst davon überzeugt, gegen Antisemitismus zu sein. Dennoch befördern sie ihn, und zwar nicht zu knapp. 

Es gibt eine anerkannte seelische Störung, die nennt sich „Münchhausen by Proxy“. Übersetzt heißt das in etwa: „Lügenmaul per Vermittler“. Wer daran leidet, täuscht bei anderen Menschen (häufig bei den eigenen Kindern) Krankheiten vor, führt sie zum Teil sogar bewusst herbei, um danach medizinische Behandlung für die Kranken zu verlangen. Der Münchhausen-Erkrankte ist dann furchtbar entsetzt über das Leid und tut alles, um dem Krankgemachten, nach außen hin, zu helfen – nur, um diese Menschen dann, wenn sie gesunden, aufs Neue krank zu machen. So erlangt der psychisch Gestörte „by Proxy“ also „durch Vermittlung“ die Aufmerksamkeit nach der er – oder natürlich sie – strebt.

Doppelter Maßstab

Immer mehr Menschen leiden an etwas, das ich „Antisemitismus by Proxy“ nennen möchte. Sie sind vollkommen und zutiefst davon überzeugt, gegen Antisemitismus zu sein, ja, sie sind zu Tränen verletzt, wenn man sie dessen bezichtigt. Dennoch befördern sie ihn und zwar nicht zu knapp. Zum Beispiel, indem sie Israel, und überhaupt Dinge, die Juden tun, mit anderen Maßstäben messen, als andere Länder und andere Leute, wenn diese dasselbe oder Schlimmeres tun.

Wenn ein Wuppertaler Gericht das Anzünden einer Synagoge als „Ausdruck von Israelkritik“ wertet und nicht per se antisemitisch, ist das genau so ein Fall. Ebenso, wenn ein Hannoversches Gericht die Plakate der noch jungen deutschen Partei „Die Rechte“, die mit dem Slogan „Israel ist unser Unglück“ wirbt, nicht als hetzerisch anerkennen will.

Auch, wenn der parteilose US-Politiker Bernie Sanders die Israelische Politik und Netanyahu „rassistisch“ nennt, um politisches Kleingeld daraus schlagen zu können – obwohl ihm sicherlich die Gesetze des Landes Israel, verschiedene Volksgruppen betreffend, ebenso geläufig sind, wie der Fakt, dass Menschen aller Farben, aller Herkünfte und vor allem aller Religionen ganz selbstverständlich in allen Schichten der israelischen Gesellschaft anzutreffen sind, ist das so ein Fall. Deutschland, Frankreich, Österreich, die USA und so fort sind in ihrer Realität genauso – oder noch mehr – rassistisch, das ist aber nicht Thema, denn Meldungen wie die von Sanders unterstützen die Menschen darin, ihren Antisemitismus auszuleben, ohne direkt etwas gegen Juden zu sagen.

Vor kurzem wurde in München von einer kleinen antifaschistischen Splittergruppe zu einer Demo „gegen jeden Antisemitismus“ aufgerufen – und sofort kamen Diskussionen (von den größeren antifaschistischen Gruppen ausgehend) auf, dass man da ja sehr gerne mitgehe, man mache sich aber Sorgen, ob man da gottbehüte auch auf Zionisten träfe.

Wegen Auschwitz in die Politik, aber Vertragspartner von Judenhassern

Der deutsche Außenminister betont bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit, wie solidarisch er mit Juden sei, dass er sogar „wegen Auschwitz in die Politik gegangen“ wäre und so fort. Als kürzlich ein Münchner Rabbiner und seine Familie auf der Straße angespuckt wurde, war Herr Maas in der Sekunde in der Synagoge des Rabbiners, um seine Abscheu gegen die Tat kundzutun. Allerdings kämpft er auch mit Zähnen und Klauen darum, das Iran-Abkommen beizubehalten, trifft freundliche Kollegen aus diesem Land und schert sich ganz offensichtlich keinen Deut darum, ob der Iran Israel ebenfalls bespuckt oder nicht.

Aber wer gegen Antisemitismus ist, muss solidarisch mit Juden sein. Und zwar egal wo auf der Welt sie leben. Stattdessen ist man hier solidarisch und da erzeugt man neuen Judenhass.

Gerne laufen die Menschen empört bei „Kippa-Demos“ mit, wenn wieder einmal ein Rabbiner oder sonst ein Jarmulke-Träger angegriffen wurde. Aber sobald man bei solch einer Demo eine Israel-Fahne sieht, geht die Diskussion los. Je einseitiger und ungerechter, je historisch und politisch falscher die Berichte der Massenmedien zum Thema Nahostkonflikt ausfallen, desto mehr tief von der Vergangenheit betroffene Stolperstein-Finanziers finden sich ein, um über die „Besetzung“ herzuziehen, Gaza ein „Freiluft-KZ“ zu nennen und was es an derlei unausgegorenen Anschuldigungen mehr gibt.

Man sieht das eingangs angesprochene Krankheitsbild auch bei einem anderen Thema, das immer wieder aus den Untiefen des antisemitischen Geistes nach oben rülpst, in Deutschland wie in Österreich: dem Schächten.

In Deutschland hat seit 2002 „der Schutz der Tiere“ Verfassungsrang, und zwar in Form eines definierten Staatszieles. Das hat zwar bisher nichts an der Praxis des Kükenschredderns geändert oder daran, dass nach wie vor Schweine immer wieder lebend in kochendes Wasser geworfen werden (ganz zu schweigen von Hummern), aber nur über das Schächten wird in regelmäßigen Abständen so dermaßen hysterisch vor Gericht gezogen. Seit 1995 ist es sowieso in Deutschland offiziell und grundsätzlich nach §4 des TierSchG verboten, weil dies nach Glaubensregeln zwar üblich, aber nicht „zwingend“ vorgeschrieben sei. Eine Ausnahmeregelung kann jedoch erteilt werden, wenn Teilgruppen einer religiösen Gemeinschaft das Schächten für erforderlich halten. Und diese Ausnahmeregeln kommen immer wieder; wie eben erst beim muslimischen Opferfest. Und – zack – war auch sofort wieder die Diskussion da, opportunistischer Weise kurz vor den nächsten Wahlen im Stadtstaat Bremen. Die CDU des Bremen umgebenden Bundeslandes Niedersachsens rief sofort auf – angeblich, weil sie vergaßen, dass auch Juden betroffen seien – das Schächten grundsätzlich immer zu verbieten. Sofort schlugen erwartungsgemäß die Wogen hoch.

Anders als die Andern

 Als sei es nicht längst und mehrfach wissenschaftlich erwiesen, dass das professionelle und jahrelang studierte Schächten, weil es in der Sekunde die Sauerstoff- und Blutzufuhr zum Gehirn unterbindet, das Tier zugleich betäubt und tötet, durchaus „humaner“ (wenn man dieses Wort synonym für qualfreier akzeptieren mag) ist, als der Bolzen, die CO2-Betäubung oder der Elektroschock, die oft genug nicht richtig funktionieren. Das gesamte „Drumherum“ einer korrekten Schächtung, dass die Tiere nicht andere Tiere sterben sehen dürfen, dass sie beruhigt und nah der Heimat sein müssen (und nicht nur wie sie sterben, sondern vor allem auch, wie sie leben!) und was es an dergleichen Regeln mehr gibt, wird natürlich ebenfalls ignoriert. Und unter dem sofort veröffentlichten Protestbrief des Zentralrats der Juden häuften sich rasch die wütenden Zuschriften, die zwar die angeführten Argumente überhaupt nicht gelesen hatten, aber „… das Tierwohl!“

Diese Diskussion ist, ähnlich wie Israels Existenz, die Beschneidungsdebatte oder die Weltbeherrschung der Superreichen, ein unverzichtbares Tool für Antisemiten jeglicher Couleur: Die „Andern“ sind – huch!? – anders als wir! Antisemitismus aber weisen diese Leute allesamt weit von sich, die Arme können gar nicht lang genug sein dafür.

The truth of the pudding is in the eating“, heißt es. Wenn man jede Möglichkeit sofort ergreift, um etwas schlecht zu reden, sofern es Juden tun, wenn man sodann Gegenargumente ignoriert, verdreht, sich noch statt Experten lieber jüdische Zeugen sucht, die das Verdrehte dann bestätigen, dann ist man ganz offensichtlich obsessiv mit Juden beschäftigt. „Ich habe ja nichts gegen Juden, aber …“ Und so sucht man einen Vermittler, der krankgemacht wird. Die Tiere leiden, Israel ist rassistisch, Beschneidung verletzt Babys und die Synagogen-Brandstifter wollten ja nur Kritik üben. Und das ist Antisemitismus by proxy.

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